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Potsdam Die Abwahl von OB Horst Gramlich
Lokales Potsdam Die Abwahl von OB Horst Gramlich
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10:16 14.06.2018
Oberbürgermeister Horst Gramlich im März 1998 nach Bekanntgabe der Ergebnisse Bürgerbegehrens. Quelle: Christel Köster
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Potsdam

Oberbürgermeister Horst Gramlich (SPD) schäumte: „Die Organisatoren wollen Chaos, sie wollen zerstören und die Entwicklung aufhalten.“ Seine Wut galt einem breiten Bündnis von den Anderen bis zur CDU, das am 9. Februar 1998 ein Bürgerbegehren für seine Abwahl gestartet hatte. Gramlichs Warnung nützte nichts. Nach dem Begehren verkündete er im März 1998 trotzig: „Die SPD steht hinter mir.“ Dabei hatten ihn seine Genossen längst aufgegeben.

Oberbürgermeister Horst Gramlich und Baustadtrat Detlef Kaminski (beide SPD) Ende 1997 im Potsdamer Rathaus. Quelle: Christel Köster

Dass zum Schluss nur noch die PDS zu Gramlich hielt, hatte bei den Vorläufern der Linken „sicher auch taktische Gründe“. Das vermutet Helmut Przybilski (82), mehrere Jahre SPD-Ortsvereinschef von Babelsberg, von 1990 bis 2008 Stadtverordneter, 1998 Vize-Stadtpräsident. Ein wesentlicher Grund für Gramlichs politischen Untergang war dessen Treue zu dem Anfang 1998 wegen Korruptionsverdachts abgewählten Baudezernenten Detlef Kaminski (SPD).

Die Genossen hatten ihrem OB sehr verübelt, dass er Kaminski bei Bekanntwerden der Vorwürfe „nicht zumindest beurlaubt hat“, sagt Przybilski. Und die Abneigung der Potsdamer richtete sich längst nicht mehr nur gegen Kaminski und Gramlich, sondern auch „gegen die SPD insgesamt“. Die Partei habe sich „nicht mehr in der Lage gesehen, Gramlich zu stützen“.

Unterschriftenstand der Anderen zum Bürgerbegehren gegen Gramlich, links der langjährige Fraktions-Geschäftsführer und aktuelle OB-Kandidat Lutz Boed Quelle: Christel Köster

Vor dem Bürgerentscheid stellte die SPD sich offen gegen ihren Oberbürgermeister und präsentierte mit Matthias Platzeck auch gleich einen potenziellen Nachfolger: „17. Mai – Gramlich abwählen? Wir sind bereit“, hieß es auf einem Plakat: „Politisch war das ein kluger Schachzug von Rainer Speer“, sagt Przybilski. Der damalige SPD-Unterbezirkschef hatte den seit der Oderflut 1997 sehr populären Umweltminister ins Spiel gebracht. „In der SPD war er ja nicht so angesehen“, sagt Przybilski, „weil er von den Grünen kam. Aber er stellte eine echte Alternative mit einer Erfolgschance für die SPD dar.“

Der Partei-Eintritt Platzecks ist Przybilski noch sehr präsent: „Es war Anfang Juli 1995 und wir hatten gesagt, bei dem schönen Wetter tagen wir hier. Und so hat der Ortsvereinsvorstand unter dem Mirabellenbaum in unserem Garten die Aufnahme von Platzeck in die SPD beschlossen.“

Helmut Przybilski. Quelle: Volker Oelschläger

Am Bürgerentscheid vom 17. Mai 1998 beteiligten sich mehr als 41.000 Potsdamer. Fast 36.000 stimmten für die Abwahl. 5145 Potsdamer wollten, dass er bleibt. Przybilski sagt: „Mir hat Gramlich schon ein bisschen leidgetan. Denn in der Zeit, als alles gegen ihn strebte, ist er richtig über sich hinaus gewachsen. Er hat tolle Reden gehalten, was man von ihm vorher nicht gewohnt war.“

Dass mit der Abwahl Gramlichs eine rot-rote Ära im Rathaus endete, hatte nach Ansicht Przybilskis auch persönliche Gründe. Der alte OB verstand sich gut mit PDS-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg, beide kannten sich aus ihrer DDR-Zeit an der Akademie für Staat und Recht. Bürgerrechtler Platzeck als prominenter und populärer Kandidat aber sei für die Linken „ein schwerer Brocken“ gewesen.

Nach der Abwahl Gramlichs verließ auch Potsdams Finanzdezernent Hans-Joachim Bosse, bis zur Neuwahl im Herbst 1998 der amtierende Oberbürgermeister, die SPD. Er habe den menschlichen Umgang in der Partei nicht mehr ertragen können.

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

„Mitte(n) im Leben“ ist der Titel eines Festes, mit dem am 8. Juli auf dem Alten Markt der 1025. Geburtstag der Landeshauptstadt Potsdam gefeiert wird. Mit dem Fest soll unter dem Motto „1000 plus 25 Jahre“ vor allem auf die Zeit seit der 1000-Jahrfeier 1993 zurück geblickt werden.

Zur Einstimmung laden wir unsere Leser in einer Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“ zu einer Zeitreise ein. Jedem Jahr soll beginnend mit dem Jubiläum der Rückblick auf eine Episode, ein Ereignis gewidmet sein, das in besonderer Weise prägend war oder das eine ganz eigene Perspektive auf die jüngste Stadtgeschichte öffnet.

Bisher erschienen:

Kunst-Skandal zur 1000-Jahrfeier 1993 – die „Fontanelle“

Schießerei im KGB-Städtchen – der Abzug der Russen 1994

Boheme auf Abwegen – Neueröffnung des Café „Heider“ 1995

„Einkaufen? Eine Katastrophe.“ – Die Stern-Center-Eröffnung 1996

Wilder Osten – Der Potsdam-Center-Skandal 1997

Von Volker Oelschläger

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