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Der Feind in der Westwand

MAZ zu Hause ... in Groß Glienicke Der Feind in der Westwand

Hausschwamm im mehr als 300 Jahre alten Fachwerk der Westwand hat den Restaurierungsplan für die Dorfkirche von Groß Glienicke durcheinandergebracht. Entdeckt wurde der gefährliche Schaden bei der Restaurierung der Orgelempore, die zum Ende des 17. Jahrhunderts als Patronatsloge der Ribbecks errichtet worden war.

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Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Burkhard Radtke mit Pfarrerin Gundula Zachow vor dem Altar.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam/Groß Glienicke. Die Westwand der Groß-Glienicker Dorfkirche barg eine unliebsame Überraschung. Hausschwamm kroch im Laufe der Jahre aus der Gruft der Ribbecks hinauf in die Balken und Mauern des Fachwerks, auf dem mit der Empore der Ribbecks vom Ende des 17. Jahrhunderts, mit der Schukeorgel von 1929 und einem Teil des gedrungenen Turms eine Last von 16 Tonnen ruht. Entdeckt hat man den Schaden bei der Sanierung der einst als Patronatsloge s errichteten Empore, berichtet der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Burkhard Radtke (76).

Für die Kirchengemeinde, die in den vergangenen Jahren in dem vergleichsweise prächtig ausgestatteten Gotteshaus mit Altar, Kanzel, Taufbecken und Epitaphen der Stifterfamilie ein Sanierungsprojekt nach dem anderen abgearbeitet hatte, war das noch einmal eine besondere Herausforderung. „Wir mussten viele Teile auswechseln“, sagt Radtke, auch die Schwellen genannten starken Balken, auf denen die Wand ruht.

Die Gruft der Ribbecks unter dem Eingang der Kirche mit ihren zwölf Särgen wird von der Sanierung ausgenommen. „Eine Bleimatte auf der Gruft verhindert, dass der Schwamm erneut in die Wand kommt.“ Die Gruft selbst ist bereits seit 1962 versiegelt, „weil wir die Totenruhe nicht dauernd durch Grufttourismus stören lassen wollten“, sagt Radtke.

Besuchern der Kirche bietet sich ein ungewohntes Bild: Sperrholzplatten unter der teilweise demontierten Empore verstellen die Sicht auf die

Das vom Schwamm befallene Mauerwerk der Westwand

Das vom Schwamm befallene Mauerwerk der Westwand.

Quelle: Bernd Gartenschläger

befallene Wand, deren Mauerwerk aufgerissen ist und von Stützen gehalten wird. Bis zum Jahresende soll die statische Restaurierung dauern. Aber dann seien auch die finanziellen Mittel aufgebraucht. Insgesamt hatte man mit 150.000 Euro geplant.

Für die künstlerische Restaurierung der Empore soll deshalb eine neue Spendenaktion gestartet werden. „Ich denke, wir brauchen noch einmal 50.000 Euro“, sagt Radtke: „Wir hatten natürlich den Ehrgeiz, zum 750-Jahresgottesdienst fertig zu sein. Aber das werden wir nun wohl nicht schaffen.“ Am 12. Februar ist die Festveranstaltung zum Ortsjubiläum von Groß Glienicke, das nach Kenntnis des Gemeindekirchenrates kaum vier Jahre älter als der Vorgängerbau der Kirche ist: „1271 war Grundsteinlegung.“

Die Sperrholzplatten vor der Westwand aber sollen schon zu Weihnachten wieder abmontiert sein. Mit Baustaub sei dann nicht mehr zu rechnen und der Platz werde für zusätzliche Sitzbänke gebraucht, sagt Gundula Zachow (41), die Ende 2014 als erste Frau in der Geschichte der evangelischen Kirche in Groß Glienicke die Pfarrstelle übernommen hat.

Sie schätzt an der Kirchengemeinde auch angesichts einer knappen Besetzung mit hauptamtlichem Personal das außergewöhnliche Ehrenamt. Nicht zuletzt der Gemeindekirchenrat mit seinem Engagement für die Restaurierung der Kirche sei eine wichtige Entlastung. Denn „viele Pfarrer im ländlichen Raum haben die ganze Zeit mit der Bauerei zu tun, und da muss ich mich nicht so reinhängen“.

Neben der großen Baustelle an der Westwand geht die Restaurierung des spätbarocken Inventars voran. Gerade wird verborgen hinter einer Plastefolie an der Südwand die Vorhangmalerei des Epitaphs von Hans Georg III. von Ribbeck restauriert.

Als nächstes soll noch in diesem Monat mit der Erneuerung des Epitaphs für Eva Margarethe von Lattorf links neben dem Altar begonnen werden. Auch die aus dem 19. Jahrhundert stammende Patronatsloge der Familien von Wollank und von Britzke neben der Brautpforte sowie die innere und äußere Turmtür stehen auf dem Arbeitsplan.

Handlungsbedarf gibt es auch beim ältesten Abschnitt der Friedhofsmauer, dessen Restaurierungskosten der Gemeindekirchenrat auf 35.000 Euro schätzt. „Ich würde schon den Ehrgeiz haben, dass wir die Restaurierung der Mauer im nächsten oder übernächsten Jahr fortführen“, sagt Radtke: „Denn wir sehen, dass der Verfall voranschreitet.“

Evangelische Kirche in Groß Glienicke

„An der Kirche“ ist der Name des ersten nach dem Mauerfall errichteten Wohngebiets, das wie eine Vorstadt vor dem Dorfkern von Groß Glienicke liegt. Doch auch im historischen Zentrum mit der knorrigen Linde im Mittelpunkt hat sich einiges getan.

Die Dorfkirche wird schon seit Jahren beharrlich restauriert. Ergänzt wurde das Ensemble mit Friedhof, Trauerhalle und Kapelle in den vergangenen Jahren durch den Umbau einst weltlich genutzter Gebäude. Die Gemeindeverwaltung wurde zum Pfarrhaus, die Post zum Evangelischen Gemeindezentrum.

Die Evangelische Kirchengemeinde von Groß Glienicke blickt auf eine über 700-jährige Geschichte zurück. Eine Zäsur war die deutsche Teilung mit dem Wechsel des östlichen Ortsteils von Groß Glienicke nach West-Berlin. Bis heute gehört der Berliner Teil zum Kirchenkreis Spandau, der Potsdamer Teil zum Kirchenkreis Falkensee.

Die Anzahl der Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde sank von 300 bis 400 in der Nachkriegszeit auf knapp 200 vor dem Mauerfall. In den vergangenen 26 Jahren ist die Kirchengemeinde auf 860 Mitglieder angewachsen.

Von Volker Oelschläger

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