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Potsdam „Der König hat den Bürgern die Fassade vorgesetzt“
Lokales Potsdam „Der König hat den Bürgern die Fassade vorgesetzt“
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21:06 02.12.2016
Tobias Büloff vor dem Barberini am Alten Markt. Quelle: Christel Köster
Innenstadt

Der römische Palazzo Barberini war ein europaweit bekanntes Gebäude. Friedrich II. reiste aber nie nach Italien, um sich mit der Architektur vertraut zu machen.

Warum „verliebte“ sich Friedrich der Große dennoch in das Barberini, obwohl er es nie gesehen hat?

Tobias Büloff
: Er hatte sich Architekturstiche besorgen lassen von Francesco Algarotti, einem Kunsthändler, der in Europa herumgefahren ist und zu den wichtigsten Beratern des Königs in Baufragen gehörte. Die Stiche stammten unter anderem vom Kupferstecher Piranesi.

Das Barberini kam aus dem Katalog

Algarotti war also das, was man heutzutage einen Trend-Scout nennen würde?

Büloff: Ja, das kann man durchaus so sagen. Die Suche nach Vorlagen lief folgendermaßen ab: Man blätterte in den Architekturwerken mit Stichen von Gebäuden, die möglicherweise ins Umfeld passen konnten. In Potsdam hatte man seit 1750 die Umgestaltung des Alten Markts in Angriff genommen: Es entstanden das Alte Rathaus und der Vorgängerbau der jetzigen Nikolaikirche mit einer Schaufassade und die zahlreichen Bürgerhäuser. Anfang der 1770er Jahre musste man nur noch die Lösung für ein einziges Doppelgrundstück am Alten Markt finden.

Lassen Sie mich raten: Das, auf dem später das Barberini entstand?

Büloff: Genau. Damals stand dort ein schlichtes Doppelhaus mit großem Walmdach. Man nahm also den Katalog mit den Stichen zur Hand, und da wird der König bei dem römischen Palazzo hängengeblieben sein. Allerdings wurde wohl nur der Mittelteil nach dem Vorbild des römischen Barberini ausgewählt, die Seitenteile sind nach dem Vorbild der Villa Borghese gestaltet, die ebenfalls in Rom steht.

Hinter der Palastfassade stand ein Brauhaus

War dem König langweilig oder warum hat er dieses wilde Puzzle aus verschiedenen Palazzi zusammengestellt?

Büloff: Das hängt mit dem Bauplatz zusammen. Die Baumeister konnten den Palazzo Barberini nicht eins zu eins kopieren wegen der sowieso schon unregelmäßigen Form des Platzes. Im Original ist der Mittelteil nämlich weit zurückgesetzt und die beiden Seitenflügel bilden einen Hof, was in Potsdam zu einem noch unregelmäßigeren Platz geführt hätte. Auch die rückwärtige Hofbebauung mit einem Brauhaus wollte man erhalten. Deshalb wurde das Gebäude der Straßenfront angepasst und der mittlere Teil leicht nach vorne gesetzt.

Wie lang dauerte der Bau des Potsdamer Barberini?

Büloff: In der Regel zog man die Fassaden in einem halben Jahr hoch. Für den Palast Barberini brauchte man allerdings etwa ein Jahr.

Es ist ja auch ein großes Palais.

Büloff: Ja, auch wenn man nur die Fassade baute und wohl vom alten Doppelhaus aus Kostengründen viel erhielt. Es dauerte allerdings auch länger, weil während der Bauarbeiten aufgrund von Baupfusch am 23. September 1772 ein Teil des Mittelbaus einstürzte. Dabei kamen Arbeiter ums Leben.

Lebten die Bewohner während der Umbauten noch auf dem Grundstück?

Büloff: Nein, die Bürger, denen das Doppelgrundstück gehörte, zogen für die Bauzeit aus. Bauherr war zwar Friedrich II., aber das Gebäude gehörte weiterhin den Eigentümern. Das waren ein Gastwirt und ein Kaufmann. Die mussten sich dann mit dieser Fassade auseinandersetzen.

Die Vasen kippelten und drohten abzustürzen

Klingt, als seien die Leute mit dem königlichen Geschenk nicht nur glücklich gewesen.

Büloff: Ja, dass der König ihnen diese Fassade im wahrsten Wortsinne „vorgesetzt“ hatte, sorgte auch für Probleme, insbesondere wegen der Unterhaltung. So eine Vase kippelte auch schon mal und drohte abzustürzen oder der Stuck bröckelte. Die Bürger haben sich mit der königlichen Verwaltung wegen der Kosten gestritten. Es gab zwar spezielle Baugelder für die Unterhaltung, aber auch viel Streit darüber.  Ein Eigentümer drohte sogar, einen Teil der Fassade abzureißen, falls er die Gelder für die Instandhaltung nicht bekommen sollte.

Vorne Palast – hinten Fachwerk mit Walmdach

Weiß man eigentlich, wie diese Ur-Form des Potsdamer Barberini damals aussah?

Büloff: Es gibt einige Gemälde aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die uns die Alte Fahrt, also die Rückseite der Häuser am Alten Markt, zeigen. Und auf diesen Abbildungen sieht man auch die Rückseite des Palastes Barberini mit dem Baubestand, wie er im 18. Jahrhundert errichtet wurde. Man sieht deutlich das große Walmdach. Damals gab es auch keine Seitenflügel, die später zur Havelseite hin gebaut wurden.  

Man hört doch immer wieder, dass der Bau für die Tänzerin Barbarina errichtet wurde. Ist da was dran?

Büloff: Nein, definitiv nicht. Der Star des Balletts aus dem 18. Jahrhundert, Barbara Campanini, die allgemein nur Barbarina genannt wurde, teilte mit dem Palast nur die Namensähnlichkeit. Allerdings logierte die Barberina wahrscheinlich einmal im Gasthof „Roter Adler“ zwei Häuser weiter – heute der Palazzo Pompei.

Clara Schumann spielte im Palais Barberini

Seit wann existierte das Palais Barberini in der Gestalt, die es bis zu seiner Zerstörung 1945 hatte? Da war ja weit und breit nichts mehr von der ursprünglichen Fachwerkarchitektur zu sehen.

Büloff: Von 1847 bis 1851 fand der große Umbau statt, der von dem Architekten Ludwig Persius geleitet wurde. Dennoch blieb es auch weiter ein Doppelhaus mit Doppelgrundstück. Erst im 20. Jahrhundert wurden sie zusammengefasst.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Zerstörung in der Bombennacht im April 1945 gab es ganz viele Nutzungen im Barberini: Was waren denn die außergewöhnlichsten?

Büloff: Mit dem Umbau des Gebäudes entstanden zwei große Säle, die Potsdamer Vereinen überlassen wurden. Hier fanden großartige Konzerte statt, zum Beispiel mit Clara Schumann. 1910 eröffnete ein Kino in einem der Säle. Auch eine Tanzschule wurde betrieben.

Das Alte Rathaus platzte aus allen Nähten

1912 erwarb die Stadt den Palast. Wie kam es dazu?

Büloff: Das Rathaus am Alten Markt platzte in der Jahrhundertwende aus allen Nähten. Die Nutzung des Palastes Barberini als Verwaltungsbau sollte hierbei Abhilfe schaffen. Man plante auch den Bau eines großen Veranstaltungssaals zwischen den Seitenflügeln.

Der wurde aber nicht realisiert, oder?

Büloff: Nein, der Erste Weltkrieg macht diesem ehrgeizigen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.

Wie erging es dem Bau in der Zeit des Nationalsozialismus?

Büloff: Der Palast wurde weiter als Verwaltungssitz ausgebaut. Das Standesamt, die Volksbücherei, das Fremdenverkehrsbüro, eine Telefonzentrale, eine Jugendherberge, auch Depoträume für das städtische Museum fanden ihren Platz im Haus. Oberbürgermeister Hans Friedrichs, ein überzeugter Nationalsozialist, wollte den Palast allerdings zu einem Kulturhaus ausbauen. Im Gebäude sollte sogar ein riesiger Globus aufgestellt werden, ein sogenannter Führerglobus. Diese Pläne scheiterten jedoch am Geldmangel.

Die Bomben machten das Barberini fast dem Erdboden gleich

Am 14. April 1945 wurde der Alte Markt durch einen Bombenangriff stark zerstört. Was blieb vom Palast Barberini übrig.

Büloff: Nicht sehr viel. Das Gebäude wurde total zerstört. Nur ein Teil der vorderen Fassade blieb stehen. Bereits 1946 beseitigte man die letzten Reste.

Tobias Büloff, Jahrgang 1975, ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter für die städtische Erinnerungskultur.

Von Ildiko Röd

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