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Der Tausendsassa aus Eiche

Getränkehändler mit politischen Umtrieben Der Tausendsassa aus Eiche

Mit seiner direkten, zupackenden Art hat er vieles bewegt – in seinem privaten Leben, im geschäftlichen, im politischen. Der Getränkehändler Ulrich Gorgs aus dem Potsdamer Ortsteil Eiche ist ein Tausendsassa. Als er in den 70er Jahren ein Gartengrundstück in Eiche kaufte und ein Haus darauf baute, ahnte er nicht, dass er einmal in einer Boomtown wohnen würde.

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Von den Studenten und den Besuchern ihrer Kneipen und Cafés geschätzt: Getränkehändler Ulrich Gorgs.

Quelle: Marcel Kirf

Eiche. „Eiche ist heute ein Wohngebiet, in dem alles intakt ist“, sagt Ulrich Gorgs und zieht an seiner Zigarre. Das läge nicht zuletzt daran, dass in 90er Jahren die richtigen Weichen gestellt wurden. Investoren zum Beispiel mussten verpflichtend begleitende Infrastruktur schaffen, Geld in Schulen, Kindergärten und Straßenbau stecken. Die Gemeinde lehnte auch Vorhaben ab. „Alle haben an einem Strang gezogen – jenseits allen Parteiengezänks“, erinnert sich der stadtbekannte Getränkehändler, der damals für die Liberalen mitmischte. Sein Markenzeichen, der Zigarrenstummel im Mundwinkel, ist nach anderthalbjähriger Abstinenz wieder ständiger Begleiter des kantigen 72-Jährigen. In die Politik zieht ihn nichts zurück.

Mit seiner direkten, zupackenden Art hat er vieles bewegt, sein rauer Brandenburger Charme entwaffnet binnen Augenblicken. Gorgs ist eine jener Typen, von denen es immer heißt, es gäbe sie nicht mehr, ein Macher, ein Kämpfer und Durchsteher. Er sagt, was er denkt und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Es gilt das gesprochene Wort. Schwätzer und Umfaller sind ihm ein Graus.

Ende der 70er Jahre erwarb der seinerzeit junge Familienvater ein Gartengrundstück in Eiche, gegenüber der Kaserne, direkt an der Hauptstraße, der heutigen Kaiser-Friedrich-Straße. Bauen wollte er dort eigentlich nicht, verrät er, „aber in der DDR war ja keine Wohnung zu kriegen“. So errichtete er „gezwungenermaßen“ ein Haus für die Familie. Rückblickend „habe ich alles richtig gemacht“, meint Gorgs heute und zieht erneut an seiner Zigarre: von privat gekauft, noch deutlich vor 1990 gebaut, heute Besitzer eines Eigenheims in einem der begehrtesten Stadtteile Potsdams. So gab es auch nach der Wende keine Scherereien. Beruflich allerdings bewirkten Mauerfall und deutsche Einigung eine Zäsur. Gorgs war im Schwerlasttransport tätig, sein Betrieb gehörte zu den ersten, die abgewickelt wurden. Zwar hätte er in der Branche „immer was bekommen“, aber „in einem Anfall von Wendeeuphorie“ gründete er im April 1990, noch zu DDR-Zeiten, seinen bis heute bestehenden Getränkebetrieb. „Gesoffen wird immer“, sagte er sich damals, „das ist krisensicher.“

Und zunächst ging der Plan auch auf. Im Ort, im benachbarten Potsdam und im erweiterten Umland gab es viele kleine Einzelhändler, die von Gorgs mit Getränken beliefert wurden. Ende 1993 wurde Eiche von der Landeshauptstadt eingemeindet. Das Geschäft brummte, sieben Angestellte waren rund um die Uhr beschäftigt. Früh nahm der umtriebige Händler Kontakt zu Studierenden der neuen Potsdamer Hochschulen auf, die eigene Clubs und Cafés gründeten. Nil, Pub à la Pub, Casino – sie alle beziehen bis heute ihre Flüssigware von Gorgs. Unter Studenten ist er eine Legende, nicht zuletzt, weil es bei ihm relativ unbürokratisch und unkompliziert zugeht. Für Gorgs selbst ist die Zusammenarbeit mit den Studierenden ein Jungbrunnen, „und es freut mich, wenn sich auch heutzutage noch Menschen ehrenamtlich engagieren. Das ist selten geworden.“

Eiche

Eiche wurde 1193 erstmals urkundlich erwähnt und 1993 eingemeindet.

Noch heute ist der Ort von Kasernen geprägt. Bereits 1881 begann der Ausbau zum Militärstandort. Dort waren unter anderem Wehrmacht, Reichsluftfahrtministerium, Spionageabwehr, später die Volkspolizei untergebracht. Heute haben das Polizeipräsidium des Landes und die Bundeswehr ihren Sitz.

Der wachsende Ortsteil zählt derzeit etwa 4542 Einwohner.

Mit der Jahrtausendwende kam die Krise, bis 2000 verschwanden die unabhängigen Einzelhändler nach und nach. Supermarktketten bauten im Ortsteil, alles wurde umstrukturiert auf großflächigen Einzelhandel. „Das war meine Stunde der Wahrheit“, sinniert Gorgs, „ich war sehr handelslastig ausgerichtet, den Sprung hin zu Gastronomiekunden hatte ich verpasst.“ Die folgende Insolvenz habe er „wie ein gerupftes Huhn“ überstanden, erzählt er. Der Betrieb aber lief weiter. „In all den Jahren gab es bei uns einen einzigen Schließtag“, so Gorgs, „das war der Tag, an dem meine Mutter gestorben ist.“ Heute gehören seinem jetzt „klitzekleinen Betrieb“ neben ihm nur noch ein Sohn und ein weiterer Angestellter an. Trotz seiner 72 Jahre hält Gorgs alle Zügel in der Hand. „Ich habe keine Lust vor einem Flachbildschirm zu verblöden oder mich auf Kaffeefahrten bescheißen zu lassen“, begründet er seine Haltung, „und meine Söhne haben sich mit der Tatsache abgefunden, dass der Alte macht, bis er umfällt.“ Dass das passiert, kann man sich seiner ansichtig gar nicht vorstellen.

Von Marcel Kirf

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