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Potsdam Der Stoff, aus dem ihr Glück ist
Lokales Potsdam Der Stoff, aus dem ihr Glück ist
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08:13 01.08.2017
Die Textilkünstlerin Juliane Rothenburg verhilft auch gebrauchten Stoffen zu einem neuen Leben. Quelle: Friedrich Bungert
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Lichtobjekte, Schmuck, Hüte, Schalkragen, Möbel und Kunstobjekte bis hin zur raumgreifenden Freilandinstallation – Juliane Rothenburg lässt sich beim Arbeiten gern auf die flinken Finger schauen. 20 Jahre ist es nun her, dass die Textilkünstlerin ihr Atelier im Holländischen Viertel eröffnet hat. Dort ist sie inzwischen so etwas wie die Hausälteste.

Was ist der Stoff, aus dem Ihre Träume sind?

Seide – ich mag ihre Geschmeidigkeit und ihren Glanz. Ich habe lange überlegt, warum ich gern mit Stoffen arbeite und eine Antwort für mich gefunden. Stoffe sind flexibel, weich, formbar – das ideale Material, um meine Ideen umzusetzen. Wäre ich Dozentin einer Lehreinrichtung, würde meine erste Frage an die Studierenden lauten: „Was kann man aus einem Stück Stoff machen; egal ob aus den Bereichen Kunst oder Design.“ Mein Traum: Diese Aufgabe im In- oder Ausland als Projekt zu praktizieren.

Was war Ihr erster Wohlfühlmoment mit Stoff?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Ich war schon immer kreativ, habe immer gern gezeichnet, geformt, gemalt und überlegt, auf welchen Wegen ich meine Ideen umsetzen und vollenden kann. Ganz ehrlich? Es hätte auch ein anderes Material werden können: Holz, Keramik oder Porzellan. Zum Stoff kam ich, weil meine Mutter für uns Kinder immer genäht hat. Eines Tages hat sie das aber nicht mehr so gemacht, wie ich es wollte - die ganz kurzen Röcke! So kam ich als Teenager selbst zum Nähen. Meine Eltern haben uns vier Geschwister immer gefördert – egal, wie verrückt unsere Ideen gerade waren. Wir haben alle ein Händchen für Kunst und Handwerk. Nach der Wende eröffneten meine beiden Schwestern und ich die Galerie EXTRA. Dort bekam ich das Rüstzeug für Marketing, Werbung und Verkauf.

Auch Sie sind von Hause her Schneiderin.

Schon in der 8. Klasse wusste ich, was ich werden wollte: Restauratorin oder Archäologin. Man musste aber zuerst einen Grundberuf lernen, also bin ich Tischlerin geworden und später Restauratorin für ur- und frühgeschichtliches Kulturgut, was beide Traumberufe vereint. Ich habe mit so ziemlich allem, was Jahrtausende unter der Erde lag, gearbeitet: mit Keramik, Leder, Holz, Metall, Knochen. Darin bin ich völlig aufgegangen. Erst nach der Wende absolvierte ich den Abschluss zur Damenschneiderin.

Könnte Ihr Vorliebe, alte Sachen wiederzuverwenden, daher rühren?

Ja, ich denke schon. Wenn ich Trödelmärkte oder Sperrmüll sehe, muss immer hin. Ich liebe es, alte, gebrauchte Materialien in der Hand zu halten. Aber ich halte mich inzwischen sehr zurück. Schauen Sie nur die alten Koffer, die ich sammle, oder die Nähschränke – das sind alles sehr schöne, aber auch funktional Stücke. So etwas mag ich. Ich habe auch eine Schatzkiste. Darin sind über Jahre angesammelte uralte Schnallen, Borten und Perlen.

Das, was Sie seit Jahren machen, nennt man heute Upcycling.

Genau – altes Material in neue Formen bringen. Ich organisiere auch Second-Hand-Modenschauen. Das macht unheimlich Spaß und ist oft ein Vorgeschmack auf neue Projekte. Ich trage seit jeher eine große Neugierde in mir. Ich wollte mich immer entwickeln und suche ständig neue Herausforderungen. Ich kann nicht nur in meinem Kämmerlein hier sitzen, dann verkümmert man. Deshalb baue ich hier auch regelmäßig kleine Ausstellungen auf. So lässt sich gut testen, was Anklang findet und was ich wieder verwerfen kann.

Was sind Ihre Klassiker?

Der Schalkragen mit gestaltbarem Verschluss hat eindeutig das Zeug zum Klassiker. Ich habe ihn 2015 für den Designpreis Brandenburg eingereicht und der Jury vorgestellt. Der Klassiker schlechthin ist meine Schmuckkette aus Seide mit handbemalter Chiffonblüte, die ich 2004 aufgelegt habe. Ich nehme auch gern Trends auf – jetzt zum Beispiel Stirnbänder. Meine von den Zwanziger Jahren inspirierten Kappenstirnbänder sind inzwischen sehr gefragt und machen ihren Weg in die Welt hinein. Hier im Holländischen Viertel ist man ja auf dem Präsentierteller. Hier verkaufe ich nach Frankreich, Italien, die Niederlande – überall hin.

Sie sind jetzt seit 20 Jahren im Holländischen Viertel – was hat sich verändert?

Abgesehen von ein paar Gastronomen bin ich nun am längsten von allen hier. Als ich ankam, waren noch ein paar mehr Handwerker da. Heute gibt es vor allem Restaurants, Cafés und Modeboutiquen. Was interessant zu beobachten war: Einige haben es mit Souvenirläden probiert, aber nach ein, zwei Jahren aufgegeben. Auch bei mir ist es nicht immer gut gelaufen, aber ich habe Ausdauer und eine Familie, die mir im Fall der Fälle den Rücken frei hält. Bei mir kommt schnell der Überlebenstrieb durch: Mach was! Das Allerwichtigste ist Flexibilität: Man muss immer wieder raus, man muss in Bewegung bleiben. Mein Atelier ist meine Basisstation. Von hier aus breche ich zu meinen Projekten außerhalb auf. Ich möchte nicht so viel Zeit verlieren. Was kommt, wird genutzt – wenn es mich weiterbringt.

Sie betonen, dass dies ein Atelier ist, kein Laden?

Unbedingt. Die Mittelstraße 6 ist ein offenes Atelier. Jeder kann gucken, was ich so mache. Ich biete hier auch Workshops an. Ich brauche den Kontakt und äußere Einflüsse. Was gefällt, kann gekauft werden. Oft werde ich gefragt, ob ich auch anfertige. Das mache ich nur, wenn es mich interessiert und reizt.

Machen Sie Kunst oder Mode?

Ich mache modische Accessoires. Damit sichere ich meine Existenz ab. In allen diesen Arbeiten steckt aber auch das Künstlerische – bei mir gibt es keine einfachen Sachen. Ich gestalte meine Accessoires immer, ob mit Patchwork, Applikationstechniken, Druck, Malerei – mit allem, was mir in den Sinn kommt. Und dann gibt es meine eigentlichen Kunstprojekte, etwa das Berliner-Mauer-Teil, dessen Vorder- und Rückseite ich bemalt habe und das nach China verkauft wurde. Auf die Kunst kommt es an, in sie stecke ich viel Zeit und Energie.

Lassen Sie sich für Ihre Kunst von Potsdam inspirieren?

Unbedingt – aber ich muss mir immer wieder ins Bewusstsein rufen, in welch schöner und anregender Stadt wir leben. Sanssouci zum Beispiel: Ich komme dort viel zu selten vorbei. Ich erinnere mich noch, wie ich an der Vergoldung des Teehauses mitgewirkt habe. Damals bin ich jeden Morgen mit dem Rad dorthin gefahren und habe das Schloss Sanssouci im Nebel liegen sehen – herrlich. Solche Momente muss man viel öfter genießen. Man darf dafür nicht blind werden. Das ist auch hier im Holländischen Viertel so: Ich arbeite hier täglich, muss mir die Schönheit aber immer wieder ins Bewusstsein rufen.

Zur Person

Juliane Rothenburg wurde 1957 in Luckenwalde (Teltow-Fläming) geboren.

Als Künstlerin ist sie seit 1997 freiberuflich tätig und Mitbegründerin des Vereins Textil-Kunst-Gestaltung.

Ihr Schwerpunkt sind Textilkunst und Design, ihre Arbeitsbereiche Skulpturen, Kleinkunst, Up- und Recycling.

Ausgestellt hat sie u.a. bei der Zeughausmesse in Berlin und im Grassi-Museum in München. nf

Von Nadine Fabian

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