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„Der Abschied aus der Politik ist endgültig“

Andrea Wicklein (SPD) im Interview „Der Abschied aus der Politik ist endgültig“

15 Jahre lang saß die Potsdamer SPD-Politiker Andrea Wicklein im Bundestag. Zur nächsten Wahl kommenden Sonntag tritt sie nicht mehr an. Im MAZ-Interview spricht sie über CSU-Politiker am Klavier, den Palast der Republik und darüber, ob sie gerne Oberbürgermeisterin von Potsdam geworden wäre.

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Andrea Wicklein im MAZ-Gespräch. Die SPD-Politikerin saß 15 Jahre lang im deutschen Bundestag.

Quelle: Foto: B.G.

Potsdam. Andrea Wicklein (59) vertrat seit 2002 für die SPD den Wahlkreis 61 im Bundestag. Zur Wahl am 24. September tritt sie nicht mehr an.

Frau Wicklein, Sie haben ja nun bald Zeit für neue Aufgaben. Oberbürgermeisterin von Potsdam – wäre das nicht was für Sie?

Nein, dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Ich höre ja auf, um mehr Zeit für die Dinge zu haben, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind. Meine beiden Enkelkinder (knapp 2 und 4) in der Schweiz habe ich viel zu selten gesehen. Und meine Mutter ist 92 und braucht auch Zeit.

Hat es Sie nie gereizt, Oberbürgermeisterin zu werden?

Das ist sicherlich eine sehr reizvolle Aufgabe, Potsdam ist ja meine Heimatstadt. Wenn man mich vor einigen Jahren gefragt hätte, hätte ich es mir vielleicht sogar überlegt. Aber jetzt nicht mehr.

Aber eine Frau an der Stadtspitze war doch auch mal schön.

Das stimmt.

Welchen Aufgaben wollen Sie sich – jenseits der Familie – künftig widmen?

Ich habe noch keine konkreten Pläne. Nach 15 Jahren Politik brauche ich erst einmal Abstand, um mich neu zu sortieren. Sicherlich werde ich mich nicht komplett zur Ruhe setzen, aber für ein politisches Mandat werde ich definitiv nicht mehr zur Verfügung stehen. Der Abschied aus der Politik ist endgültig.

Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen?

Es war nicht leicht. Für mich war es immer ein Privileg, den Wahlkreis im Bundestag vertreten zu dürfen. Das ist eine unglaublich spannende und vielseitige Aufgabe, aber die erfordert auch den vollen Einsatz. Ich freue mich, nun wieder Frau meines Terminkalenders zu sein. Aber wenn wir jetzt im Büro Kisten packen und alte Fotos anschauen, ist das schon mit Wehmut verbunden. Der Abschied von meinem Team fällt mir besonders schwer.

Haben Sie die Entscheidung, nicht wieder anzutreten, schon getroffen, als Sie bei der Wahl 2013 das Direktmandat gegen Katherina Reiche (CDU) verloren haben?

Ja, das hat eine Rolle gespielt. Das war ein herber Schlag für mich, auch wenn ich mich im Erststimmenergebnis deutlich verbessern konnte. Zumal Katherina Reiche zwei Jahre später das Direktmandat weggeworfen hat, um in die Wirtschaft zu gehen. Das tut dann schon weh.

Bereiten Sie Ihre Nachfolgerin Manja Schüle auf die Erfahrung vor, dass der Wahlabend enttäuschend verlaufen kann? Die Umfragen sehen ja zur Zeit die CDU vorne.

Ja, natürlich, ich bin da, wenn Sie meinen Rat braucht. Aber sie ist schon so professionell, dass sie sich auf alle Eventualitäten vorbereitet.

2013 war eine bittere Erfahrung für Sie. Erlebten Sie 2009 aber den nervenaufreibendsten Wahlabend, als sich Rolf Kutzmutz (Linke) schon als Sieger feierte und Sie dann doch noch mit hochdünnem Vorsprung an ihm vorbeizogen?

Klar, das war ein Wechselbad der Gefühle. Der Wahlkreis galt damals für die SPD noch als relativ sicher und dann war es so knapp. Für Rolf Kutzmutz, mit dem ich einen sehr fairen Wahlkampf geführt hatte, war es natürlich hart. Er ist ins Bett gegangen mit dem Bewusstsein, er habe gewonnen. Am Morgen ist er aufgewacht und er war draußen. Das Ergebnis stand ja erst nach 24 Uhr fest.

Welche Person, die Sie durch Ihre Arbeit im Bundestag getroffen haben, hat Sie am meisten beeindruckt?

Da gab es einige. Gerhard Schröder ist für mich eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, konsequent mutig. Aber auch Peter Struck, der als Fraktionsvorsitzender sehr menschlich rüber kam, hat mich beeindruckt. Und nicht zu vergessen Frank-Walter Steinmeier, zu dem ich ein besonders enges Verhältnis habe.

Und von der politischen Konkurrenz?

Wen ich nicht vergessen werde, ist Professor Riesenhuber (Heinz Riesenhuber (CDU), früherer Bundesforschungsminister, Anm. d. Red.). Ein sehr angenehmer und kompetenter Kollege war auch Peter Ramsauer (CSU, früherer Bundesverkehrsminister, Anm.d. Red.), der gemeinhin nicht als Sympathieträger gilt. Er hat mir einmal mehr gezeigt, dass man Menschen kennenlernen sollte, bevor machen sich ein Urteil bildet. Mit ihm als Vorsitzendem des Wirtschaftsausschusses war ich auf einer Dienstreise in Kanada. Nach dem offiziellen Teil, einem Treffen in unserer Botschaft mit Vertretern der deutschen Wirtschaft, setzte sich Ramsauer an einen Flügel und spielte göttlich Klavier. Wer so Klavier spielen kann, muss ein sensibler Mensch sein.

Haben Sie auch mal anders als Ihre Fraktion gestimmt?

Ja, ab und zu schon, zum Beispiel als dem den Abriss des Palastes der Republik ging. Ich habe dem nicht zugestimmt, obwohl die Mehrheit der Fraktion dafür war, ihn abzureißen. Ich habe damals nicht verstanden, dass wir dieses historische Gebäude opfern. Nicht nur, dass sich für viele ehemalige DDR Bürger mit diesem Ort persönliche Erlebnisse verbinden, da wurde auch der Beitritt zu Bundesrepublik Deutschland durch die erste frei gewählte Volkskammer beschlossen. Das gehört für mich zur deutschen Geschichte.

Die Wende war ja auch für Sie persönlich ein großer Einschnitt. Sie wurden arbeitslos.

Ja, das hat mich sehr geprägt. Ich war 31, alleinerziehend mit meinem Sohn. Ich fühlte mich eigentlich qualifiziert und dann kam dieser Bruch in meiner Biografie, der mich komplett verunsichert hat. Ich wusste nicht mehr, was meine Qualifikation wert ist. Dieses Gefühl vergisst man nie. Ich konnte mich deshalb immer gut in die Situation von Menschen hineinversetzen, die ähnliche Brüche erlebt haben.

Wenn Sie auf Ihren Wahlkreis schauen, was waren Ihre Erfolge?

Dass das Bundessortenamt in Marquardt als Standort für Wissenschaft und Forschung erhalten geblieben ist, jetzt als Einrichtung des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie. Und gemeinsam mit der Bürgerinitiative ist es gelungen zu verhindern, dass der Sacrow-Paretzer-Kanal extrem ausgebaut wird und acht Meter Ufer weichen müssen. Der Kanal wurde schließlich in der Tiefe und nicht in der Breite ertüchtigt. Nicht zuletzt fällt mir das Thema offenes Ufer am Griebnitzsee ein. Immerhin haben wir erreicht, dass die bundeseigenen Liegenschaften durch die Stadt erworben werden konnten.

Welche Misserfolge haben Sie zu verbuchen?

Ich hatte in meiner Fraktion eine Initiative zur Mehrwertsteuersenkung beim Schulessen gestartet, um das Thema Schulessen zu vereinfachen und zu entbürokratisieren, aber die Finanzpolitiker haben das dann verhindert.

Könnten Sie sich vorstellen, wegzuziehen, zum Beispiel in die Schweiz, um näher bei Ihren Enkeln zu sein?

Nein, ich bin hier total glücklich. Ich hatte auch nie Fernweh. Potsdam entwickelt sich unheimlich gut. Ich freue mich zum Beispiel über die Entwicklung der neuen Alten Mitte und verstehe nach den vielen Debatten die Aktionen nicht, den FH-Bau zu erhalten. Wenn einige immer noch so tun, als wäre die Entscheidung damals nicht demokratisch getroffen worden – dafür habe ich kein Verständnis. Wir bekommen einen der schönsten Plätze Europas. Natürlich muss aber darauf geachtet werden, dass Menschen nicht das Gefühl haben, aus der Mitte verdrängt zu werden. Man muss für alle Einkommen etwas vorhalten.

Am 24. Oktober ist ihr offiziell letzter Arbeitstag. Was haben Sie sich für den Tag danach vorgenommen?

Das ist wetterabhängig, einen ausgedehnten Spaziergang vielleicht. Und am Abend will ich mit meinem Mann schön essen gehen. Er ist gespannt, wie ich das packe, jetzt öfter zu Hause zu sein. Ich war ja früher an den Abenden nie da.

Zur Person

Andrea Wicklein ist 1958 in Babelsberg geboren und wohnt heute in Bergholz-Rehbrücke.



Von 1974 bis 1977 absolvierte eine Lehre zur Fachverkäuferin mit Abitur. Danach war sie in verschiedenen Funktionen in der Berufsausbildung der Handelsorganisation (HO) tätig. Nebenbei absolvierte sie ein Fernstudium zur Diplom-Ökonomin.

Nachdem sie ab 1989 als Lehrerin für Erwachsenenbildung in der Betriebsakademie der HO Potsdam tätig war, wurde sie mit der Auflösung der HO 1990 arbeitslos.
1992 kam sie als Mitarbeiterin in das Büro des sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten Emil Schnell und trat in die SPD ein.

Von 2000 bis 2002 war sie Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der SPD-Landtagsfraktion.

Von Marion Kaufmann

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