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Die Potsdamer Buchkinder

Projekt im Treffpunkt Freizeit Die Potsdamer Buchkinder

Jeden Mittwoch werkelt eine Gruppe junger Lesefans mit Buchbinder André Hüter im Treffpunkt Freizeit an eigenen literarischen Werken. Am Sonntag ist die Gruppe beim Winterspielplatz zu erleben.

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Japanische Bindung: Die zwölfjährige Sünje hat das Buch selbst gefertigt.

Quelle: Fotos: Bernd Gartenschläger

Potsdam. „Sünje ist ein Buchstabenmädchen“, sagt André Hüter. Dann gibt es noch die Zeichenmädchen wie Lina und die Alles-zusammen-Mädchen wie Lotta, die gleichermaßen gerne schreiben und zeichnen. Und schließlich sind da die Drachenjungs, die am liebsten gefährliche Geschichten mit Fabelwesen ausspinnen und „wo ist der nekste Feint“ unter ihre selbst gemalten Ritterbilder schreiben. Gemeinsam ist ihnen eines: Sie sind Buchkinder. Eine Gruppe von jungen Leuten, die nicht dem Smartphone- und iPad-Wahn erlegen ist, sondern noch weiß, wie es sich anfühlt, über Papier zu streichen und beim Umblättern der Seiten die Zeigefingerkuppe leicht mit der Zungenspitze anzufeuchten. Wie ärgerlich ein Eselsohr ist und wie weh es tun, sich an einer Papierkante zu schneiden.

„Ich liebe Bücher“, sagt Sünje (12) und damit ist eigentlich schon fast alles gesagt, die Mission von André Hüter erfüllt. Einmal pro Woche trifft sich der Buchbinder mit Kindern im Treffpunkt Freizeit zum Buki-Projekt. Buki steht für Buchkinder. Vor einem Jahr startete das in Brandenburg einmalige Bildungsprojekt, das sein Vorbild in Leipzig hat und an der ersten freien Schule in den neuen Bundesländern seinen Anfang nahm. 1990 gründete Rulo Lange die Freie Schule Leipzig Connewitz, die aus der Bildungsgruppe des Neuen Forum erwuchs und noch vom letzten DDR-Ministerium genehmigt wurde. André Hüter ist im Graphischen Viertel in Leipzig aufgewachsen und ein Freund von Buki- und Schul-Gründer Rulo Lange.

Zwei eigene Aufträge

„Mein Onkel war gelernter Buchbinder“, erzählt Hüter weiter und zeigt die Ahle aus der Lehrzeit des Onkels. Das spitze Werkzeug, mit dem er heute noch das Papier bearbeitet, ist 90 Jahre alt. Der 48-Jährige erklärt den Kindern nicht nur, wie sie ein eigenes Buch gestalten und binden können. Die Kinder denken sich auch selbst Geschichten aus und illustrieren sie. Zwang oder Abgabezeiten wie in der Schule gibt es nicht. „Die ruhigste Zeit in der Woche erlebe ich hier“ – das sagten ihm seine Bukis immer wieder, erzählt Hüter, der seit 2009 – nach einer Zwischenstation im Bayerischen Wald – in Potsdam lebt. Kreativ in der Gruppe runterkommen, auch darum geht es bei den Bukis. Lotta (12), die das Helmholz-Gymnasium besucht, nimmt sich ein weißes, rechteckiges Blatt Papier und einen feinen schwarzen Stift und beginnt zu zeichnen. „Eine Feder“, ruft Lina (11) und fragt die Künstlerin: „Und welche Geschichte willst du da erzählen?“ André Hüter sieht in der Illustration eher den Anfang einer Trauerkarte und sagt erwartungsvoll: „Da kommt noch was!“ Jeder werkelt, woran man will. Papiere verschiedener Formate werden aus dem Schrank geholt, Stifte und Stempel über den Tisch geschoben. Vielleicht entstehen so schon erste Ideen für das neue Projekt: Die Bukis sollen ein Buch für eine Potsdamer Initiative gestalten, die Welcome-Dinner zwischen Einheimischen und Flüchtlingen organisiert. Eine Auflage von 50 Stück ist geplant. Dabei kann eine alte Buchpresse aus dem Bestand der Nationalen Volksarmee nützlich sein, die die Gruppe geschenkt bekommen hat. Ein zweites Projekt liegt angefangen auf dem Holztisch: Fotos von Katzen, selbst geschriebene Texte. Aber welches Papier passt am besten und welche Bindetechnik? Für den Potsdamer Tierschutzverein wollen die Bukis kreativ sein, um den geplanten Tierheimbau zu unterstützen. Gleich zwei Aufträge – nicht schlecht für die kleinen Bukinisten und ihren Hüter eines Kulturguts, das in manchen Familien keine Rolle mehr spielt.

Bei Lina ist das anders. „Ich habe 105 Bücher“, sagt die Schülerin und einen Berufswunsch hat sie auch: Lektorin. Auch Sünje, Gymnasiastin auf Hermannswerder, kann sich ein Leben ohne Lektüre nicht vorstellen. Inzwischen sogar das erste komplett selbst gemachte eigene Buch in Händen zu halten – für ein echtes Buchkind kann es nichts Schöneres geben.

Buchprojekt beim Winterspielplatz

Diesen Sonntag können Familien beim Winterspielplatz im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64, gemeinsam mit dem Buki-Projekt ihr eigenes Buch gestalten. Zwischen 14 und 17 Uhr zeigt Buchbinder André Hüter, wie ein eigenes Werk gestaltet werden kann. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr treffen sich die Buchkinder zur Buchwerkstatt im Treffpunkt Freizeit. Mitmachen können Kinder ab dem Vorschulalter. Ein Kurseinstieg ist jederzeit möglich. In den Ferien findet die Buchwerkstatt nicht statt. Der Kursbeitrag beträgt 25 Euro pro Monat, hinzu kommen drei Euro Materialkosten. Anmeldung per E-Mail an bukiprojekt@gmx.de oder telefonisch unter 0179/1 2 92 8 80.

Weitere Informationen über das Buchkinder-Projekt und seine Entstehung finden sich im Internet unter www.bukiprojekt.de

Von Marion Kaufmann

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