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Die fünf Geheimnisse der Sanssouci-Gärtner

Die Flora des Welterbe-Parks am Leben zu halten, ist eine Mammutaufgabe Die fünf Geheimnisse der Sanssouci-Gärtner

Der Flora im weltberühmten Park Sanssouci sieht man die lange Trockenheit nicht an, mit der die Natur in den vergangenen Wochen zu kämpfen hatte. Die 130 000 Sommerblumen und 26 000 Bäume in Potsdams Welterbe-Park hatten 65 einfallsreiche Helfer an ihrer Seite – die Gärtner von Sanssouci.

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Im Sizilianischen Garten: Sven Hannemann ist einer von drei Chefgärtnern im Park Sanssouci.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Es ist das Schicksal der Pflanzen, dass sie nicht weglaufen können – nicht vor Hitze oder Kälte, nicht vor Trockenheit, zu viel Nässe oder Schädlingen. An einen Ort gebunden, müssen sie sich mit ihren Mitteln wehren. Der Flora im Park Sanssouci sieht man die Dürre nicht an, mit der die Natur in der Region dieses Jahr häufig zu kämpfen hat. Die 130 000 Sommerblumen und 26 000 Bäume im Weltkulturerbe-Park von Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam haben 65 einfallsreiche Helfer an ihrer Seite. Die Gärtner von Sanssouci, von denen hier die Rede ist, zeigen derzeit vollen Einsatz, damit der lebendige Teil des Weltkulturerbes keinen Schaden nimmt. „In einer Juni-Woche haben wir 4000 Kubikmeter Wasser pro Tag verbraucht. Das sind 70 bis 80 Prozent mehr als üblich“, sagt Sven Hannemann. Er ist einer von drei Chefgärtnern des weltberühmten Parks, der drei Gartenreviere hat, um die Verantwortung zu teilen. Eine genaue Zuteilung von Abschnitten wird auch innerhalb der Reviere zum Prinzip erhoben. „Für den Garten, den man betreut und pflegt, wächst die Leidenschaft“, sagt Hannemann und fügt hinzu: „Einem Garten sieht man an, ob er mit Liebe oder halbherzig gepflegt wird.“ Ein Gärtner merkt auch, wenn seine Pflanzen Stress haben und ihre Abwehrkräfte erlahmen. Diese Jahr hatten sie oft Stress.

Sprühpilze im Park Sanssouci kommen bei längeren Trockenphasen auch tagsüber zum Einsatz, damit das Grün keinen Schaden nimmt

Sprühpilze im Park Sanssouci kommen bei längeren Trockenphasen auch tagsüber zum Einsatz, damit das Grün keinen Schaden nimmt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Das Grün im 300 Hektar großen Park Sanssouci gut übers trockene Frühjahr und über den Sommer zu bringen, ist eine Mammutaufgabe, für die auch ausgeklügelte Bewässerungstechnik und Gärtner-Kniffs nötig sind. Fünf kleine Geheimnisse der Sanssouci-Gärtner sind schnell verraten. An erster Stelle steht ein Grundsatz: „Pflanzen brauchen Gärtner, die ihre Arbeit lieben.“ Bei den 1100 wertvollen Kübelpflanzen, die jedes Jahr im Mai heraus in den Park und im September wieder hinein in die Orangerie gestellt werden, greifen die Gärtner zu einem speziellen Gemisch. „Im Kübel liegen unten alte Tonscherben, oben drüber Granulat, Sand und Humuserde“, sagt der Chefgärtner. Die Tonscherben entwässern den Kübel und verhindern so, dass Wasser unten stehen bleibt und die Wurzeln verfaulen. Für die Sommerblumen mischen die Gärtner gern Pferdedung in die Erde – „das ist viel besser als künstlicher Dünger“. Gießen sollte der Gartenfreund früh morgens oder abends, da ist die Verdunstung deutlich geringer. Und bei Trockenheit sollte er den Rasen nicht so oft mähen. Die Begründung ist simpel: Kurzer Rasen wirft zu wenig Schatten und verbrennt deshalb in der Sonne schneller. Die ausgedehnten Wiesen im Park sind der Beleg: Dort können die Blumen ausblühen, dort wird nur zwei Mal im Jahr gemäht, dort müssen die Gärtner nicht gießen.

Das Wasser aus der Havel wird von der Neustädter Havelbucht zu diesem Becken auf dem Ruinenberg hochgepumpt

Das Wasser aus der Havel wird von der Neustädter Havelbucht zu diesem Becken auf dem Ruinenberg hochgepumpt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Sanssouci-Gärtner sind freilich in der Regel nicht mit der Gießkanne unterwegs. Sie können sich auf ein altbewährtes Bewässerungssystem stützen, das aus dem Jahr 1842 stammt. Gebaut haben es deutsche Ingenieure, nachdem Holländer Jahre zuvor gescheitert waren und Friedrich der Große sie vom Hof gejagt hatte. Die deutschen Wasseringenieure brachten es später mit Borsig-Pumpen fertig, eine 37 Meter hohe Fontäne im Brunnen vor dem Schloss Sanssouci zu erzeugen. „Auch das Bewässerungssystem hat dann funktioniert, abgeguckt haben es die Deutschen aber von den Engländern“, sagt Hannemann. 70 Kilometer Wasserleitungen liegen im Park Sanssouci wie ein Spinnennetz unter der Erde, um die Pflanzenwelt und die Fontänen mit Flüssigkeit zu speisen. Es ist Wasser aus der Havel, das von der Neustädter Havelbucht zum Ruinenberg hochgepumpt und dort in einem Becken gesammelt wird. Die Arbeit erledigen Pumpen im früheren Dampfmaschinenhaus, das Ludwig Persius 1841 bis 1843 erbaute – im Stile einer türkischen Moschee.

Zum Bewässern der Sanssouci-Flora laufen heute Schlag-Regner und Sprühpilze. An abgelegenen Stellen fährt der Wasserwagen zum Bewässern vorbei. Bei jungen Hecken setzen die Gärtner auf Tröpfchenbewässerung aus Schläuchen. Ganz neu ist der Einsatz von Wassersäcken, die Jungbäumen wie eine Jacke angelegt werden. 75 Liter Wasser lässt der Sack über zehn Stunden langsam ins Erdreich sickern. Die jungen Bäume sind die durstigsten Vertreter in der Park-Flora und brauchen viel Zuwendung. „Das ist ein bisschen wie beim Menschen. Die ersten fünf Jahre muss man sie intensiv betreuen“, sagt der Chefgärtner. Ohne Gießpläne läuft es nicht. Sie sollen auch einer Gefahr vorbeugen, die der frühere Gartendirektor Harry Günther einmal so formulierte: „Erst vergessen, dann vergossen!“ Hannemann übersetzt das so: „Gießschäden kann man nur ganz schwer wieder ausgleichen.“ Für den Notfall gibt es aber ein Mutterpflanzenquartier in der Parkgärtnerei. Dort finden sich die Stammhalter aller Sommerblumenarten, die im Park wachsen, um bei Totalausfällen nachpflanzen zu können.

Solche Wassersäcke versorgen junge Bäume, die besonders durstig sind

Solche Wassersäcke versorgen junge Bäume, die besonders durstig sind.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Nachpflanzen ist keine Option für alte Bäume, die zum historischen Bild von Sanssouci gehören und Bestandteil des Denkmals sind. Als ältestes Gehölz gilt offiziell ein Gemeiner Trompetenbaum, weil verbürgt ist, dass er 1790 gepflanzt wurde. „Einige Eichen dürften aber noch älter sein. Sie waren schon da, bevor der Park 1744 angelegt wurde“, sagt Hannemann. „Auf 300 bis 400 Jahre“, schätzt er ihr Lebensalter. Sanssoucis alte Bäume sind ein eigenes Kapitel. Zu ihnen bauen die Gärtner enge Bindungen auf. Um sie wird bis zuletzt gekämpft. Zum Beispiel um eine Eiche, die vor dem Ruinenberg-Ensemble steht. Sie wird inzwischen von Seilen gehalten. Auch die Zeder, die einst Wilhelm II. aus dem damaligen Osmanischen Reich mitbrachte, bekommt eine Sonderbehandlung. Sie ist die einzige von ursprünglich drei Zedern, die übrig geblieben ist.

Besondere Bäume werden auch schon mal einer schalltomographischen Untersuchung unterzogen. So prüfen Experten, wie standfest der Baum noch ist. Für alte Bäume gibt es auch Naturheilmittelchen. So kann der Gärtner nützliche Symbiose-Pilze verabreichen, die über ein Granulat in den Boden eingeführt werden, um gestressten Bäumen wieder Vitalität zu geben. Mit Sorge blickt der Chefgärtner derzeit auf eine stattliche Eiche im sizilianischen Garten des Parks, die plötzlich Schwäche zeigt und Hilfe braucht. Und auf die immergrünen Eiben, die momentan unter der Trockenheit besonders leiden. Das wiederum ist das Schicksal des Gärtners. Er kann noch so emsig sein. Mit seinem Werk wird er niemals fertig.

Von Jens Steglich

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