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Die Bundeswehr macht in Potsdam Geschichte

Soldaten als Forscher Die Bundeswehr macht in Potsdam Geschichte

Den Brockhaus statt dem MG unter dem Arm und mit der Meinungsumfrage statt der Munition ins Feld: Im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in der Zeppelinstraße 127/128 residiert eine ganz besondere Armee. Dass in der weitläufigen Anlage Soldaten als Forscher tätig sind, hat nicht zuletzt politische und moralische Gründe.

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Hans-Hubertus Mack ist Historiker und Soldat.

Quelle: Christel Köster

Potsdam West. „Ein Traum“ sei sein Arbeitsplatz sagt Oberst Hans-Hubertus Mack. „Schauen Sie doch nur einmal aus dem Fenster.“ Der Blick aus Macks großem Büro mit seinem riesigen offenen Kamin führt mitten hinein in weitläufige Parkanlagen. In eben diesen steht die nach dem Geheimen Rat Gustav Adolf Wilhelm Graf von Ingenheim benannte Villa Ingenheim. Das im frühen 20. Jahrhundert vom zweiten Sohn Kaiser Wilhelms II., von Prinz Eitel Friedrich und dessen Ehefrau Sophie Charlotte von Oldenburg bewohnte klassizistische Gebäude ist heute der Hauptbau des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw). Etwas entfernt von der Villa Ingenheim liegen die früheren Pferdeställe, die heute eine moderne Bibliothek, einen Veranstaltungsraum und weitere Büros beherbergen.

Ein Heer von Historikern und Sozialwissenschaftlern

Mack befehligt ein besonderes Heer. Etwa 60 Historiker, Politologen, Soziologen und Staatswissenschaftler kämpfen sich, unterstützt rund 70 anderen Mitarbeitern, durch Dokumente, Akten und Bücher aus mehreren Jahrhunderten. Andere wiederum wagen sich in das gefährliche Feld der empirischen Sozialforschung. Und einige unterrichten schließlich parallel an der Universität Potsdam Studierende des Faches „Military Studies“. Warum stellt die Bundeswehr so eine gewaltige Infrastruktur wie in der Zeppelinstraße 127 bis 128 zur Verfügung und so viel studiertes Personal ab, um die Geschichte zu erforschen oder aufwendige sozialwissenschaftliche Projekte durchzuziehen?

Fusion von Ost und West

Das „Militärgeschichtliche Forschungsamt“ (MGFA) der Bundeswehr existiert unter diesem Namen dank eines Aufstellungsbefehls von 1957 schon seit 1958 also fast seit der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955. Der Dienstsitz des Amtes war lange Jahre Freiburg im Breisgau.

1994 führte der damalige Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU) das MGFA in Potsdam ein. Als Dienstgebäude bezog das Amt die Liegenschaft „Villa Ingenheim“ an der Zeppelinstraße, in der zuvor das Militärgeschichtliche Institut (MGI) und das Militärarchiv der DDR untergebracht waren.

Das Militärgeschichtliche Institut war am 15. März 1958 als Institut für Deutsche Militärgeschichte gegründet worden Es war eine Einrichtung der Nationalen Volksarmee. Einige wissenschaftliche Mitarbeiter des MGI wurden später bei der Vereinigung von MGFA und MGI sogar übernommen.

Ende 2012 wurde das MGFA mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr zum „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ (ZMSBw) vereinigt. Das Institut hat 140 Mitarbeiter. Die Gruppe der wissenschaftlich Arbeitenden selbst umfasst rund 60 Personen.

Der gebürtige Friedrichshafener Mack, der Geschichte, Erziehungswissenschaft und Psychologie studiert hat, weist nicht nur auf den grundgesetzlichen Auftrag der historischen Bildung der Soldaten hin, er sieht auch kulturelle, ja moralische Gründe für die Arbeit auf dem großen Gelände. „Es ist sinnvoll, sich Gedanken zu machen, wie potenzielle militärische Gewaltausübung in eine demokratische Gesellschaft integriert werden kann.“ Die Situation der heutigen Bundeswehr begreife man nur, wenn man sich die verschiedenen historischen Formationen, in denen sich deutsche Armeen in der Vergangenheit jeweils befanden, vergegenwärtige. Die Bundeswehr wolle diese Forschung aber nicht allein den Universitäten überlassen. „Wir wollen uns in die Diskussion einbringen, wir wollen gehört werden, in der Gesellschaft.“

Dass die Untersuchung jener historischen Formationen oft zu erstaunlichen Ergebnissen führt, das weiß der Soldat und promovierte Geschichtswissenschaftler Thorsten Loch. Ein paar Zimmer vom Büro seines Kommandeurs entfernt sitzt er umgeben von deckenhohen Bücherregalen an seinem Schreibtisch voller Unterlagen und Nachschlagewerke. Diese Woche hat er einen Vortrag in Hannover über die Schlacht bei Langensalza, bei der Preußen 1866 schließlich vor den Hannoveranern kapitulieren musste. Ein geschickter Schachzug, wie Loch in seinem Vortrag erklären wird. Denn die Preußen kalkulierten solche Niederlagen in der Westfront ein. Der Feind im Westen sollte beschäftigt sein, damit man sich in aller Ruhe dem abtrünnigen Österreich widmen konnte.

Gab es den typischen Westgeneral?

Die Vorbereitung dieses Vortrags ist praktisch nur Nebenbeschäftigung für Loch. Seit zwei Jahren vergleicht er die Generalität der Bundeswehr mit der der Nationalen Volksarmee. Die riesigen Informationsmengen will er konzentrieren, um so etwas wie den typischen Westgeneral und den typischen Ostgeneral herauszukristallisieren. Auf fünf Jahre ist die Forschungsarbeit angesetzt. „Ich wandele letztlich historische Informationen in Zahlenmaterial um“, sagt Loch. Dabei gehe es darum, Merkmale der Herkunft und der Karrierewege herauszuarbeiten. Schon jetzt zeichne sich ab, dass der typische Westgeneral eine Fortsetzung alter deutschen Militärtraditionen sei. „Der NVA-General dagegen war tatsächlich ein Wendepunkt in der deutschen Militärgeschichte“, sagt Loch. Dessen von Moskauer Vorstellungen beeinflussten „rote“ Karieremuster seien tatsächlich etwas Neues gewesen. Dass er für diese umfassende historische Studie am Zentrum alle wissenschaftliche Freiheiten hat, schätzt Loch besonders.

Von den wissenschaftlichen Freiheiten bei der Bundeswehr schwärmen auch die mit empirischen Untersuchungen befassten Soziologen Markus Steinbrecher und Meike Wanner. Die beiden Wissenschaftler sind keine Soldaten, sondern zivile Angestellte des Zentrums. Beide arbeiten schon jahrelang an der jährlichen Erhebung zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsklima mit. Dieser Tage sind gerade wieder die Interviewer des Meinungsforschungsinstituts Ipsos unterwegs, um nicht weniger als 2200 Deutsche ungefähr eine Stunde lang zu befragen. Über die Fragen haben sich Steinbrecher und Wanner Gedanken gemacht. Die meisten bleiben zwar von Jahr zu Jahr gleich, aber dieses Jahr sollen die befragten Leute zum Beispiel auch darüber nachdenken, wer eigentlich für einen konkreten Einsatz der Bundeswehr die Verantwortung übernehmen sollte: die Regierung oder der Bundestag? Insgesamt 30 neue Fragen haben sich die beiden Kollegen ausgedacht.

Die Meinungen des Durchschnittsbürgers

„Der entscheidende Grund für die Neuerung ist, dass wir an die akademische Wissenschaft anschließen wollen“, sagt Steinbrecher. Die Umfrage sollte neue Variablen einbringen, die sie mit Studien anderer Institute vergleichbar machen. Aber nicht nur um die Diskussion innerhalb der Wissenschaft geht es. Der Auftraggeber für solche Arbeiten ist das Verteidigungsministerium. Das will natürlich wissen, wie der Durchschnittsbürger die Streitkräfte sieht. Eine gute Nachricht in diesem Sinne kann die Diplom-Soziologin Wanner verkünden. „Die Zustimmung zur Bundeswehr ist konstant hoch“, sagt sie. „Mehrheitlich vertrauen die Bürger der Bundeswehr.“ Der Wermutstropfen: Wenn es um konkrete, gar kriegerische Einsätze geht, schwindet die Zustimmung schnell. Für den Einsatz in Afghanistan waren kaum 30 Prozent der Befragten.

All die empirischen Untersuchungen der sozialwissenschaftlichen Abteilung sind kein Selbstzweck. Letztlich will das Verteidigungsministerium Strategien entwickeln Familie und Dienst besser zu vereinbaren, mehr Frauen zu rekrutieren, mit Heimkehrern besser umzugehen. Die Grundlagen für solche Strategien werden in der Zeppelinstraße 127 bis 128 gelegt. Dort findet sich zuletzt auch eine Einrichtung, die Forscher aus der ganzen Welt anzieht.

Gabriele Bosch, die Direktorin der Bibliothek des Zentrums, weist amüsiert auf das Jubiläum eines aus Litauen stammenden 70-jährigen Australiers hin, der sich seit zehn Jahren zweimal im Jahr eine Woche lang in der Bibliothek mit dem Litauischen Regiment im Ersten Weltkrieg beschäftigt. „Er ist kein Nerd“, sagt Bosch über den Ingenieur aus Melbourne. Tatsächlich will er ein Standardwerk über dieses Regiment schreiben. Aber muss man dazu wirklich von Australien nach Potsdam reisen? Ja, findet Bosch. „Wir sind die größte deutsche Spezialbibliothek für Militärgeschichte“, sagt die Bibliothekswissenschaftlerin. „Wir haben 225 Fachzeitschriftentitel. Die finden Sie in dieser Zusammenstellung sonst nirgendwo.“

Bibliophile Kostbarkeit aus dem 17. Jahrhundert

Um das Alleinstellungsmerkmal der Bibliothek hervorzuheben präsentiert Bosch gerne einen handschriftlichen Band aus dem Jahre 1693, der dem niederrheinischen Herzog von Jülich-Kleve-Berg gewidmet ist. Das Buch ist vor allem historisch von unschätzbarem Wert. Es zeigt 192 wunderschön gemalte Festungsansichten, Prag leuchtet genauso schön wie Stettin. „Erst jetzt gerade war ein Forscher aus Kopenhagen da, um sich die Kopenhagener Festung anzusehen“, erklärt Bosch. Aus gutem Grund. Das Buch ist eines der wenigen Zeugen für das tatsächliche Aussehen jener Festungen im 17. Jahrhundert. Die meisten wurden im 19. Jahrhundert zumindest teilweise geschleift.

Auf einen „sechsstelligen Bereich“ schätzt Bosch den monetären Wert der Kostbarkeit, den die Bibliothek geschenkt bekam. Dabei ist er noch gar nicht der älteste. In dem ehemaligen Pferdestall, der jetzt alle Schikanen einer EDV-verwalteten Bildungseinrichtung ausweist schlummert zum Beispiel auch eine militärtheoretische Schrift aus dem Jahr 1494. Und nicht nur die, auch die anderen 250 000 Bände von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart ziehen Forscher weltweit an – und schließlich auch Potsdamer. „Wir haben auch eine Potsdamer Fangemeinde“, sagt Bosch. Denn die Bibliothek des Forschungszentrums ist öffentlich. So stellt sich auch in diesem beeindruckenden Langbau die Verbindung von Militärischem und Zivilem, die das Zentrum in der Zeppelinstraße im Sinne hat, jeden Tag wie von selbst ein.

 

Von Rüdiger Braun

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