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„Der Rausch hat etwas sehr Entlastendes“

Benjamin von Stuckrad-Barre in Potsdam „Der Rausch hat etwas sehr Entlastendes“

Benjamin von Stuckrad-Barre kommt nach Potsdam. Am Donnerstag liest er im Lindenpark. Zuvor hat er erzählt, wie seine Kindheit roch, wie das Leben bei den „Öko-Eltern“, was Udo Lindenberg so besonders macht, was er am Rausch so schätzte und mit welchem Drink ihm die Potsdamer eine Freude machen könnten.

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Benjamin von Stuckrad-Barre

Quelle: dpa

Potsdam. Becks, Drugs and Rock’N-Roll – darum geht es in Benjamin von Stuckrad-Barres Buch „Panikherz“. Die Alkohol- und Drogensucht des Schriftstellers steht im Vordergrund, seine Kindheit als Pastorensohn spielt eine wichtige Rolle. Und ein bisschen Liebe kommt auch vor – die zu seinem Helden Udo Lindenberg.

MAZ: Wonach roch Ihre Kindheit?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Feuchter Keller, kalter Stein, vergorene Äpfel, Jutebeutel.

Andere würden vom Kuchengeruch aus dem Ofen schwärmen oder von heißer Vanillesoße.

Stuckrad-Barre: Ja, das ist der Kindheitskitsch. Meine Realität war eine andere: Vater Pastor, Mutter Organistin, wir wohnten immer direkt neben der Kirche, und kalter Kirchenstein ist der spezifische Geruch meiner Kindheit.

Wie riecht das denn?

Stuckrad-Barre: Nach Vorwurf und Mottenkugeln, ein bisschen nach alten Leuten.

Junge Leute scheinen nicht viel besser zu riechen. In „Panikherz“ beschreiben Sie den Muff der Jugendherbergen und den Käsebrot-Mief der Schulranzen…

Stuckrad-Barre: … und das Brot war eingewickelt in Wachspapier, darauf waren Butterflecken und Bleistiftspäne. Zusammen ergab das den klassischen Schulgeruch.

Sie waren sehr hibbelig als Kind. ADHS?

Stuckrad-Barre: Nur den zweite Teil davon, die Hyperaktivität. Ein Aufmerksamkeitsdefizit aber hatte ich nie. Hibbelig indessen bin ich bis heute. Das ist offenbar mein Wesen, ich bin Hysteriker.

Mögen Sie das?

Stuckrad-Barre: Ja, ich bin gern aufgeregt. Nur wenn es dann ins Manische kippt, wird es anstrengend – für mich selbst, und insbesondere für die Menschen um mich herum ist das zuweilen eine Zumutung. Aber Hysterie und Nervosität, das ist einfach mein Zugriff auf die Welt. Ich schlage gern den Weg der Übertreibung ein, suche die Unordnung, die Verwirrung.

Zurück zur Jugend - warum haben Sie Udo Lindenberg gehört, als andere für Punk und Hip Hop schwärmten?

Stuckrad-Barre: In dem Alter wählt man seine Helden ja nicht bewusst aus. Erst später entscheidet man geschmacksstrategisch, um bestimmten Cliquen zuzugehören. Dass Udo mein Held wurde, war zunächst also Zufall, erwies sich aber für mich als großes Glück, denn er hatte ja damals schon ein wahnsinnig umfassendes Werk – die ganzen alten Platten waren für mich ja neu.

Was gab Ihnen das?

Stuckrad-Barre: Deutschunterricht. Udo Songtexte stifteten an, die deutsche Sprache als Abenteuerspielplatz zu begreifen.

Ihr Held ist heute auch Ihr Freund. In „Panikherz“ steht, mit niemanden betritt man besser ein Hotel als mit Udo Lindenberg.

Stuckrad-Barre: Ja, man hat den Eindruck, das Hotel Atlantic wohnt bei Udo – und nicht umgekehrt. Es läuft dort alles komplett nach seinen Regeln. Aber auch über das Hotelleben hinaus gilt: Alles ist mit Udo angenehmer als ohne hin.

Wie macht er das?

Stuckrad-Barre: Er bringt in jeden noch so verkniffenen Organismus eine enorme Leichtigkeit hinein, eine vorbildliche Lässigkeit und Großzügigkeit. Wenn Udo irgendwo auftaucht, benehmen sich alle um ihn herum automatisch leicht angeheitert.

Sind ihre Eltern eifersüchtig auf Udo Lindenberg? Er kommt als Übervater rüber, ihre Eltern wirken im Buch wie freudlose Ökos.

Stuckrad-Barre: Ökos ja, aber freudlos ganz gewiss nicht. Es war bei uns zuhause sehr lustig, das ist es ja mit vier Kindern eigentlich automatisch. Ich habe wunderbare Eltern. Sie waren protestantisch und linksalternativ, das war ein klares Weltbild – und dagegen konnte man also gut aufbegehren. Damals habe ich natürlich die Gegenwelt beneidet, so Mallorcafamilien, Nutellatoast, Sportschau, Rasenmähen, Lockenwickler im Haar. Heute bin ich meinen Eltern dankbar, das Bildungsbürgertum nervt den Pubertierenden, so gehört es sich – aber es ist natürlich der richtige Kosmos. Und Öko zu sein war ja damals noch kein Bessergestellten-Lifestyle, sondern eine lobenswerte Gegenhaltung.

Warum aber konnten Ihre Eltern Ihnen nicht aus Ihrer Drogen- und Alkoholsucht helfen, sondern ausgerechnet Udo Lindenberg?

Stuckrad-Barre: Ganz zum Schluss war es meine Familie, die mich gerettet hat: Meine Geschwister, und im Hintergrund auch meine Eltern. Als ich alle, alle abgeschüttelt hatte, war meine Familie immer noch da und hat mir das Leben gerettet. Aber Udo hat auch eine große Rolle gespielt, er hielt immer Kontakt, und bei ihm war klar, dass seine Sorge gewiss nicht moralischer Art war. Udo hat erwiesenermaßen gegen den Rausch und die Entgrenzung nichts einzuwenden. Und wenn sogar der dann sagt, „Stuckiman, du musst mal ein bisschen aufpassen, sonst stirbst du“ – dann wirkt das.

Warum erzählen Sie uns Lesern von Ihrer Sucht?

Stuckrad-Barre: Weil es eine existenzielle Erfahrung war, und über sowas kann man gut schreiben. Ich habe mittlerweile solch eine Distanz dazu, dass ich es wie einen Roman behandeln und schreiben konnte.

Aber Sie vermissen den Rausch, oder?

Stuckrad-Barre: Natürlich, und ich beneide die, die ihn erleben können. Es ist immer richtig, sich aus den Zwangsjacken des Alltags zu befreien. Der Rausch hat etwas sehr Entlastendes.

Was vermissen Sie, die Wirkung oder das Ritual?

Stuckrad-Barre: Beides. Schade ist es schon, weil man sich als immerfort Nüchterner natürlich ausschließt von gewissen Vergnügungen. Eine zünftige Saufnacht bietet eine Löschfunktion für den Kopf. Ich hingegen stehe nachts immer etwas abseits und gelange kaum je in die Stimmung der anderen – in diese herrliche Selbstvergessenheit, das Quatschreden.

Hat auch was Gutes, oder?

Stuckrad-Barre: Der Mitteilungsdrang ist nicht unbedingt von Vorteil. Als ehemaliger Profi kann ich nur höflich lächeln über dieses Geschwätz der Rauschamateure. Als wirklich Abhängiger ist man nicht mehr mitteilsam, die Sucht ist ein ganz nach innen gerichteter, einsamer Vorgang. Und wenn man einmal die Grenze von der Gewohnheit zur Sucht überschritten hat, gibt es leider kein Zurück mehr ins hin und wieder Berauschte.

Ihre Beschreibungen von anderen Drogenkonsumenten sind trotzdem sehr lustig. In Los Angeles beobachten Sie Leute, die berauscht werden davon, giftige Frösche in der Wüste zu lecken.

Stuckrad-Barre: Oder dieses Halluzinogen Ayahuasca. Mir haben die Leute vorgeschwärmt, sie würden dieses Zeug zusammen einnehmen, im Kreis sitzend, jeder habe einen Eimer neben sich, in den er dann reinkotze und sich dabei auf eine Reise begebe ins innere Ich. Das war aber nie mein Begriff von Party: im Kreis sitzend in einen Eimer zu kotzen.

Und die Reise ins Ich?

Stuckrad-Barre: Ach, vor dem renne ich lieber weg.

Dem Leser gestatten Sie die Reise in Ihr Ich trotzdem. Wie funktioniert das als Lesung – wie ein privater Dia-Abend?

Stuckrad-Barre: Ich verändere das Programm jeden Abend ein wenig – und ich habe ein paar Hitkapitel, von denen ich weiß, dass sie funktionieren. Wenn die in Potsdam dann nicht funktionieren, wüsste ich: Osnabrück hat gelacht, es ist also nicht meine, sondern Potsdams Schuld.

Und wenn Potsdam doch lacht, wie stößt man mit Ihnen auf eine gute Lesung an?

Stuckrad-Barre: Mit Ingwertee. Wer mir in Potsdam einen Drink ausgeben will, bringt eine Ingwerwurzel und einen Wasserkocher mit. Ingwertee – das ist mein Whisky.

» Donnerstag, 10. November 2016, ab 20 Uhr liest der Schriftsteller im Potsdamer Lindenpark. Karten kosten im Vorverkauf 18 Euro plus Gebühr und 22 Euro an der Abendkasse.

Von Maurice Wojach

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