Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
Die Macht der Currywurst

Kantine der Potsdamer Staatskanzlei Die Macht der Currywurst

Ein leerer Bauch regiert nicht gerne. Die Kantine der Staatskanzlei in der südlichen Potsdamer Innenstadt ist beliebt. Currywurst und Ost-Gerichte sind der Renner bei den Landesbediensteten. Wo Minister Mittag machen – ein Kantinenbesuch.

Voriger Artikel
Opel kollidiert mit Straßenbahn
Nächster Artikel
Potsdam am Montag: Das ist heute wichtig

Sie sorgen für das leibliche Wohl der Landesregierung: Denise Ziegler und Küchenleiter Fabian Lohr.

Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Südliche Innenstadt. Ziemlich viel rote Soße in der Staatskanzlei. Tomatentunke auf dem Teller ist der Renner in Regierungskreisen. Spaghetti Bolo und Currywurst, meint Regierungssprecher Florian Engels, seien nach seiner Beobachtung die beliebtesten Gerichte in der Kantine der Staatskanzlei. Ein leerer Bauch regiert eben nicht gerne. Deswegen gibt es auf dem Regierungsgelände an der Heinrich-Mann-Allee 107 in Potsdams südlicher Innenstadt eine kulinarische Zentrale. Ist die Kantine vielleicht sogar das heimliche Machtzentrum der Mark? Wurden hier bei Kartoffelbrei und Bratwurst schon wegweisende Beschlüsse gefasst oder schwere Entscheidungen verdaut? So weit, meint Florian Engels, würde er nicht gehen. Für das ein oder andere nicht ganz unwichtige Gespräch würde aber vor allem die Cafeteria in der oberen Etage des Rondells gerne genutzt.

Mächtig Kohldampf habe sie jedenfalls, die Besucher. Auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) speist gerne im Casino. Wie man am Tisch des Wirtschaftsministeriums tuschelt, sitzt er – zumindest wenn er alleine kommt – an einem der kleinen Tische auf Höhe der Kasse. Und keiner traue sich, sich dazu zu setzen. Um nicht zu stören. Oder doch aus Angst, vor den Augen des Landesoberen zu kleckern oder nach Loriot-Art eine Nudel an den Lippen kleben zu haben? Doch der Regierungschef scheint heute auswärts zu tafeln. Kein Woidke an der Würstchenausgabe zu sehen.

Alle loben das Ost-Jägerschnitzel

An einem Tisch an der Glasfront sitzt der neue Sprecher des Bildungsministeriums, Ralph Kotsch, und wird von seiner Stellvertreterin Antje Grabley in die Geheimnisse eingeweiht. „Es gibt auch halbe Portionen“, verrät sie. Und dass sie froh sei, in Laufnähe vom Büro etwas Warmes zu bekommen. Denn zum Hauptbahnhof mit seinen Futterständen oder bis nach Babelsberg ist es in der Pausenzeit zu weit. Antje Illner hat deshalb sogar eine Vorschlag für den Potsdamer Bürgerhaushalt eingereicht. Die nahe gelegene alte Halle des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) könne zu einer Markthalle umfunktioniert werden, findet die Mitarbeiterin des Wirtschaftsministeriums. Das Referat für Existenzgründung, Unternehmensfinanzierung und Geldwäscheprävention ist fast geschlossen am Kantinentisch versammelt. Nicht aus Recherchegründen, wie Referatsleiter Ralf Kaiser versichert, sondern allein der Hunger habe sie hierher getrieben. Kaisers Empfehlung: Jägerschnitzel Ost. Das sei sehr beliebt.

Der Justizminister hat Knast

Knast hat auch Justizminister Stefan Ludwig (Linke). „Das Ossi-Essen ist hier sehr gut“, bestätigt er und schneidet durch die Hähnchenbrust mit Currysoße. Soljanka oder Steak au four findet man ebenso auf der Karte wie asiatisch anmutende Gerichte à la Fischpfanne „Shanghai“ oder „Chop Suey“. „Die machen guten Kuchen“, ergänzt Ludwigs Sprecherin Maria Strauß. Wenn es im Ministerium was zu feiern gebe, hole man gern Gebäck oder nutze das Catering der Kantine.

Chef des Küchenkabinetts ist der Potsdamer Jens-Uwe Poel. Seine Firma Essenzzeit betreibt seit 16 Jahren das Staatskanzlei-Casino. Auch das Bistro der Industrie- und Handelskammer und das Casino im Bundesrechnungshof Potsdam werden von der Firma versorgt. Die Kantine in der Heinrich-Mann-Allee ist zudem beliebter Ort für Festivitäten des Narrenschiffs Potsdams. Aus einer Initiative von Angehörigen des Justizministeriums ist der Karnevalsverein 1996 entstanden. Am Donnerstag laden die Narren der Landesregierung zum Oktoberfest mit „lockerer Atmosphäre“ und „Bayernolympiade“.

Wer aus den umliegenden Betrieben keine Stullen mümmeln, sondern lieber mal bei den Mächtigen Mittag machen möchte – kein Problem. Die Kantine ist öffentlich. Gäste zahlen pro Essen 50 Cent mehr als die Landesbediensteten. Heute auf der Speisekarte: gelber Erbseneintopf mit Rauchfleisch, Putenleber mit Apfel-Balsamicozwiebeln und Kartoffelpüree, Romanescopfanne mit Gnocchi und Käsesoße und natürlich darf auch rote Soße nicht fehlen. Gefüllte Paprikaschote mit Tomaten-Paprikasoße ist ebenfalls im Angebot. Mahlzeit!

Die Liegenschaft Heinrich-Mann-Allee 107

Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war das Gebiet zwischen Heinrich-Mann-Allee und Friedrich-Engels-Straße noch Bestandteil eines großen zusammenhängenden Waldgebietes.

Mit der Entwicklung der Stadt zum „Herz der Militärmonarchie“ unter Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. gehörte das Areal um 1727 zur Hälfte dem Militär-Waisenhaus in Potsdam, das hier ein Mädchen-Lazarett unterbrachte. 1769 kamen noch ein Knaben-Lazarett und ein Beamtenwohnhaus dazu. Dieses Wohnhaus (heute Wirtschaftsministerium) ist das älteste noch existierende Gebäude auf der Liegenschaft.

Napoleons Truppen besetzten 1806 Potsdam und machten das Gelände zu ihrem Hauptkavalleriedepot.

1822 wurde eine Kadettenanstalt auf dem Gelände eingeweiht. Im März 1920 erfolgte die Umwandlung in eine Staatliche Bildungsanstalt.Die weitere Umwandlung in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) erfolgte 1933. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude stark beschädigt.

1946 wurde der Standort Sitz der Provinzialbehörde und ab 1947 der Landesregierung unter Ministerpräsident Karl Steinhoff. Weiter hatten dort der Landtag Brandenburg und nach Auflösung der Länder in der DDR 1952 der Rat des Bezirkes Potsdam ihren Standort.

Seit 1990 nutzen die Staatskanzlei und vier von neun Ministerien das Areal. Die Kantine entstand 1995.

Von Marion Kaufmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg