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Der Menschenfreund mit dem roten Schal

Nachruf auf den Buchhändler Jürgen Trubel Der Menschenfreund mit dem roten Schal

Man kannte ihn in Potsdam als den Buchhändler mit dem roten Schal: Mehr als 20 Jahre zog Jürgen Trubel in der Nachwendezeit mit seinem Buchladen durch die Landeshauptstadt. Nun ist er im Alter von 74 Jahren im Hospiz auf Hermannswerder gestorben.

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Die Schalterhalle des alten Potsdamer Hauptbahnhofs, nach der Wende erste Station des Buchhändlers Jürgen Trubel.

Quelle: Bundesarchiv, Eva Brüggmann

Potsdam. Jürgen Trubel, der Buchhändler mit dem roten Schal, ist tot. Er ist nach Informationen aus seinem Freundeskreis am 29. Januar im Hospiz auf Hermannswerder im Alter von 74 Jahren gestorben. Kurz vor dem Ende „hat er gesagt, er hat ein schönes Leben gehabt, er ist zufrieden“. Das berichtete am Donnerstag eine langjährige Freundin.

Kurz nach der Wende hatte der frühere Polizist in der Empfangshalle des damaligen Hauptbahnhofs an der Pirschheide gemeinsam mit einem Partner seine erste mobile Buchhandlung eröffnet. Die Bücher hatten sie auf einem Tapeziertisch aufgestapelt, der gleich vorne am Eingang platziert war. „Schon als Kind habe ich viel gelesen“, erzählte er einmal: „Die Liebe zur Literatur kommt von meiner Mutter.“

Die Stadt veränderte sich und mit ihr die Wege der Menschen. Der Bahnhof Pirschheide verlor nach dem Mauerfall rasch an Bedeutung, dafür gewann der Stadtbahnhof mit der Öffnung der S-Bahn nach West-Berlin. Eines Tages folgte der Buchhändler den Menschen vom Stadtrand auf den S-Bahnsteig im alten Stadtzentrum. Als der Stadtbahnhof um 1998 mit einer gewaltigen Baustelle zum Hauptbahnhof wurde, war der Mann mit dem dunklen Barett und dem roten Schal längst weitergezogen.

Jürgen Trubel

Jürgen Trubel.

Quelle: Joachim Liebe

Bücher verkaufte er in der Geschwister-Scholl-Straße. Als auch dort gebaut wurde, wechselte er in die Markthalle. Jürgen Trubel hatte ein Geschäft in der Lindenstraße 10 mit Blick auf den früheren Stasiknast auf der anderen Straßenseite. Die Innenstadt galt zu jener Zeit noch als wirtschaftlicher Problemfall. Erst 2005 mit der Eröffnung von Karstadt sollte richtig Leben in die Brandenburger und ihre Nebenstraßen kommen.

„Der Standort in der Lindenstraße war für Touristen zu abgelegen, da lief nicht mehr viel“, sagte Jürgen Trubel im Dezember 2002 nach der Eröffnung seines Geschäfts im Souterrain am Eingang zum neu ausgebauten Luisenforum am Ende der Brandenburger Straße. Laufkundschaft verirrte sich nur selten auf diesen Hof. Oft sah man den Buchhändler lächelnd und mit einladender Geste an der Toreinfahrt stehen. Wer ihm folgte, betrat ein Refugium, in dem sich die Zeiten begegneten: junge Literatur und historische Bände, allerlei Bilder und Antiquitäten.

Jürgen Trubel, der gebürtige Neustrelitzer, war Preußen- und Bismarck-Fan. Wenn er ein Buch über Potsdam schreiben würde, dann, das sagte der Händler 2005, „würde ich über die Kulturstadt schreiben und darüber, dass sie in Deutschland kaum vermarktet wird“. Geschrieben hätte er aber auch „etwas Positives über Preußen, vor allem über die von Friedrich Wilhelm I. propagierten Tugenden Sparsamkeit, Fleiß und Unbestechlichkeit, denn daran fehlt es doch zur Zeit“.

Neun Jahre hielt der Buchhändler mit dem roten Schal im Luisenforum durch. Besonders stolz war er darauf, dass er den Roman „Der Kuss“ von Anne Delbee über Camille Claudel, die Geliebte des Bildhauers Auguste Rodin, mehr als 20 000-mal verkaufte. Das sei „in Deutschland einmalig“, wie er einmal lachend beteuerte. Dass Jürgen Trubel Anfang 2011 aufgab, lag an einer dramatischen Mieterhöhung und an der schwindenden Kraft: „Die Sorgen haben meine Krebserkrankung befördert“, sagte er.

Die letzten Jahre lebte er am Kiewitt. „Seine Wohnung war voll von oben bis unten mit Kunstgegenständen, Büchern und Porzellan, mit Bildern und Gemälden. Nur in einer Ecke stand ein Tisch mit zwei Stühlen, wo er seine Besucher empfangen hat.“

Jürgen Trubel war nicht nur ein leidenschaftlicher Literatur- und Kunsthändler, er war ein Menschenfreund. „Er hat es verstanden, andere Menschen aufzumuntern“, sagt seine langjährige Freundin, „obwohl er so furchtbar krank war. Er war ein wunderbarer, optimistischer Mensch. Und er hat gelesen, so lange es ging.“

Von Volker Oelschläger

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