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„Der Wolf lebt im Verborgenen“

Potsdamer Wolfsbeauftragter im Interview „Der Wolf lebt im Verborgenen“

Der Wolf ist eine Urgewalt und doch ist sein Leben sozial und durchorganisiert. Das fasziniert Jörg Lippert. Er ist seit 1994 Wolfsbeauftragter für die Landeshauptstadt und Potsdam-Mittelmark. Im MAZ-Interview erklärt er, weshalb es möglich ist, dass das bei Nattwerder gerissene Reh Isegrims Imbiss war und wie wahrscheinlich es ist, dass sich ein Rudel in Potsdam ansiedelt.

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Der Wolf – hier ein Rudel in einen Wildpark – führt ein Leben im Verborgenen.

Quelle: Picture Alliance

Potsdam. Seinen ersten Wolf in freier Wildbahn hat Jörg Lippert (53) 1990 gesichtet – auf einer Zugfahrt durch Polen. Inzwischen ist der Wolf auch in Deutschland und im Land Brandenburg wieder heimisch. Jörg Lippert bleibt ihm als ehrenamtlicher Wolfsbetreuer für Potsdam und Potsdam-Mittelmark auf der Spur. Der MAZ hat er erklärt, was es mit dem in Nattwerder gerissenen Reh auf sich hat und wie die Aussichten sind, dass sich ein Rudel in Potsdam ansiedelt.

Was fasziniert Sie an Wölfen?

Der Wolf stellt eine Urgewalt dar. Er ist einer der Spitzenprädatoren, vergleichbar mit dem Löwen in der Serengeti. Dabei ist es bemerkenswert, wie sozial und durchorganisiert so ein Wolfsleben ist. Der Wolf führt zum Beispiel eine Dauerehe. Wenn man sieht, wie viele Menschen sich scheiden lassen... Das gibt’s beim Wolf nicht. Die Partner ziehen die Kinder gemeinsam groß und es gibt ein strenges Regime bei der Arbeitsteilung. Es ist faszinierend, wie das funktioniert – und dass es so viel Heimlichkeit gibt. Der Wolf lebt in der Dunkelheit, im Verborgenen. Man sieht ihn nicht – außer wenigen jungen Tieren, die auf Wanderschaft gehen müssen, weil die Eltern sie nicht mehr dulden. Allein und auf unbekanntem Terrain tauchen sie schon mal am Dorfrand auf – das liegt auch daran, dass sie die Scheu vor dem Menschen erst später lernen.

Wäre es eine gute Nachricht, wenn in Potsdam ein Wolf gesichtet würde?

Im Prinzip ja. Aber es könnte unter Umständen zu Konflikten kommen. Wenn ein Wolf umherirrt, gibt es immer Leute, die die Situation falsch einschätzen und auch falsch reagieren. Diese Fälle sind aber extrem selten. Die Gefahr von Missverständnissen besteht immer, denken wir nur an den Wolf von Ossendorf im Schlaubetal, der 1999 eingefangen wurde, weil er sich in der Nähe eines Dorfes mit einer läufigen Hündin eingelassen hatte. Der kam in den Wildpark in der Schorfheide und war dort bis zu seinem Tod der König des Geheges, obwohl ihm ein Hinterbein fehlte. Taucht ein Wolf in der Nähe des Menschen auf, scheiden sich die Geister: Ist er verhaltensauffällig oder nicht? Wir dürfen nicht vergessen, dass Wölfe zu 99 Prozent Hirsche, Rehe und kleine Wildschweine fressen.

Vor Kurzem ist ein Rehkadaver in Nattwerder gefunden worden – vom Wolf gerissen, hieß es.

Das ist in diesem Fall schwierig zu beurteilen. Ein sachkundiger Kollege war vor Ort und hat seine Einschätzung abgegeben. Demnach könnte es ein Wolf gewesen sein. So hat es der Kollege an die Untere Naturschutzbehörde weitergegeben – und schon brach im Rathaus ein Hype aus und es hieß, der Wolf ist da.

Können Sie sicher ausschließen, dass es ein Wolf war?

Nein. Der Kadaver war für ein genaues Urteil zu alt. Viele Nachnutzer – Wildschweine, Waschbären oder Kolkraben – hatten sich daran schon bedient und womöglich die entscheidenden Spuren vernichtet, so dass wir sagen: Es könnte ein Wolf gewesen sein. Um einen Wolf mit Sicherheit zu bestätigen oder auszuschließen, war das, was wir vorgefunden haben, zu dünn.

Welche Spuren brauchen Sie für einen sicheren Befund?

Die absolute Sicherheit bieten nur Fotofallen – in Glindow hatten wir so einen Fall – oder genetische Proben, etwa vom Speichel an der Kehle des Beutetiers. Je frischer der Riss, desto besser können wir beurteilen, was passiert ist. Es gibt klassische Hinweise auf den Wolf – aber eben nur Hinweise. Ein Beispiel ist der Drosselbiss. Im Normalfall packt der Wolf sein Beutetier am Hals, zerrt es auf die Seite, dass es umkippt, und beißt so lange zu, bis es erstickt ist. Dann öffnet der Wolf die Bauchdecke und zerrt den Pansen heraus. Das ist wichtig, weil im Pansen Säure steckt und das Fleisch verderben könnte. Den Pansen lässt der Wolf immer liegen – das ist typisch. Er frisst das Muskelgewebe, etwa die Keulen. Auf Knochen kaut er hingegen nicht r­um – auch das ist ein Indiz. Aufschluss gibt auch der Fundort. Wölfe zerren ihre Beute gern ins Gebüsch, um sich vor aufdringlichen Vögeln zu verstecken, und verbuddeln die Beute auch gern als Depot für später.

Potsdam ist eine Stadt mit viel Landwirtschaft. Müssen unsere Bauern ihre Schäfchen jetzt ins Trockene bringen?

Vor allem für Schäfer ist die Situation sicher schwierig. Sie müssen sich auf den Wolf, der Jahrhunderte lang ausgerottet war, einstellen, müssen lernen, mit ihm umzugehen und sich gegen ihn zu erwehren, indem sie spezielle Zäune stellen und Herdenschutzhunde anschaffen. Das ist ein zusätzlicher Aufwand und es ist wichtig, dass es schnell Unterstützung gibt, auch im Schadensfall. Es ist aber bedrückend, dass die Debatte über die Rückkehr des Wolfes mit so unheimlicher Aggressivität geführt wird.

Wie gefährlich ist der Wolf für die Viehwirtschaft?

Wir verzeichnen weitaus mehr Übergriffe auf Schafe durch Hunde als durch Wölfe. Bei den Rinderhaltern ist es so, dass im Jahr 2016 in ganz Brandenburg 24 Kälber vom Wolf gerissen wurden. Allerdings gab es über 4000 Totgeburten und über 6000 Kälber, die das erste halbe Jahr nicht überlebt haben. Das sind mehr als 10 000 junge Rinder, die ohne Wolfseinwirkung gestorben sind: das sind 0,2 Prozent. Das, was im Streit zwischen Landwirten und Naturschützern an Aggression provoziert wird, hat mit der Realität nichts zu tun.

Jäger und Mitarbeiter der Sielmann-Stiftung in der Döberitzer Heide berichten, dass seit Jahren Wölfe durch Potsdamer Gebiet ziehen.

Das kann durchaus sein bei der Wolfsdichte, die wir inzwischen haben. Sowohl Männchen als auch Weibchen ziehen – einige bis zu 1000 Kilometer, bis sie ein Revier gefunden haben. Potsdam an sich ist aber eher uninteressant für den Wolf.

Was macht Potsdam denn so unattraktiv?

Der Wolf braucht störungsfreie Flächen, wo nicht hunderte Pilzsammler, Blümchenpflücker, Radfahrer und Spaziergänger mit und ohne Hund vorbeikommen. In Potsdam gibt es nur ein Gebiet, das sich für den Wolf anbietet: die Döberitzer Heide. Der Park Sanssouci, der Wildpark, die Parforceheide – das ist alles nix. Aber die Döberitzer Heide ist klasse, da könnte es hinhauen und das wird es auch irgendwann. Generell brauchen Wölfe um die hundert, zweihundert Quadratkilometer, die sie durchstreifen können. Der Autobahnring ist da eine Barriere. Dort finden wir immer wieder tote Wölfe: unerfahrene Tiere, die versucht haben rüberzukommen. Würde es eine Wildbrücke geben, würde sich der Wolf dauerhaft innerhalb des Ringes ansiedeln.

Wo lebt dann das nächste Rudel?

In Lehnin. Die Größe des Rudels schwankt stark und kann bis zu acht Tieren betragen, wenn im September die Welpen da sind und die Jungen aus dem Vorjahr das Rudel noch nicht verlassen haben.

Wie wird man Wolfsbeauftragter?

Ich hab schon zu DDR-Zeiten mitbekommen, wie Wölfe geschossen wurden und wie auch mit den Luchsen gnadenlos verfahren wurde. Es gab damals eine offizielle Anweisung – jeder Jäger hatte einen Freibrief. Das war ein tiefer Schmerz. Die Liebe zur Natur ist mir in die Wiege gelegt worden. Mein Großvater war Gymnasiallehrer. Er hat sich über seinen Biologieunterricht hinaus gebildet und in der Natur umgetan. Mein Vater ist Ornithologe und hat im Tierpark Berlin als Wissenschaftler bei Professor Dathe gearbeitet. Ich lebe die Familientradition weiter und war schon immer im Naturschutz ehrenamtlich tätig.

Im Dienst für die Natur – ob Ehrenamt oder Beruf

Jörg Lippert ist Potsdamer, 53 Jahre alt und seit 1994 ehrenamtlicher Wolfsbeauftragter für die Landeshauptstadt Potsdam und den Kreis Potsdam-Mittelmark. Er ist hauptberuflich im Landesumweltamt tätig und dort für den internationalen Artenschutz zuständig.

Im Land Brandenburg leben laut Landesumweltamt nach derzeitigem Kenntnisstand 21 Wolfsrudel und zwei Paare. Hinzu kommen zwei Gebiete mit unklarem Status.

Der Wolf ist zahlreichen Gefährdungen beispielsweise durch Straßenverkehr und illegale Tötungen ausgesetzt. Er unterliegt dem Naturschutzrecht und darf nicht gejagt werden.

Wer Fragen zum Wolf hat, findet auf der Internetseite des Landesamts für Umwelt Hilfe und eine Liste mit Ansprechpartnern: www.lfu.brandenburg.de nf

Von Nadine Fabian

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