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Der Kommissar und der Mörder

Buch von Soko-Schauspieler Steffen Schroeder Der Kommissar und der Mörder

Im Fernsehen jagt er Verbrecher, im wahren Leben trifft er sich regelmäßig mit einem Mörder: Der Potsdamer Schauspieler Steffen Schroeder hat ein Buch über seine Erlebnisse als ehrenamtlicher Vollzugshelfer geschrieben.

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Seit zwölf Jahren Potsdamer: Schauspieler Steffen Schroeder geht gerne ins Café Heider, wenn es die knappe Zeit erlaubt.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Einmal wieder im Heiligen See baden. Das, sagt Steffen Schroeder, wäre Michas Wunsch. Vielleicht, bei einem von Michas nächsten Freigängen, werden sie gemeinsam nach Potsdam fahren. Die Zeit würde reichen: Sechs Stunden darf Micha raus. „Micha würde gerne mal wieder nach Potsdam“, sagt Schroeder und fügt hinzu: „Er war seit 17 Jahren nicht mehr schwimmen.“

Micha, der eigentlich anders heißt, sitzt seit fast zwei Jahrzehnten in der JVA Tegel ein. Micha ist ein Mörder und ehemaliger Neonazi, der sich inzwischen von der Szene abgewandt hat. Lebenslang hat der Potsdamer bekommen, weil er einen Mann auf brutalste Weise erstochen hat.

Steffen Schroeder, 42, ist etwa im selben Alter wie Micha und hat, als er vor zwölf Jahren nach Potsdam zog, in derselben Straße gewohnt wie Micha in seiner Kindheit, nur drei Häuser weiter. Sein ältester Sohn ist so alt wie Michas. Das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Steffen Schroeder, der seine Karriere am Wiener Burgtheater begann, ist erfolgreicher Schauspieler. Einer, der Mörder wie Micha in den Knast bringt, zumindest im Film. Der gebürtige Münchner, der inzwischen in der Jägervorstadt zu Hause ist, ist vielen Fernsehzuschauern als Polizeioberkommissar Tom Kowalski aus Soko Leipzig (ZDF) bekannt. Vor vier Jahren begann er, als ehrenamtlicher Vollzugshelfer zu arbeiten. Dass er ausgerechnet den Potsdamer Micha betreuen würde, war Zufall. Nun hat Schroeder ein Buch über seine Erlebnisse als regelmäßiger Besucher in der JVA geschrieben. „Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnungen mit einem Mörder“ heißt sein Debüt.

Schroeder kommt direkt von einem Nachtdreh in Leipzig ins Café Heider. Freitag, der Tag, an dem sein Buch erschienen ist. Er hat noch nicht gefrühstückt, bestellt sich ein Stück Käsesahnetorte zum Cappuccino. Am Abend muss er zurück zum Dreh, 25 Folgen pro Jahr werden produziert. Während der Zugfahrten zwischen Potsdam und Leipzig ist ein Großteil des Buches entstanden. Zweieinhalb Jahre hat er insgesamt daran geschrieben.

Die Wochenenden gehören der Familie. Seiner Frau, Schauspielerin Ute Springer, und den drei 12, 14 und 16 Jahre alten Söhnen. Während seines Engagements beim Berliner Ensemble wohnte er mitten in der Hauptstadt. „Irgendwann hatte ich meine Frau dann soweit“, sagt Schroeder. Sie zogen nach Potsdam, wo sie am Wochenende gerne spazieren gingen. „Etwas mit Auslauf“ sollte es sein für die Kinder, die gerade sein Buch lesen – um zu verstehen, mit wem Papa da einen Teil seiner kostbaren Freizeit verbringt. Und warum.

Schroeder moderierte ein Charity-Event. Die Gage sollte für einen guten Zweck gespendet werden. „Ein bisschen lebe ich als Fernsehkommissar ja vom Verbrechen“, erklärt er seine Motivation. Also entschied er sich, den „Verein für Straffälligenhilfe“ zu unterstützen. Aus der finanziellen Zuwendung wurde echtes ehrenamtliches Engagement. Schroeder geht seit vier Jahren freiwillig in den Knast, etwa alle drei Wochen.

Er will nicht als Täterversteher gesehen werden

Es ist ihm wichtig, nicht als „Täterversteher“ missverstanden zu werden. „Das ist nicht der gute, liebe Mörder“, sagt Schroeder. Es gehe ihm darum zu ergründen, was Menschen dazu bringt, schreckliche Taten zu begehen. Und andere, die auch einen gewalttätigen Vater hatten, im Heim lebten, nicht. Es geht ihm um die Frage, wie man Wut kontrolliert und warum manche, wie Micha, diese gegen andere einsetzen. Und er, Steffen Schroeder, in seiner Jugend gegen sich selbst. Das Buch liefert darauf keine abschließenden Antworten, aber es gibt – teils sehr kritische – Einblicke in den Gefängnisalltag, Drogenkonsum hinter Gittern, Knasthierarchien und Personalmangel in der Justiz. Eine Erkenntnis, die er aus den Begegnungen mit Micha gewonnen habe: „Die richtig schlimmen Dinge lernt man erst im Knast.“

Dass er seine Erlebnisse zu Papier brachte, liegt an Kollege und Freund Michael Degen. „Was gibt’s Neues aus dem Knast?“, habe dieser ihn immer wieder gefragt und ihn dann ermuntert, ein Buch darüber zu schreiben. „Fang’ einfach an!“, so Degens Rat, der selbst sechs Bücher veröffentlicht hat.

Er habe Micha vor der Veröffentlichung Stellen vorgelesen. „Er fühlte sich richtig beschrieben“, sagt Schroeder. Beim Lesen hätten sich gemeinsam über Situationen gelacht, die erst gar nicht komisch waren. Etwa jene, als Michas Knastfreund Rico stirbt und Schroeder die Beerdigung in Stahnsdorf organisieren soll. Oder Michas ersten Ausflug in die Freiheit: Ein Hüne mit (mittlerweile entferntem ) Hass-Tattoo auf der Hand steht bei Burger King und weiß nicht, wie man einen Chicken Burger ordert.

In Tegel schaut Micha freitags gerne Soko Leipzig. Der echte Knacki kritisiert dann schon mal, wenn der falsche Kommissar bei einem Verhör an der Realität vorbeispielt, weil das Drehbuch das so will. Sie reden auch über Politik, die AfD – und über Potsdam, erzählt Schroeder. Er sieht in der Arbeit mit den Tätern eine Form der Prävention, sagt er. Der Schauspieler engagiert sich auch beim Weißen Ring. Derzeit ist sein Konterfei neben dem der Tatort-Schauspieler Ulrike Folkerts und Oliver Mommsen in zehn deutschen Großstädten zu sehen, um auf den Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März aufmerksam zu machen.

Mit Gedanken an das Opfer endet auch Schroeders Buch. Es geht darum, ob Mörder Micha Kontakt zu Familie des Mannes aufnehmen soll, den er getötet hat.

Das Buch „Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnung mit einem Mörder“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen, Hardcover 16,99 Euro, E-Book 14,99 Euro.

Steffen Schroeder liest am 23. März anlässlich der Leipziger Buchmesse im Landgericht Leipzig aus seinem Buch.

Im Berliner Ensemble liest der Potsdamer am 26. März, 20 Uhr.

Von Marion Kaufmann

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