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Potsdam Der Potsdam-Center-Skandal
Lokales Potsdam Der Potsdam-Center-Skandal
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18:52 12.06.2018
Baustelle für das Potsdam-Center im März 1997. Im Hintergrund der alte Stadtbahnhof. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam/Innenstadt

Der Streit um das Potsdam-Center am Hauptbahnhof hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Nördlich der Gleise sollte ein Gebäuderiegel mit 580 000 Quadratmetern Büro- und Gewerbeflächen errichtet werden. „Das wäre ein ganzer Stadtteil so lang wie die Brandenburger Straße gewesen“, sagt die Grünen-Politikerin Saskia Hüneke. Mit dem Bekanntwerden dieser Pläne 1993 sei das „allgemeine Entsetzen so groß“ gewesen, „dass man davon wieder Abstand genommen hat“.

„Es war wirklich wilder Osten“

Es folgte ein Bebauungsplanverfahren für 190 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, „also immer noch sehr viel“. Die Stadtverordneten „hatten noch kaum Erfahrungen im Umgang mit solchen Dingen“, sagt Hüneke: „Es war wirklich wilder Osten.“ Ein Problem: Die Stadt war selbst in der Holding – gemeinsam mit Privat-Investoren und der Deutschen Bahn.

Kritik an der „Gigantomanie“ kam von Denkmalpflegern, Schlösserstiftung, Architektenbund, Industrie- und Handelskammer. 1995 legte Architekt Günter Vandenherz einen Alternativentwurf vor. Anfang 1996 formierten Hüneke, Vandenherz, der Verkehrsplaner Dieter Doege und ein Juristen die Kerngruppe einer „Aktionsgemeinschaft für ein stadtverträgliches Potsdam-Center“.

Die Grünen-Politikerin Saskia Hüneke hat die Aktionsgemeinschaft für ein innenstadtverträgliches Potsdam-Center initiiert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Politikerin schrieb Brandbriefe in alle Richtungen – mit Erfolg. Mitte 1996 erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) das Potsdam-Center zur Chefsache und beauftragte Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) als Vermittler. Ende 1996 setzte die Unesco Potsdam wegen Gefährdung der Welterbelandschaft auf die Tagesordnung, drohte mit der Roten Liste und forderte Planungskorrekturen.

Im Februar 1997 lenken die Investoren ein. Statt 17 Baufeldern sollen nur noch die vier vorangetrieben werden, mit denen bereits begonnen wurde. Es gibt einen städtebaulichen Wettbewerb, der den nördlichen Bahnhofsausgang zur Stadt hin öffnet und die Nuthemündung schützt.

Ladenpassage mit 80 Geschäften

Im März 1997 unterzeichnen die Investoren eine Vereinbarung, nach der die Verkaufsflächen auf 12 500 Quadratmeter begrenzt werden sollen. Im Januar 1998 wird Baustadtrat Detlef Kaminski (SPD) wegen Korruptionsverdachts in einem anderen Fall abgewählt.

Erst im Juli 1998 erfährt die Öffentlichkeit, dass eine Ladenpassage mit 80 Geschäften entsteht – als ruinöse Konkurrenz für den Innenstadthandel, der noch kaum in den Startlöchern ist. Später wird bekannt, das illegal 5000 Quadratmeter zusätzlich für den Einzelhandel gebaut wurden.

Ende 1998 verhängt Potsdams neuer Oberbürgermeister Matthias Platzeck (SPD) einen Teilbaustopp: Dort entstehe ein Einkaufszentrum, das „so nicht gewollt war“. Die Sortimentsbeschränkung für die Bahnhofspassagen zum Schutz des Innenstadt-Handels fällt erst 2013.

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

„Mitte(n) im Leben“ ist der Titel eines Festes, mit dem am 8. Juli auf dem Alten Markt der 1025. Geburtstag der Landeshauptstadt Potsdam gefeiert wird. Mit dem Fest soll unter dem Motto „1000 plus 25 Jahre“ vor allem auf die Zeit seit der 1000-Jahrfeier 1993 zurück geblickt werden.

Zur Einstimmung laden wir unsere Leser in einer Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“ zu einer Zeitreise ein. Jedem Jahr soll beginnend mit dem Jubiläum der Rückblick auf eine Episode, ein Ereignis gewidmet sein, das in besonderer Weise prägend war oder das eine ganz eigene Perspektive auf die jüngste Stadtgeschichte öffnet.

Bisher erschienen:

Kunst-Skandal zur 1000-Jahrfeier 1993 – die „Fontanelle“

Schießerei im KGB-Städtchen – der Abzug der Russen 1994

Boheme auf Abwegen – Neueröffnung des Café „Heider“ 1995

„Einkaufen? Eine Katastrophe.“ – Die Stern-Center-Eröffnung 1996

Von Volker Oelschläger

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