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Die Erfindung der Gartenstadt

MAZ zu Hause in ... Drewitz Die Erfindung der Gartenstadt

Drewitz blieb als letztes DDR-Neubaugebiet in Potsdam unvollendet. Dort gibt es aber auch die erste auf dem Gebiet der früheren DDR entstandene Wohneigentumsanlage. Der Umbau des Plattenbauviertels zur Gartenstadt gilt als Modellprojekt. Die Geschichte des Dorfs Drewitz lässt sich bis ins 13. Jahrhundert zurück verfolgen.

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Eröffnung der Stadtteilschule Drewitz im August 2013. In der Mitte Oberbürgermeister Jann Jakos (SPD) und vor ihm in weißer Jacke Schuldirektorin Elvira Eichelbaum.

Quelle: Foto: Gartenschläger

Potsdam. Das Rattern eines Presslufthammers hallt aus den leeren Fensterhöhlen des Plattenbaus gleich gegenüber. Rasensprenger zischeln auf der Promenade. Junge Mütter mit Kinderwagen. Eine Combino-Straßenbahn rollt mit leisem Poltern vorbei. In Drewitz wird gebaut – schon wieder, immer noch.

Nach dem „Pilot“ genannten Block auf der Nord-Ost-Seite der Konrad-Wolf-Allee mit seinen rund 200 Wohnungen in 17 Aufgängen wird nun der Häuserzug gegenüber grundsaniert. Manche Wohnungen behalten ihren Grundriss, andere bekommen einen völlig neuen Schnitt. Das ist das Praktische an diesen Plattenbauten: „Man kann im Prinzip alles rausnehmen“, sagt Kristian Klüsener, der die Baustelle der städtischen Gewoba leitet.

Das um 1990 errichtete Neubaugebiet Drewitz blieb unvollendet. 4800 Wohnungen für 13 000 Menschen sollten entstehen. Im April 1988 zogen die ersten Familien ein. Im Herbst 1989 kam mit der politischen Wende eine Rückbesinnung auf die marode Innenstadt. 65 000 Wohnungen gab in ganz Potsdam, so Stadtplanerin Karin Juhasz, die in den 1980erJahren im Büro des Stadtarchitekten arbeitete: „60 000 davon waren bewohnbar.“

Die Fußgängerzone Rolle 1990 vor der Begrünung

Die Fußgängerzone Rolle 1990 vor der Begrünung.

Quelle: Christel Köster

Schließlich fehlte der Kommune das Geld für neue Plattenbauten, obwohl der Bedarf dramatisch war. 20 000 Wohnungsuchende gab es 1990, so Ex-Baudezernent Detlef Kaminski (SPD), die „in Potsdam auf absehbare Zeit keine Chance hatten“. Die letzten 95 Wohnungen in der DDR-Plattenbauweise WBS 70 an der Murnau-/Ecke Wegenerstraße wurden schließlich privat finanziert und Anfang 1991 übergeben: Es war die erste Wohneigentumsanlage auf dem Gebiet der früheren DDR. Und es blieb bei insgesamt 2900 neuen Wohnungen.

Drewitz ist fast 800 Jahre alt. Erstmals erwähnt wird „villam quandam, Drewicz nomine, super aquam nute sitam“, das „Dorf jenseits der Nuthe mit dem Namen Drewitz“, in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1228. 1939 wurde Drewitz nach Potsdam eingemeindet. Von heute knapp 7300 Drewitzern leben rund 5500 im Neubau. Die Dorflage zieht sich von der Nutheschnellstraße bis zum Nuthedamm und zum Ortsausgang Trebbiner Straße hin.

Zahlen & Fakten

7291 Menschen wohnten 201 5 mit Hauptwohnung in Drewitz, Tendenz: steigend. Hinzu kamen 144 Einwohner mit Nebenwohnung. Das Durchschnittsalter im Viertel liegt bei 41,5 Jahren, der Ausländeranteil bei 11 Prozent, das sind 4,5 Prozent mehr als der Potsdamer Durchschnitt, der Anteil von Deutschen mit Migrationshintergrund bei 6,8 Prozent.

19,9 Prozent der Einwohner im erwerbsfähigen Alter waren 2015 als Langzeitarbeitslose Empfänger von Leistungen nach dem Hartz-IV-Gesetz. Das war im Vergleich zum Vorjahr mit damals 20,5 Prozent ein leichter Rückgang. Weitere gut zehn Prozent der Bewohner bekamen Sozialgeld oder Sozialhilfe.

An der Kommunalwahl 2014 beteiligten sich 28,1 Prozent der Drewitzer Wahlberechtigten – das waren 20,8 Prozent weniger als der Potsdamer Durchschnittswert. Mit 39,6 Prozent lag die Linke vorn, gefolgt von der SPD (26,7 Prozent), der CDU/ANW (11,5 Prozent) und der AfD (6,0 Prozent). In der Oberbürgermeisterstichwahl 2010 lag Hans-Jürgen Scharfenberg mit 55,5 Prozent klar vor Jann Jakobs (44,5 Prozent).

In Drewitz ballen sich Wirtschaft und Gewerbe wie nirgendwo sonst in Potsdam. Porta und das Stern-Center, das man nicht nur dem Namen nach zum Wohngebiet Am Stern zählen möchte, sind die namhaften Adressen im Gewerbegebiet Drewitz. Westlich der Drewitzer Nuthewiesen liegt das letzte Potsdamer Industriegelände. Der Wertstoffhof und das Heizkraftwerk Süd sind bekannte Adressen, Fahrzeug- und Maschinenhändler, Werkstätten, Logistiker wie der zur Radebergergruppe gehörende Großhändler Essmann, der 2014 auf dem Gelände der alten Rexpils-Brauerei eröffnete. Am Silbergraben ist ein weiteres Gewerbegebiet entstanden.

Die Konrad-Wolf-Allee ist zu einer Promenade geworden

Die Konrad-Wolf-Allee ist zu einer Promenade geworden.

Quelle: Claudia Jonov

Für überregionale Beachtung aber sorgt immer wieder der Umbau des letzten DDR-Neubauviertels in Potsdam. 1988 fiel mit Blick auf die nahen Defa-Studios die Entscheidung, Straßen, Plätze und Einrichtungen nach Filmen und Filmschaffenden zu benennen. So sollte es neben der Günther-Simon-Straße eine Rolf-Herricht-Straße geben, waren Kindergärten mit Namen wie „Hirsch Heinrich“ und „Alfons Zitterbacke“ geplant.

1989 gab es drei Kitas und zwei Schulen; die Großgaststätte mit Stadtteilkino und die Stadtteilhalle aber wurden nicht mehr gebaut. Für Jahre behielt das Viertel die Anmutung einer Wüstenlandschaft – wie für den Schlaatz hatte man die Nutheniederung auch in Drewitz mit Kies aus dem heutigen Baggersee am Stern aufgeschüttet.

Erste Anläufe zur Neugestaltung gab es schon zu Beginn der 1990er Jahre. Die Rolle genannte Fußgängerzone parallel zur Konrad-Wolf-Allee wurde begrünt; mit dem Havel-Nuthe-Center öffnete 1996 ein Nahversorger und kurz darauf mit dem Stern-Center gleich nebenan das größte Einkaufszentrum Potsdams. Nach 2000 gab es internationale Studentenworkshops mit „teils utopischen, teils einfach erstaunlichen“ Entwürfen, so Karin Juhasz, die heute im Rathaus-Bereich für Stadterneuerung arbeitet.

Karin Juhasz und Carsten Hagenau vor einer Aufnahme der Konrad-Wolf-Allee, die vor dem Umbau entstand

Karin Juhasz und Carsten Hagenau vor einer Aufnahme der Konrad-Wolf-Allee, die vor dem Umbau entstand.

Quelle: Claudia Jonov

Von dem für Potsdams Wohnungswirtschaft tätigen Carsten Hagenau stammte die Idee, sich mit Drewitz an einem Bundeswettbewerb zu beteiligen, der energetische Sanierung mit sozialem Engagement verband. „Im Juli 2009“, so Juhasz, „rief er mich an und sagte: Setzen Sie sich mal hin. Und dann nach kurzer Pause: Unser Wettbewerbsbeitrag ist prämiert worden. Was machen wir jetzt?“

So begann die Geschichte der Gartenstadt Drewitz. Kernidee ist die Gestaltung eines „Grünen Kreuzes“ mit der zur Promenade umgebauten Konrad-Wolf-Allee und einer Querstraße von der Parforceheide bis zum Stern-Center. Die Wohnblöcke sollen bis 2025 komplett saniert sein. Das erste Projekt aber war der Umbau der Priesterweg-Grundschule, die gekoppelt mit einem Bürgerhaus zur Stadtteilschule wurde - ein Modell, das es bundesweit noch nicht gegeben hat.

Von Volker Oelschläger

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