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„Die Floß-Idee funktioniert weltweit“

Zu Hause in... der Berliner Vorstadt „Die Floß-Idee funktioniert weltweit“

Seit zehn Jahren schickt Ole Bemmann Tante Polly, Muff Potter und Co. auf Havelkreuzfahrt. Seine Flöße, allesamt nach Figuren aus dem Tom-Sawyer-Huckleberry-Finn-Kosmos benannt, treffen den Nerv der Zeit. Der Großteil der Flotte liegt in der Schiffbauergasse. Doch Huckleberrys-Flöße könnten bald schon durch Schweden und Singapur schippern.

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Huckelberrys-Chef Ole Bemmann.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Berliner Vorstadt. Wehe, wehe wenn eine Braut aus England anruft! Dann wird selbst einer wie Ole Bemmann zittrig. Die Junggesellinnenabschiede, die auf der Insel gefeiert werden, sind eben berühmt-berüchtigt – und die Engländerinnen nehmen Kurs auf Potsdam! Immer öfter erreichen Huckleberrys-Chef Ole Bemman Anfragen aus der Heimat der Queen. Den 48-Jährigen wundert’s nicht, denn die Floß-Idee, meint er, zündet weltweit.

Ein Klo namens Kaktus, keine Polster – und dann regnet’s auch noch! Sind Floßfahrer aus einem härteren Holz geschnitzt als andere Wassersportler?

Ole Bemmann: Das kann man schon meinen. Floßfahrer stechen bei uns bei beinahe jedem Wetter in See, erfahren aber auch, dass es mitunter eine harte Kür ist, zwei, drei Nächte im Freien zu schlafen.

Weshalb wollen – und sollen – Menschen aufs Floß?

Bemmann: Weil wir ihnen die Möglichkeit zur Stadtflucht bieten, die Gelegenheit, dem Schleudertrauma des Alltags zu entfliehen. Schon fünf bis zehn Minuten nach dem Ablegen tritt eine Entschleunigung ein, man findet zurück zur Natürlichkeit des Daseins. Das Floß bringt einen raus aus der Welt – ohne einen Zaun streichen zu müssen.

Apropos, die Namen Ihrer Flöße sind an Mark Twains Tom-Sawyer-Huckleberry-Finn-Figurenarsenal angelehnt. Gehen Ihnen nicht bald die Namen aus?

Bemmann: Das ist zu befürchten, denn wir sind der weltweit größte Anbieter von Flößen. Insgesamt 50 haben wir jetzt in der Flotte, allein 30 davon in Potsdam. Und wir sind noch im Wachstum begriffen, denn wir sehen jetzt, wie das Produkt wirklich funktioniert. Am Anfang waren wir ja eher ins Partysegment abgetrieben. Aber wir haben sehr hart daran gearbeitet, das Produkt dorthin zu manövrieren, wo es hingehört: In die Natur. Eine Floßfahrt ist ein naturnahes Erlebnis, wie es sich gerade Kinder, Familien, Verliebte wünschen. Das Gros unserer Klientel sucht die Natur und möchte darin auch verschwinden.

Ein Floß kommt selten allein – vor allem auf der Havel, wo es Ihnen inzwischen diverse Anbieter gleichtun. Belebt Konkurrenz tatsächlich das Geschäft?

Bemmann: Ich sage statt Konkurrenz leidenschaftlich „Marktmitbegleiter“. Es ist der Dynamik weniger zu verdanken, dass es heute tatsächlich möglich ist, unbedarften Menschen, die mit Wassersport nichts zu tun haben, diese schöne Welt zu eröffnen. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten – und es ist noch immer schwierig, das zu etablieren, was möglich wäre. So sind Zugänge zum Wasser stadtpolitisch hoch gehandelt. Es war schon ein sehr harter Kampf, mit einem touristischen Highlight wie der Floßstation hier in der Schiffbauergasse anzulanden.

Woher kommen Ihre Floßfahrer?

Bemmann: Hauptsächlich aus Berlin und Potsdam und während der Ferienzeiten aus allen Bundesländern. Aber wir haben auch internationale Gäste. Gerade erst war eine Reisegruppen aus Österreich und der Schweiz da. Wir haben Anfragen aus England – leider oft Junggesellinnenabschiede, die dort berühmt-berüchtigt sind, und sogar Gäste aus Japan, Australien und den Staaten.

Wie erfolgssicher waren Sie damals 2007 beim Start?

Bemmann: Wenn wir nicht erfolgssicher gewesen wären, hätten wir nicht 100000 Euro Startkapital in die Hand genommen. Dass aber der Trend zur maximalen Reduktion – zum veganen Bootfahren gewissermaßen – so exorbitant zunehmen würde, damit haben wir nicht gerechnet, nie im Leben. Auch nicht damit, dass es aus unternehmerischer Sicht ein internationales Interesse geben wird. Gerade haben wir eine Anfrage aus Singapur auf dem Tisch, am Wochenende fliege ich zu Gesprächen nach Schweden. Die Huckelberrys-Floß-Idee funktioniert weltweit.

Wer hatte diese Idee überhaupt?

Bemmann: Als ich dazu kam, war die ursprüngliche Idee nicht mehr neu – ich habe nur ihre Umsetzung als Huckleberrys-Tour hartnäckig vorangetrieben. Der eigentliche Erfinder ist Mathias Stölting, von Hause her Tischler. Er hat das Floß entwickelt, nachdem er in einer persönlichen Krise bei Freunden in Mecklenburg zu Besuch war, mit einem selbstgebauten Floß ein paar Tage rausfuhr und mit klarem Geist zurückkehrte. Er wollte, dass das, was er auf der Tour erlebt hatte, ganz viele Menschen erleben können. Ich habe ihn in Berlin zufällig kennengelernt. Ich saß am Spreeufer im Regierungsviertel und er fuhr mit einem Floß auf und ab, um dafür zu demonstrieren, dass so etwas zugelassen wird. Als er das vierte Mal vorbeikam, rief ich ihm zu, was er da eigentlich bezwecken wolle. Er nahm mich an Bord, wir tranken ein Bier und nach 15 Minuten war klar, dass es das ist, was auch mich begeistert. Ein Jahr waren wir Weggefährten, dann trennten sich geschäftlich unsere Wege. Wir sind aber noch heute befreundet.

Was war die weiteste Tour eines Huckleberry-Floßes?

Bemmann: Ein Vater und sein kleiner, vielleicht sechsjähriger Sohn sind einmal zwei Wochen unterwegs gewesen. Sie sind von Potsdam aus zum Finowkanal gestartet, haben ihn mit allen Schleusen und dem Schiffshebewerk komplett durchfahren, sind dann in die Westoder abgebogen, bis Mescherin geschippert und von dort aus den ganzen Weg mit dem Floß wieder zurück. Als sie hier wieder anlegten, war der Vater bärtig und der Sohn völlig entspannt – bis er das Floß verlassen musste. Er hat sich auf den Steg gelegt und wollte partout nicht wieder aufstehen. Da sieht man sonst höchstens an der Kasse im Spielzeugladen.

Zur Person

Ole Bemmann wurde 1967 in Leipzig geboren, wo er – unterbrochen von mehrjährigen Auslandsaufenthalten mit seinen Eltern u.a. im Irak – auch aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Einen Studienplatz an der Hochschule für Kunst und Design auf Burg Giebichenstein in Halle ließ er in der Wendezeit sausen und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zum Krankenpfleger für Augenheilkunde.

Nach Potsdam verschlug es Ole Bemmann genau am 2. Juni 1992. Auf dem Weg zur Ostsee wurde er durch einen schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Michendorf aufgehalten. Er fuhr ab und entdeckte auf Höhe Flottstelle den Schwielowsee – es war um ihn geschehen.

1995 gründete er das Zentrum für traditionelle chinesische Medizin in Potsdam, 2003 die Wassersporteventagentur Floating Noise, die seit 2006 Huckleberrys Floßstation betreibt.

Von Nadine Fabian

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