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Die Tafel braucht mehr Lebensmittelspenden

Armut in Potsdam Die Tafel braucht mehr Lebensmittelspenden

Die wachsende Nachfrage von Flüchtlingen stellt die Tafeln in Deutschland vor große Herausforderungen. Die Lebensmittel unter den Bedürftigen gerecht zu verteilen, ist nicht leicht. In Potsdam hat meinen Modus gefunden, der ganz gut funktioniert.

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Potsdamer Tafel in der Drewitzer Straße.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Sie kann sich keinen Stolz mehr leisten. Schon vor Jahren hätte sie die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen können. „Ich konnte als Alleinerziehende keine Abenddienste machen. Ich hatte niemanden, der auf mein Kind aufgepasst“, erzählt Verkäuferin Anita Lange (Name geändert). Sie verlor ihren Job. Doch zur Tafel ging sie damals nicht. Heute hat die 55-Jährige gesundheitliche Probleme, kämpft um eine Frührente. „Früher war ich zu stolz“, sagt die Potsdamerin. „Heute bleibt mir nichts anderes mehr übrig“, sagt sie und nimmt sich am Ausgang der Lebensmittelausgabe in der Waldstadt einen Kopfsalat, Milch und etwas Obst mit.

Hinter der Frau steht ein junger Mann aus Syrien. In seiner Heimat habe er als Busfahrer gearbeitet, erzählt der 31-Jährige. Seit einem Jahr lebt er in Potsdam, ohne Arbeit. Ohne die Tafel, erzählt auch er, wäre es schwer, über die Runden zu kommen. „Das ist eine große Hilfe“, sagt er auf Deutsch. „Ich bin dankbar dafür.“

Die Schlange an der Lebensmittelausgabe der Potsdamer Tafel in der Drewitzer Straße ist lang. Rund 200 Menschen werden hier an einem Tag versorgt. Senioren, deren Rente nicht reicht, Arbeitslose und zunehmend Asylbewerber. Im Vorjahr waren 32 Prozent der Tafel-Kunden Asylsuchende. Drei Prozent mehr als noch 2014. 2012, vor der großen Flüchtlingskrise, lag der Anteil nur bei acht Prozent.

Sie habe kein Problem damit, dass zunehmend Asylbewerber die Tafel nutzen, versichert Anita Lange. „Egal ob Deutscher oder Ausländer – mir ist nur wichtig, dass niemand die Hilfe ausnutzt.“ So denken nicht alle, sagt Imke Eisenblätter. „Der Unmut ist zu spüren, ja“, sagt Eisenblätter, Geschäftsführerin der Potsdamer Tafel, und Vize-Vorsitzende des Tafel-Bundesverbands. Die Mitarbeiter – abgesehen von ihr selbst Ehrenamtler – versuchten, unter den deutschen Besuchern um Verständnis zu werben. „Nicht jeder schaut Tagesschau oder liest Zeitung“, sagt Eisenblätter. Wenn sie den Leuten erklärten, unter welchen schwierigen Bedingungen die Flüchtlinge nach Potsdam kämen, hätten die meisten doch Verständnis. „Der ist ja noch ärmer dran als ich“ – diese Reaktion erlebe sie dann oft. „Die Ärmsten gegen die Ärmsten – so weit darf es nicht kommen“, betont Eisenblätter. „Genau da grätscht sonst die AfD rein“, fürchtet die Tafel-Chefin, die auch Vize-Fraktionsvorsitzende der Potsdamer SPD ist.

Für Flüchtlinge wird ein Kontingent an Lebensmittelkarten bereitgestellt

Das Problem: Die Spenden sind über die Jahre nicht mehr geworden. „Es sind keine neuen Supermärkte in Potsdam hinzugekommen, von denen wir Lebensmittel bekommen könnten“, erklärt sie. Insgesamt rund 1200 Bedürftige pro Woche versorgt die Tafel mit ihren vier Ausgabestellen, davon zwei in Potsdam sowie je eine in Teltow und Werder. „Wir haben den Anspruch, jedem zu helfen“, so Eisenblätter. Aber die Kapazitäten seien erschöpft. Es fehle nicht nur an Spenden, sondern auch an der Logistik und an Helfern. Um die Verteilung unter den Bedürftigen möglichst gerecht zu gestalten, hat man in Potsdam einen ganz praktikablen Modus gefunden. Anders als Rentner, Arbeitslose oder Notfälle, die ihren Bedarf vor Ort mit Dokumenten nachweisen müssen, können Flüchtlinge nur Lebensmittel abholen, wenn sie eine Berechtigungskarte haben. Diese Karten – 200 Stück insgesamt – wurden an die Potsdamer Flüchtlingsunterkünfte gegeben, wo sie rotieren. Die Heimleiter entscheiden jede Woche neu, wer die Karten bekommt und zur Lebensmittelausgabe gehen kann.

Dort entscheiden die Helfer, wie sie Obst, Gemüse, Milchprodukte, Brot und Wurst verteilen. „Bananen, Bananen, Bananen“, sagt Teamleiterin Silvia Maltusch. Bananen wollen alle haben. „Wir haben oft nicht genügend Lebensmittel, die für Moslems geeignet sind“, erklärt die 59-Jährige, die früher selbst Tafel-Kundin war. Aber Bananen sind halal, erlaubt,– nur gibt es meist nicht genug davon für alle.

Stimmung wurde aggressiver

Insgesamt sei die Stimmung aggressiver geworden, meint Silvia Maltusch, die im September stellvertretend für alle 100 Tafel-Mitarbeiter mit dem Potsdamer Ehrenamtspreis ausgezeichnet wurde. Im Sommer gab es eine Schlägerei unter Asylbewerbern vor der Ausgabestelle. Die Mitarbeiter bekommen nun eine Präventionsschulung bei der Polizei. Die Ausgabestelle in der Drewitzer Straße wird zudem so umgebaut, dass es zwei Ausgänge gibt – zur Sicherheit für Mitarbeiter und Kunden.

Gleichzeitig setzt die Tafel auf Bildung. „Wir rechnen damit, dass die Zahl der Kinder, die wir versorgen, weiter steigen wird“, erklärt Imke Eisenblätter. Auch das hängt mit dem Zuzug von Flüchtlingen zusammen: Viele kommen mit Kindern. Mit dem Projekt „gesunde Ernährung“ will die Tafel die Familien erreichen. „Wir übernehmen mehr und mehr Aufgaben, für die eigentlich der Staat zuständig ist“, resümiert die Tafel-Chefin.

Spenden werden immer gebraucht

Helfer sowie Geld- und Lebensmittelspenden sind bei der Tafel immer willkommen. Wer in den Urlaub fährt, soll überzählige Lebensmittel im Kühlschrank nicht wegwerfen, sondern lieber bei der Tafel abgeben.

In Potsdam ist die Tafel in der Schopenhauerstraße dienstags, die Ausgabestelle in der Drewitzer Straße Mittwoch, Donnerstag und Freitag geöffnet. In Teltow werden samstags in der Potsdamer Straße und in Werder Montag bis Freitag in der Eisenbahnstraße Lebensmittel ausgegeben. Genaue Zeiten unter www.potsdamer-tafel.de

Von Marion Kaufmann

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