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Potsdam Ein Leben zwischen Schnellstraße und Eisenbahn
Lokales Potsdam Ein Leben zwischen Schnellstraße und Eisenbahn
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00:24 21.03.2018
Bernhard Ailinger, Johannsenstraße 2, Haus im Lärm Quelle: Rainer Schüler
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Babelsberg

Vorn rauscht der Verkehr vom Hauptbahnhof nach Babelsberg und in die Gegenrichtung. An der Seite quälen sich Laster und Privatautos eine steile Kurve hoch zur Schnellstraße in Richtung Stern, und hinten donnern S- und Regionalbahnen vorbei. Eingeklemmt zwischen Schiene und Straße steht ein Doppelmietshaus da, wo die Friedrich-List- auf die Johannsenstraße trifft. Nicht eben eine 1A-Lage, aber dort leben Menschen. Wie kann man leben in so einem Haus?

Bernhard Ailinger weiß das. Er hat das Haus vor einem Dutzend Jahren saniert und wohnt seither darin. Anfang des Jahres hat er es nun verkauft, er wandert aus im Sommer. Nicht wegen Krach oder Auspuffgestank; das stört den 57-Jährigen vom Schwarzwald nicht: „Wir haben gute Fenster hier. Ich hör’ das kaum noch, und so schlimm ist das nicht mit dem Verkehr.“

Ailinger will etwas Neues wagen, woanders leben, in der Sonne. Eine Finca auf Mallorca hat er sich gekauft, in den Bergen einer abgelegenen Gegend; er hat nur einen Nachbarn in der Nähe: „Das genaue Gegenteil von hier.“ Aber er liebt die Gegensätze und Kontraste und will immer wiederkommen nach Potsdam und dann in einem Anbau des verkauften Hauses leben, den er seit drei Jahren hochzieht, Stück um Stück und meistens mit den eigenen Händen.

Ailinger hat mal Maurer gelernt, war später Architekt, sanierte und verwaltet Häuser und Objekte, auch in Potsdam. „Von irgendetwas muss man leben“, sagt er. Der „Nebenjob“, die Malerei, ernährt ihn nicht. In einem weltweiten Künstler-Ranking, das nach Ausstellungen und Verkäufen urteilt, bewegt er sich irgendwo bei Platz 30 000 unter 500 000. „Einer von 1000 Künstlern kann von seiner Kunst auch leben“, sagt er: „Ich kenne sehr viele Künstler, aber nur sechs, die es geschafft haben.“ Manche seien darunter, die sich als Professoren den Lebensunterhalt verdienen. „Ich saniere eben Häuser und verwalte sie.“ Wenn er die meiste Zeit dann in Mallorca lebt, muss er einen Verwalter einstellen, der dann das Anbauhaus zeitweise nutzen darf.

Das soll zum Sommer natürlich fertig sein; es gehört ihm weiterhin. Pausieren musste er ein paar Mal, weil er anders baute als die Genehmigung erlaubte, doch inzwischen sind die Meinungsverschiedenheiten ausgeräumt. Etwa 120 Quadratmeter Wohnfläche soll der Anbau haben auf drei Etagen; die Terrasse schaut zur Eisenbahn und zur Schnellstraße. In den Häusern, die er an der Zeppelin- und der Großbeerenstraße saniert hat, lebt es sich lauter, behauptet er und führt den Reporter in das Treppenhaus mit Blick auf Bahn und Friedrich-Engels-Straße. Tatsächlich ist es nur laut, wenn eine S-Bahn kommt; die Regionalbahn ist viel leiser. „Die Bahn hat Flüstergleise eingebaut“, sagt er. „Ich hätte eine Lärmschutzwand errichten dürfen, doch das Haus wäre dann total eingebaut. Mieter des Hauses, neun gibt es, sehen die Autoabgase als Belastung; er nicht.

Sein großes Plus waren die Niedrigpreise bei der Miete: Mit 3,80 Euro pro Quadratmeter hat es mal angefangen in Wohnungen, die 85 bis 100 Quadratmeter groß sind. Die Preise sind gestiegen; wo sie jetzt liegen, sagt er nicht. Aber fast alle Mieter sind sehr lange da; das spricht für sich.

Das Haus von etwa 1900 indes sprach nicht für sich, als er es vor 13 Jahren von einem Freund gezeigt bekam; man konnte durch eine offene Seitenmauer ins Gebäude blicken. „Nee, lass mal“, winkte er gleich ab, von außen, doch der Freund bestand darauf, doch wenigstens mal reinzugehen. Ailinger sah ein schönes Treppenhaus mit hölzernen Treppen und Türen; er sah die Schönheit auf den zweiten Blick und besann sich auf der Stelle eines Anderen. Er kaufte das Haus, sanierte die Ruine. „Bist Du jetzt völlig verrückt geworden?“ fragten viele ihn entgeistert. Er ließ sich nicht beirren und zog selbst mit ein. Der Hausbesitzer lebt im selben Mietshaus – wo gibt es sowas schon?

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Bernhard Ailinger, Johannsenstraße 2, Haus im Lärm

Er wohnt hier und malt hier. In den Gängen stapeln sich die Bilder. Nur fünf Leinwand-Großformate hat er letztes Jahr verkauft, sonst sind es 20 bis 30. Mit großen Strichen und sparsam in der Farbe füllt er die weißen Flächen, die stets als weißer Hintergrund erhalten bleiben und in seiner Wohnung auch an weißen Wänden hängen.Minimalistischer fallen dagegen die kleinen Papierformate aus.

Der Mensch ist sein Hauptthema, der einsam oft. Ailinger lebt ja selbst allein im Souterrain des Haues, allein mit seinem Hund. Er wird das auch auf der Baleareninsel tun, naja, nicht ganz. Außer dem Irisch Terrier nimmt er ein Pferd mit; zwei Esel schafft er sich an: „Die sind genügsam.“

Maurer, Maler, Macher

Bernhard Ailinger (geboren am 20. 04.1961) ist Sohn eines ägyptischen Arztes und einer deutschen Mutter; er wuchs in Donaueschingen (Baden-Württemberg) auf.

Er lernte zunächst im großväterlichen Bildhauer- und Steinmetzbetrieb. Nach einer abgeschlossenen Maurerlehre studierte er von 1984 bis 1988 Architektur in Berlin zum Diplom und parallel Kunst bei Professor Hans-Joachim Burgert.

Während seiner beruflichen Tätigkeit als Architekt ließ ihn die Malerei nie los. Ailinger nahm sich Zeit, bis er sein Werk der Öffentlichkeit präsentierte. Bereits nach den ersten Ausstellungen in Berlin hat sich eine kleine Sammlergemeinde gebildet.

Sein Werk ist der abstrakten Malerei zuzuordnen. Ein Großteil seiner expressiven Bilder zeigt figurative Elemente.

Charakteristisch sind die gezielt inszenierte Formlosigkeit der Figuren sowie der schwungvolle und spontan-gestische Pinselstrich. Ailingers Sujet ist der Mensch. Auf großformatigen Leinwänden formieren sich Figuren in Beziehung zu sich selbst und zum anderen. Eng aneinander geschmiegt, dann wieder in Distanz von einander, sprechen sie vom Wechselspiel zwischen Nähe und Nichtnähe, nah sein wollen und doch nicht nah sein können. Elementare Themen wie Angst und Sexualität sind stilistisch angedeutet.

Die expressiven Bilder leben von einer durchschimmernd leichten Farbigkeit und sind oftmals mit zeichnerischen Elementen durchsetzt.

Von Rainer Schüler

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