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Dicke Luft in der Geschwister-Scholl-Straße

Verkehr in Potsdam Dicke Luft in der Geschwister-Scholl-Straße

Nun ist es amtlich: Der Verkehr weicht dem Versuch auf der Zeppelinstraße aus und schiebt sich zunehmend durch die Nebenstraßen. Vor allem die Geschwister-Scholl-Straße kriegt dabei ihr Blech weg. Anwohner fordern die Stadt nun zu Nachbesserungen auf. Vor allem die Sicherheit von Fußgängern und die Schadstoffwerte machen ihnen Sorgen.

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Auf der Geschwister-Scholl-Straße brummt der Verkehr.

Quelle: MAZonline

Brandenburger Vorstadt. Entspannung auf der Zeppelinstraße, dicke Luft nebenan: Das Zwischenergebnis zum Modellversuch stärkt die Positionen der Zweifler und Projektgegner. Vor allem in der Geschwister-Scholl-Straße wächst mit dem Ausweichverkehr der Frust der Anwohner. „Um 5 Uhr morgens fängt der Tumult an“, sagt Monika Bückner. Seit 16 Jahren lebt sie an der Scholl – von weit geöffneten Fenstern und Nächten auf dem Balkon hat sie sich bereits im Sommer kurz nach dem Start des Modellversuchs verabschiedet. „Der Lärm ist das eine“, so Monika Bückner. „Was ist mit den Schadstoffen? Ich wünsche mir, dass die Werte nicht nur auf der Zeppelinstraße, sondern auch hier überprüft werden.“

Wie berichtet, konnte man in den ersten vier Monaten des halbjährig angelegten Versuchs 2000 bis 2500 Autos aus der Zeppelinstraße verdrängen; 5000 hatte man geplant. Bis auf wenige Hundert Verkehrsteilnehmer, die als Zuwachs in Bus und Tram gezählt wurden, sind die „Genervten“ aus der Zeppelinstraße vor allem auf die Geschwister-Scholl-Straße ausgewichen, wo man rund 2000 Autos mehr registriert hat: 7500 statt 5500 am Tag.

Zeppelin- und Scholl-Straße nicht gegeneinander ausspielen

Auch Ingo Baumstark vom Brandenburger-Vorstadt-Verein lebt im Kiez. „Wenn nun Zahlen vorliegen, die belegen, dass die Autos in der Geschwister-Scholl-Straße zugenommen haben, ist natürlich auch eine Verlagerung der Schadstoffe zumindest zu befürchten.“ Was die Menschen im Viertel aber vor allem bewegt – so hatte auch Monika Bückner bereits zum Schuljahresbeginn gemeinsam mit Annette Paul vom Stadtteilnetzwerk Alarm geschlagen – sei die Sicherheit. Diese habe in der Zeppelinstraße in den vergangenen Monaten zwar zugenommen, etwa durch die Tempo-30-Zone, die die Straße „anders erlebbar“ macht. Im Scholl-Kiez habe sich die „gefühlte Sicherheitslage“ hingegen verschlechtert. „Angesichts zweier Kitas und zweier Schulen besteht bei vielen das Bedürfnis, dass man da von der Stadt her nachregelt“, so Baumstark. So seien eine zweite Fußgängerampel und weitere Fußgängerüberwege zu erwägen. Im Fokus: die Kreuzung von Geschwister-Scholl- und Nansenstraße, „ein richtiges Nadelöhr“. Dort habe sich der Verkehr deutlich verdichtet und es sei unübersichtlicher geworden. Dennoch warnt Baumstark davor, die Zeppelin- und die Scholl-Straße gegeneinander auszuspielen. Die Verbesserungen in der Zeppelinstraße seien für alle ein Gewinn. „Als Anwohner bewegt man sich ja hier im Viertel“ so Baumstark. „Man darf die Straßen nicht separat behandeln, man muss sie immer gemeinsam betrachten.“

Beide Straßen im Blick hat Bäckermeister Harald Lenz. Seit mehr als 20 Jahren pendeln seine Brötchen zwischen der Backstube in Werder und der Filiale an der Geschwister-Scholl-/ Ecke Nansenstraße. „Die Situation ist für uns alle ärgerlich“, sagt Lenz. Die allmorgendliche Karawane von Werder nach Potsdam gleiche „einem einzigen Auto“. An der Nansen-Kreuzung sei es seit dem Modellversuch nun besonders arg. „Für ältere Menschen und Frauen mit Kinderwagen ist es sehr gefährlich und beinah unmöglich, dort die Straße zu überqueren.“ Vom Laden aus könne er sehen, wie lange mancher dort auf die entscheidende Lücke wartet. „Es wäre besser, wenn auf der Zeppelinstraße alles zurückgedreht wird“, so Lenz. „Aber was kann unsereins schon ausrichten?“

Mitfahrinitiative – eine Option für Werderaner?

Dass jeder etwas tun kann, davon ist Ingo Baumstark überzeugt. „Wir müssen Mobilität neu denken – das fängt bei jedem einzelnen von uns an.“ Die Mitfahrinitiative PotsAb, die Bürger aus den nördlichen Ortsteilen unter dem Motto „Gemeinsam vorankommen statt einsam stillstehen“ ins Leben gerufen haben, sei ein gutes Beispiel. „Warum machen das die Werderaner nicht auch?“, so Baumstark. „Aber nicht nur Anwohner und Pendler müssen aktiv werden, auch der Verkehrsbetrieb ist gefragt, zum Beispiel beim Thema Schadstoffe. Wieso hat der Vip gerade neue Dieselbusse gekauft? Wieso rüstet er nicht auf Gasantrieb um?“ Augsburg mache es vor: Die Stadtwerke dort setzen seit Jahren komplett auf Erdgas. Auch die Berliner Stadtreinigung fährt mit Gas, stellt es teils selbst her. „Potsdam ist davon weit, weit entfernt.“

Auch in der Stadtpolitik bleibt der Modellversuch umstritten. „Es ist erfreulich, dass die Schadstoffwerte in der Zeppelinstraße gesunken sind“, sagt CDU-Fraktionschef Matthias Finken. Eine wirkliche Reduzierung der Autos und einen Umstieg auf den ÖPNV sehe er jedoch noch nicht. Ausweichrouten seien die bevorzugte Lösung. Man müsse weiter genau beobachten, „denn es sollte nicht sein, dass die Belastung jetzt verteilt wird und Wohnstraßen zu Durchgangsstraßen werden.“

Der Bauausschuss am Dienstagabend diskutierte die Ergebnisse kontrovers. „Das ist systematischer Unsinn“, sagt Ausschusschef Ralf Jäkel (Linke): „Wenn ein Patient wegen Herzproblemen zum Arzt geht und der eine Verengung der Arterien feststellt, wird ihm doch nicht noch eine Drosselklappe in die Schlagader eingebaut.“ Drei Mikrogramm Stickstoffdioxid weniger auf der Zeppelin würden erkauft mit zehn mehr in der Scholl. „Was für den Einen gut ist, darf aber für den Anderen nicht schlecht werden.“

Von Nadine Fabian und Rainer Schüler

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