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Potsdam Filmorchester Babelsberg zum Aufgeben gezwungen – von einer Baustelle
Lokales Potsdam Filmorchester Babelsberg zum Aufgeben gezwungen – von einer Baustelle
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19:11 30.07.2018
Der Intendant des Filmorchester Babelsberg, Klaus-Peter Bayer, blickt aus dem Foyer des Filmorchesters auf den Billy-Wilder-Platz der zum Parkplatz ausgebaut wird. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam/Babelsberg

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg steht vor dem Aus. Das hat Intendant Klaus-Peter Beyer am Montag auf MAZ-Anfrage bekannt gegeben. „Wir werden ab jetzt seriöserweise keinen Kunden mehr Zusagen machen können“, sprich: keine Aufträge mehr annehmen.

„Die Umstände sehen so aus, dass wir zum Aufgeben gezwungen werden, weil uns die Existenzgrundlagen entzogen werden.“ Das Orchester sei mit „Interessenlagen konfrontiert, die uns rein rechnerisch dazu zwingen“, so der Intendant.

Grund ist eine nahe dem Aufnahmestudio geplante Großbaustelle. Am 1. August beginnen die Tiefbauarbeiten für einen Bürokomplex mit 7000 Quadratmeter auf bis zu fünf Etagen und Tiefgarage am Eingang der Medienstadt Babelsberg.

Eine von der städtischen Wirtschaftsförderung moderierte Krisenrunde mit dem Investor KW Development sowie den durch die Baustelle gefährdeten Gewerbeanrainern, neben dem Filmorchester die Spezialfirma Rotor Film, blieb laut Beyer ergebnislos: „Da ist nichts rausgekommen“, sagte er nach dem Treffen am Montagvormittag.

„Uns bleibt keine andere Wahl“

Dem Bauunternehmen könne er dabei nicht einmal einen Vorwurf machen: „Ich kann Herrn Kretzschmar gut verstehen“, so der Intendant mit Blick auf den Firmeninhaber Jan Kretzschmar: „Er hat das Baugrundstück in Treu und Glauben gekauft, wie wir unser Studio in Treu und Glauben gemietet haben.“ Unter diesen Voraussetzungen bleibe dem Filmorchester „keine andere Wahl“.

Der Klangkörper macht laut Intendant 60 Prozent seines Umsatzes mit Musikeinspielungen für Filmproduktionen. Die Aufnahmetechnik im Saal sei so sensibel, dass eine Arbeit mit einer Baustelle nebenan nicht möglich sei, hatte Beyer bereits vor Wochen erklärt.

Die Musiker seien noch nicht über den aktuellen Stand informiert, sagte der Intendant auf Nachfrage: „Sie haben es noch nicht erfahren.“ Wann er ihnen kündigen werde, wisse er nicht: „Vielleicht im November oder Dezember, ich weiß es nicht.“

Tonstudio des Deutschen Filmorchesters Babelsberg im Haus 4 auf dem Babelsberger Studiogelände. Quelle: Friedrich Bungert

Von der Baustelle unmittelbar betroffen ist auch Rotor Film, eine auf Filmnachbearbeitung mit modernsten Bild- und Tonsystemen spezialisierte Firma mit 30 Beschäftigten. Deren Geschäftsführer Martin Frühmorgen, der am Montag zunächst nicht zu erreichen war, hatte am Freitag erklärt, dass die Arbeit mit der Baustelle nebenan nicht möglich sei. Rotor Film hatte in den Ausbau des früheren Studiokinos Defa 70 rund 1,5 Millionen Euro investiert.

Bauträger will dem Orchester entgegenkommem

Nach Angaben von David Eckel, dem Sprecher der KW Development, verlief die Abstimmung am Montagvormittag „partnerschaftlich“: Die Bauträgergesellschaft habe unter anderem angeboten, die Zeiten der lauten Bauarbeiten zeitlich zu begrenzen und mit dem Filmorchester abzustimmen. „Darüber hinaus hat das Unternehmen weitere Schallschutzmaßnahmen angeboten, wie etwa eine besonders schalloptimierte Baustellenplanung und den Einsatz besonders leiser Verfahren.“

20 000 Euro sind laut Eckel bereits in Schallschutzmaßnahmen für das Filmorchester investiert, ein weiteres Paket im umfang von 60 000 Euro angeboten worden, „um das Filmorchester möglichst wenig zu beeinträchtigen“.

Das Engagement des Bauherren sei „freiwillig“, so der Sprecher: „Fakt ist auch, dass die KW-Development ein Baugrundstück erworben hat – übrigens bereits vor einem knappen Jahr – mit der klaren Maßgabe, die in Potsdam so dringend benötigten Büroflächen für neue Arbeitsplätze zu schaffen.“

Intendant Beyer bestätigte die Offerten: „Das Bemühen ist ersichtlich“, sagte er, „aber es wird seine Grenzen haben. Und wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, ist das Geschrei groß.“

Das Orchester mit seiner vergleichsweise geringen öffentlichen Förderung sei „gezwungen, so viel wie möglich einzunehmen. Und die einzige Möglichkeit dafür sind Einspielungen“. Doch auch dieser Markt sei umkämpft.

„Wir hoffen, dass noch nicht das letzte Wort gesprochen ist“

Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) erklärte am Montag im Namen von Potsdams Rathausspitze: „Mit Bedauern haben wir von der Ankündigung des Intendanten des Deutschen Filmorchesters Babelsberg erfahren, keine weiteren Aufträge mehr anzunehmen und Mitarbeiter zu entlassen. Wir hoffen, dass damit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.“

Das Filmorchester sei „ein herausragender kultureller Botschafter unserer Stadt und nimmt einen besonderen Platz in der Filmgeschichte ein“, zudem sei es „ein wichtiger Arbeitgeber in der Medienstadt“.

Die Landeshauptstadt habe sich „gerne bereit erklärt, die Gespräche mit allen Beteiligten vermittelnd zu begleiten und steht dafür auch weiter zur Verfügung“, so Rubelt: „Wir hoffen sehr, dass es den Beteiligten doch noch gelingt, einen umsetzbaren Kompromiss zu finden, der die Belange beider Seiten berücksichtigt.“

Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Medienboard Filmförderung Berlin-Brandenburg, erklärte am Montag: „Es wäre äußerst bedauerlich, wenn das traditionsreiche Filmorchester Babelsberg seinen Betrieb wegen Bauarbeiten einstellen müsste. Ich hoffe, dass noch ein Kompromiss gefunden werden kann.“

„Es wäre ein großer Verlust für Potsdam und den Medienstandort, wenn das traditionsreiche Orchester tatsächlich aufgegeben werden müsste“, sagte der Potsdamer Oberbürgermeisterkandidat Mike Schubert (SPD): „Wenn es noch eine Chance auf Vermittlung gibt, müssen wir sie ergreifen.“ Lutz Boede, Oberbürgermeisterkandidat der Fraktion Die Andere, erklärte: „Ich hoffe, dass es noch eine Einigung gibt.“

„Ein geschätzter kultureller Botschafter Brandenburgs“

Die Rückkehr des Filmorchesters auf das Babelsberger Studiogelände wurde nach Angaben von Martin Sand, Sprecher des Kulturministeriums, von Bund und Europäischer Union von 2006 bis 2008 mit knapp 1,7 Millionen Euro gefördert.

Die Arbeit des Filmorchesters als „weit überregional bekannter und geschätzter kultureller Botschafter Brandenburgs“ werde vom Land mit knapp 1,7 Millionen Euro jährlich gefördert, so Sand. Aktuell hat der Klangkörper, der in der Tradition des vor 100 Jahren gegründeten Ufa-Sinfonieorchesters steht, 65 Mitarbeiter. Die Musiker kehren laut Beyer in zwei Wochen aus dem Urlaub zurück.

Von Volker Oelschläger

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