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Die Entdeckung der Schiffbauergasse

Kultur in Potsdam Die Entdeckung der Schiffbauergasse

Mit der „Großen Aufführung“ des „Nekrophilen Kabinetts“ in der Reithalle A schlug vor 25 Jahren die Geburtsstunde des Potsdamer Kulturstandortes Schiffbauergasse. Das Gelände mit dem erst vor kurzem stillgelegten Gaswerk war den meisten im Publikum bis dahin völlig unbekannt.

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Vor 14 Jahren: In der Reithalle A wurde am 19. Juni 2003 das Osteuropäisch-Deutsche Festival für Off-Theater „Unidram“ eröffnet.
 

Quelle: Joachim Liebe

Schiffbauergasse.  Elektrizität durchzieht den Raum, ein abgründiges Brummen. Vor dem Publikum eine meterhohe Wand aus Papier. Irgendwo weit hinten ein leises Schlurfen und Scheppern. Dann fallen die ersten Bahnen. Ruckartig reißen zwei Vermummte ein Stück des Papiervorhangs nach dem anderen zu Boden, geben den Blick frei in eine Niederung, in der Nebel ziehen und seltsame, silbrig weiße Figuren über die Erde kriechen. Ein Kahlköpfiger taucht auf, der eine riesige Stahltonne rollt, stoisch, am Publikum vorbei, am Rande der Arena entlang, bis er weit hinten verschwindet hinter einem weiteren Vorhang aus Papier.

Mit der von Katze Wedemeyer und Jörg Schlinge choreographierten „Großen Aufführung“ des „Nekrophilen Kabinetts“ in der Reithalle schlug vor 25 Jahren die Geburtsstunde des Kulturzentrums Schiffbauergasse. Erstmals zog das Publikum Anfang Mai über eine Woche lang allabendlich in kleinen Scharen aus der Innenstadt an einen Ort, der den meisten bis dahin völlig unbekannt war. Am Schirrhof waren noch immer Einheiten des russischen Geheimdienstes KGB stationiert. Das Gaswerk am Tiefen See war erst vor wenigen Monaten geschlossen worden. Es roch nach Schlamm, Kohlengrus und Teer.

Seit 1998 Spielstätte des Hans-Otto-Theaters

Die Reithalle ist seit 1998 Spielstätte des Hans-Otto-Theaters. Das Publikum der „Großen Aufführung“ war im heutigen Foyer platziert. Der hinter mehreren dieser Wände aus Packpapierbahnen verborgene riesige Saal aber wurde erst allmählich freigegeben.

Die Reithalle bot keinen kulturwürdigen Eindruck kurz nach der Wende

Die Reithalle bot keinen kulturwürdigen Eindruck kurz nach der Wende. Doch die freie Szene eroberte sie sich Stück für Stück.

Quelle: Archiv

Mitveranstalter der „Großen Aufführung“ war die Fabrik, die ihr Domizil zu der Zeit noch auf dem 1990 besetzten Gelände einer stillgelegten Brauerei in der Gutenbergstraße 105 hatte. „Das war ein Ereignis, das die Schiffbauergasse geöffnet hat“, sagte Fabrik-Mitbegründer Sven Till später: „Was für ein Ort! Wir waren begeistert. Aber das Herz blieb in der Innenstadt.“

Jörg Schlinke erinnert noch heute grollend, wie der damalige Kulturminister Hinrich Enderlein (FDP) dem damaligen HOT-Intendanten Guido Huonder nach einer Vorstellung mitgab: „Na da kannst du mal sehen, was mit einer einfachen Projektförderung möglich ist.“ Denn auch dieses Projekt stand beispielhaft für die Selbstausbeutung der freien Kulturszene aus Leidenschaft.

Ein halbes Jahr brauchten die Vorbereitungen, sagt Schlinke, im letzten Monat vor der Premiere wurde in der Halle geprobt. Damals, im April 1992, waren auch im benachbarten ehemaligen Waschhaus schon die ersten Kulturpioniere am Werken. Männer wie Rainer Fürstenberg oder Ralf Petsching sprachen später von einer Schinderei wie bei den alten Ägyptern, wenn sie von der Demontage der gewaltigen Kessel berichteten.

Das erste Werbeplakat der Schiffbauergasse

Das erste Werbeplakat der Schiffbauergasse.

Quelle: MAZ-Archiv

Je größer die Halle wurde, desto fantastischer waren die Wesen, die aus dem wabernden, von Blitzen durchzuckten Dunkel kamen. Mit Flügeln, auf riesigen Stelzen, im Kampf, dazu ein höllischer Lärm. Der letzte Vorhang gab den Blick frei auf die eigens für die Inszenierung formierte Band mit Punks und Hausbesetzern. Dann erstarrte die Szene in eisigem Blau. Nur der kahle Mann mit der Tonne drehte weiter seine Runde – das letzte leise Geräusch vor dem großen Applaus.

Eine Fortsetzung des Projekts sollte es eigentlich zur 1000-Jahr-Feier Potsdams 1993 geben. Schlinke und Wedemeyer wollten diesmal in den Zirkus genannten Lokschuppen nach Babelsberg. Doch die „Große Aufführung“ kam nie wieder, so Schlinke heute: „Wir bekamen die Auskunft vom Kulturamt, jetzt sei mal jemand anderes dran.“

Die Eroberung der Schiffbauergasse

Die „Große Aufführung“ mit Vorstellungen vom 1. bis zum 7. Mai 1992 in der Reithalle war das erste Kulturereignis in der Schiffbauergasse.

Zur selben Zeit liefen bereits Vorbereitungen im Waschhaus, das am 27. Juli 1992 mit einer Ausstellung des Vereins Kunsthaus Gahlberg-Strodehne eröffnet werden sollte.

Den Künstlern zuvor kam die Techno-Fraktion der Fabrik um Ingo Bröcker, die am 10. Juli 1992 eine wilde Techno-Party veranstaltete.

Der 10. Juli 1992 gilt seither als Gründungstermin des Waschhauses, aus den Umständen erklärt sich die Legende von der Besetzung des Hauses.

Die erste Premiere des Hans-Otto-Theaters in der Reithalle wurde am 12. März 1993 unmittelbar vor dem Beginn wegen „illegaler Nutzung“ vom Baudezernenten Detlef Kaminski (SPD) „untersagt“.

Die Fabrik zog nach der gewaltsamen Räumung der Gutenbergstraße 105 im September 1993 komplett in die Schiffbauergasse um.

Die Tanztage der Fabrik, die zu den zentralen Festivals zählen, werden 2017 erstmals mit landesweitem Programm begleitet.

Von Volker Oelschläger

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