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Der gefesselte Prometheus

Neue Galerie in Potsdams Mitte Der gefesselte Prometheus

Mit zensierter Kunst aus der DDR eröffnet der Potsdamer Kunstverein am Sonnabend eine neue Galerie in der Potsdamer Charlottenstraße. Zur Eröffnung wird eine 1982 im Auftrag des Kulturbundes angefertigte Grafikmappe vorgestellt, die unmittelbar nach der ersten Präsentation auf politischen Druck aus der SED-Spitze zurückgezogen werden musste.

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Andreas Hüneke vor der Grafik „Orbis picturis“ von Bernhard Bernhard Michel. Im Hintergrund der Prometheus von Falko Behrendt.

Quelle: Christel Köster

Potsdam/Innenstadt. Der aufsässige Prometheus war das Thema einer Mappe mit Grafiken und Texten, die der Kulturbund der DDR 1982 zum 150. Todestag Goethes in Auftrag gab. Künstler mit Rang und Namen beteiligten sich, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Willi Sitte, dazu Autoren wie Rainer Kirsch, Volker Braun und Heiner Müller. Die Mappe sollte in 30 Exemplaren an die Galerien des Kulturbundes verteilt werden. Doch nach einer ersten Präsentation in Dresden wurden die Mappen wieder eingezogen und sind seither bis auf ein Exemplar verschollen sind.

Mit den Arbeiten der zensierten Grafik-Mappe „Prometheus 82“ eröffnet der Potsdamer Kunstverein am heutigen Sonnabend in der Charlottenstraße 121 eine neue Galerie „Gute Stube“, in der jährlich vier Kabinett-Ausstellungen gezeigt werden sollen. Der Potsdamer Kunsthistoriker und Kurator Andreas Hüneke ist nicht nur Zeitzeuge. Als Mitautor eines ebenfalls zensierten Begleitheftes mit Erläuterungen zu den Grafiken, Texten und auch Kompositionen war er selbst einer der Protagonisten.

Nach Potsdam holte er die Mappe als Leihgabe des Museums Schloss Moritzburg bei Halle im Zusammenhang mit einem Seminar an der Freien Universität Berlin zum Thema „Graphische Mappen und Künstlerbücher in der DDR“. Der Gang durch das Treppenhaus und den Versammlungsraum im Obergeschoss wird zum Lehrstück für den Eigensinn von Kunst. Prometheus, der Fortschritts- und Freiheitsheld, verrennt sich mal in diese, mal in jene Richtung, wird zur lächerlichen, traurigen, gern auch aggressiven Figur.

Falko Behrendt zeichnet ihn als amputierte Marionette, Otto Möhwald setzt ihn als resignierten Schöpfer neben eine missglückte Skulptur, in Mattheuers Linolschnitt „Prometheus verlässt das Theater“ ist er ein schattenhaft davonhuschender Brandstifter, Uwe Pfeifer lässt ihn als winzigen Che Guevara mit Fackel auf einem riesenhaften Panzer auffahren, der Potsdam eng verbundene Wieland Förster lässt den Titanen in seiner apokalyptischen Stadtlandschaft einfach weg.

Beispielhaft für die Schriftsteller sei Rainer Kirsch zitiert, der in seinem Gedicht „Das Ende vom Lied“ spottet: „Groß in Gesängen rühmten die Alten den Schaffer Prometheus / Weil er das Feuer uns gab; wir heute schlucken den Rauch.“

Der Streit um die Mappe wurde bis hoch zur Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED geführt. Nach Einschätzung Hünekes gab es nicht zuletzt wegen der illustren Runde der Beteiligten keinen vergleichbaren Fall von Zensur im DDR-Kunstbetrieb: „Das ist schon ein besonderer Vorgang gewesen.“

Info Vernissage Sa 17 Uhr, geöffnet Mo/Sa 10-14 Uhr; Zugang auch über die benachbarte Galerie Ruhne (Charlottenstr 122), geöffnet Do-So 14-18 Uhr. Bei Ruhnke öffnet Sa 16 Uhr die Ausstellung „Im Prinzip Bach“.

Von Volker Oelschläger

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