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Die Versorgung psychisch kranker Kinder ist nicht sichergestellt

Seelische Gesundheit von Kindern Die Versorgung psychisch kranker Kinder ist nicht sichergestellt

Dieses Wochenende endet im Inselhotel auf Hermannswerder das erste Symposium ostdeutsche Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Anne Maria Fallis hat eine Praxis für Kinder-und Jugendpsychotherapie in Potsdam und leitete bei dem Treffen selbst einen Workshop.

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Hermannswerder. Anne Maria Fallis betreibt eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie in der Berliner Straße in Potsdam.

MAZ: Am Samstag treffen sich noch einmal ostdeutsche Kinder- und Jugendpsychotherapeuten zu dem großen Symposium in Potsdam. Wie kam es überhaupt zu dieser Veranstaltung?

Anne Maria Fallis: Die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten stehen vor einer ganz großen Herausforderung. Bisher wird in die Berufe Psychologischer Psychotherapeut, also Therapeut für Erwachsene, und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut unterschieden. Beide Berufe haben ihre eigene Approbation. Zukünftig wird es nur noch einen Beruf, den des Psychotherapeuten, geben – mit einer Approbation. Darin kann man sich dann entweder auf die Erwachsenen- oder die Kinder- und Jugendlichenbehandlung spezialisieren. Das Symposium soll auch dazu beitragen, das Bewusstsein für die Kinder- und Jugendpsychotherapie in der Bevölkerung und im Gesundheitssystem zu stärken. Durch dieses Symposium sollen die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten eine Plattform erhalten, die ihnen Öffentlichkeit und gesundheitspolitisches Gewicht verleiht. Wir wollen zeigen: Unsere Expertise liegt auf der Versorgung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen, denn auch Kinder und Jugendliche erkranken psychisch.

Nimmt die Potsdamer Öffentlichkeit solch eine Plattform, wie Sie es nennen, überhaupt wahr?

Fallis: Es ist das erste Mal, dass wir ein solches Symposium austragen. Die Veranstaltung muss sich natürlich erst etablieren. Dennoch sind wir guter Dinge, denn wir haben eine breite Pressearbeit betrieben. Zudem war zur Eröffnung die brandenburgische Gesundheitsministerin Diana Golze zu Gast. Wir werden sicher unseren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung damit finden.

Es heißt ausdrücklich ostdeutsche Psychotherapeuten. Das klingt, als hätten Kinder im Osten andere Probleme als ihre westlichen Altersgenossen.

Fallis: Nein, das genau nicht. Kinder in den neuen Bundesländern sind genauso psychisch krank wie Kinder und Jugendliche in den alten Bundesländern. Der Name des Symposiums hat eher etwas mit dem Veranstalter, also der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, zu tun. Wir haben uns als einzige Kammer in Deutschland länderübergreifend vor acht Jahren zusammengetan. Es ist ein sehr gutes Konzept. Wir haben einen Länderproporz, aber es gibt nie Länderkonkurrenzen. Außerdem macht Einigkeit stark, und diese Stärke brauchen wir Psychotherapeuten auf allen Ebenen.

Kammer für die seelische Gesundheit

Das erste Symposium ostdeutscher Kinder- und Jugendpsychotherapeuten begann gestern um 12.45 Uhr auf dem Inselhotel in Potsdam. Therapeuten aus allen fünf neuen Bundesländern sind gekommen. Die Workshops und Vorträge reichen von neuen Ansätzen in der Spieltherapie über die Lebenswelten von Kindern psychisch kranker Eltern bis hin zur Arbeit mit geistig behinderten Kindern und Jugendlichen.

Die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer (OPK) ist eine vor acht Jahren gegründete Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Sitz in Leipzig. Ihr gehören rund 3800 Psychotherapeuten in den neuen Bundesländern an. Die OPK ist die einzige länderübergreifende Kammer. Eine ihrer Aufgaben ist es, Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu vertreten und deren Rolle im Gesundheits- und Sozialsystem zu stärken. Diesem Zweck dient auch das von ihr veranstaltete erste Symposium der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Was sind aber nun konkret die Probleme, mit denen Sie und Ihre Kollegen in der Praxis zu tun haben?

Fallis: Wir behandeln typische psychische Krankheitsbilder wie Ängste, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizite, Essstörungen wie Anorexie und Bulimie, aggressives Verhalten, Selbstmordgefährdungen, Schlafstörungen und vieles, vieles mehr. Die Ursachen für solche Störungen sind aber immer auch im gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Wir sind heute eine leistungsorientierte Gesellschaft, viel stärker als noch in den siebziger Jahren. Das führt natürlich auch zu einer Erhöhung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen, zum Beispiel zur Angst zu versagen. Unsere Individualisierung ist eine gute Basis dafür, sich immer mehr zurück zu ziehen, zu vereinsamen oder depressiv zu werden – auch gerade Kinder und Jugendliche.

Gehen Sie als Therapeuten bei Kinder und Jugendlichen auch anders vor als bei Erwachsenen?

Fallis: Wir betonen viel stärker den Kontext, in dem unsere jungen Patienten stehen. Wenn wir von der Schweigepflicht entbunden werden, erkundigen wir uns zum Beispiel auch in der Schule oder im Hort, wie es dort mit den Kindern läuft. Ist es hier auch so einsam oder so traurig? Ist es auch aggressiv, gegen die Lehrer, gegen andere Kinder? Kommt Cybermobbing vor? Natürlich gibt es auch einen anderen großen Faktor. Wenn Eltern selbst ein psychisches Problem haben, sei es eine Depression, sei es ein Missbrauchstrauma, dann ist auch die Gefahr hoch, dass die Kinder erkranken. Die Störungen werden nicht vererbt, Kinder psychisch kranker Eltern haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Deshalb ist es wichtig, auch immer den familiären Hintergrund, die Lebens- und Lerngeschichte bei Kindern im Blick zu haben. Das machen wir stärker als die Erwachsenenpsychotherapeuten. Psychische Erkrankung der Eltern ist auch ein Schwerpunkt der Tagung. Und es gibt eine Podiumsdiskussion dazu.

Ist diese Bedeutung Ihrer Arbeit schon in die Politik vorgedrungen?

Fallis: Die Versorgung psychisch kranker Kinder mit ausreichend Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ist immer noch nicht sichergestellt. Gerade vorhin hatte ich eine Mutter am Telefon, die dringend einen Therapieplatz für ihr Kind suchte. Ich muss dieser Mutter sagen:“ Es tut mir leid, ich habe erst ab November wieder neue Plätze“. Und das geht allen Kindern- und Jugendpsychotherapeuten so. In ländlichen Regionen ist es fast wie ein Sechser im Lotto, einen Therapieplatz für ein Kind zu bekommen. Fraglich ist, ob das kürzlich verabschiedete Versorgungsverstärkungsgesetz eine Verbesserung für unseren Bereich bringt, ich bin da sehr skeptisch.

Kommen mit der Digitalisierung der Gesellschaft noch mehr Störungen und Herausforderungen auf die Therapeuten zu?

Fallis: Ich glaube, die negative Wirkung der Digitalisierung wird überschätzt. Natürlich ziehen sich Kinder, die an sozialen Ängsten oder eine soziale Phobie leiden, eher an den Computer zurück. Dann sehen wir vordergründig eine Computersucht. Die Ausprägung der Erkrankung ist sehr modern, aber die dahinterliegende Dynamik ist eher alt, alt in dem Sinne, dass Rückzug, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten nicht so brandneue Krankheitsbilder sind. Nicht die Digitalisierung macht die Kinder krank. Aber wie diese Medien die Vereinzelung fördern und Jugendliche in diesen Welten verschwinden, ist schon beunruhigend. Ich bin sicher, dass wir in zehn Jahren wieder andere äußere Erscheinungen der Krankheitsbilder haben. Mit der Digitalisierung ist es wie mit dem Alkohol: die Existenz von Alkohol macht noch nicht alkoholabhängig.

Wann wäre das Symposium ein Erfolg?

Fallis: Wenn wir die Kollegen ermuntern könnten, mehr mit den vorhandenen Netzwerken zu arbeiten und Vernetzung untereinander stattfinden würde. Es wäre ebenso wünschenswert, dass Ärzte oder Lehrer mehr auf uns aufmerksam werden, unsere Expertise begreifen und einfordern und sich über Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie informieren würden. Nicht zuletzt könnte ein Symposium als Impulsgeber für die Gesetzgebung im Gesundheitsbereich werden – das wäre natürlich wunderbar.

Von Rüdiger Braun

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