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Der Schlüssel von Potsdam

Zeitzeugnis vom Ende des Zweiten Weltkriegs Der Schlüssel von Potsdam

Im Heimatmuseum von Cherson in der Ukraine wird ein besonderes Zeitzeugnis vom Ende des Zweiten Weltkriegs verwahrt: Am 27. oder 28. April 1945 sollen Vertreter des Potsdamer Magistrats einem sowjetischen General den symbolischen Schlüssel der Stadt ausgehändigt haben.

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Bernd Muck mit Porträts vom General Vydrigan (l.) und dem zeitweiligen Potsdamer Stadtkommandanten Werin.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam/Cherson. Das Heimatmuseum der Seehafenstadt Cherson im Süden der Ukraine birgt mit dem „Schlüssel von Potsdam“ eine besondere Reliquie des Zweiten Weltkriegs, der als „Großer Vaterländischer Krieg“ in die sowjetische Geschichtsschreibung eingegangen ist. Potsdam steckte kurz vor dem Kriegsende im Zangengriff der Roten Armee. Aus dem Norden rückte über Krampnitz die 1. Belorussische Front heran, aus dem Osten über Stahnsdorf die 1. Ukrainische Front. Mit ihrer Vereinigung in der Potsdamer Stadtmitte schloss sich am 27. April 1945 der Ring um Berlin. Doch die Kämpfe in der Stadt dauerten noch mehrere Tage an.

Der in Cherson aufbewahrte „Schlüssel von Potsdam“

Der in Cherson aufbewahrte „Schlüssel von Potsdam“.

Quelle: MAZ

Am 27. oder am 28. April soll es eine symbolische Schlüsselübergabe gegeben haben. In der Chronik der 175. Schützendivision, die am 27. April mit Amphibienfahrzeugen über den Jungfernsee nach Potsdam übersetzte, steht: „Am 28. April fand in Potsdam ein historisch bedeutsames Ereignis statt. Im Schloss der preußischen Herrscher händigten Vertreter des Magistrats dem Kommandeur der 175. Division, General Sachar Petrowitsch Vydrigan, den symbolischen Schlüssel von Potsdam aus.“

Auf Vydrigan berief sich die Komsomolskaja Prawda in einem am 8. Mai 1965 veröffentlichten Bericht: „Gegen Mittag wehte die Rote Fahne vom Familienschloss der deutschen Imperatoren, der letzten Festung der Feinde. Und hier übergab der Vertreter des Oberbürgermeisters dem General den Schlüssel der Stadt.“ Schließlich zitierte das Blatt den General: „Es ergab sich so, dass der traditionelle Schlüssel, der die Öffnung der Festungstore symbolisiert, den Ring um Berlin schloss.“

Den Ort der Schlüsselübergabe präzisiert Andrej Andrejew, als Kommandeur des 125. „Berliner“ Schützenkorps damals unmittelbarer Vorgesetzter Vydrigans, in seinen Erinnerungen: „Zur Mittagszeit wurde ich Zeuge und Teilnehmer folgenden Ereignisses in Cecilienhof. Der Kommandeur der 175. Schützendivision nahm von Vertretern des Potsdamer Magistrats die Schlüssel des Herrscherpalasts entgegen.“

Nach Potsdam kamen die Dokumente über einen Oberst a.D. Klevakin, dessen Vater am Sturm über den Jungfernsee beteiligt war. Klevakin war 2016 zum 71. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus als Gast der Brandenburischen Freundschaftsgesellschaft in Potsdam. Er berichtete dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Bernd Muck, von dem Schlüssel, den Vydrigan nach dem Krieg in seine ukrainische Heimat mitnahm und schließlich ins Museum gab.

Muck hat im Internet weiter recherchiert und teils fantastische Zuschreibungen entdeckt. Auf einer Seite ist die Rede von einem „rituellen“ Schlüssel, „mit dem seit dem 10. Jahrhundert die deutschen Könige gekrönt wurden“. Skeptisch macht Muck am Schlüssel das Katzenkopf-Ornament, das so gar nichts mit Potsdamer Symbolik zu tun hat. „Vielleicht war es ja ein Schlüssel von Karnevalisten.“

Das sieht auch Hannes Wittenberg so. Der stellvertretende Leiter des Potsdam-Museums wendet nicht zuletzt ein, dass es „in der deutschen Tradition so etwas wie die Übergabe eines Stadttorschlüssels gar nicht“ gegeben habe. Dennoch glaube auch er, „dass es diesen Akt gegeben hat“.

Die in Cherson lebende Tochter Vydrigans, Ludmilla Sacharowna, sucht für ihr Projekt „Warte auf mich“ Zeitzeugen zum Wirken ihres Vaters insbesondere auch in Potsdam. Der Kontakt ist möglich über Bernd Muck, Tel. 033203/22 588.

Von Volker Oelschläger

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