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Die Verteidigung der Öffentlichkeit

Potsdam: Neue Theaterformen Die Verteidigung der Öffentlichkeit

Alle diskutieren über die Zukunft der Städte. Auch im Hans Otto Theater macht man sich Gedanken, wie wir im Zeitalter der Digitalisierung und abnehmender sozialer Bindekräfte künftig leben wollen. „Stadt der Zukunft“ heißt die Reihe, in der ab sofort zwei Mal im Monat stadtpolitische Themen im weitesten Sinne behandelt werden. Das „Forum“ dazu steht in der Reithalle.

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Das Theater als DNA der Stadt: Der Live-Rap zur Eröffnung der neuen Reihe am HOT.

Quelle: Stefan Gloede

Potsdam. Die Stadt ist tot, doch sie entdeckt immer wieder neue Spielformen des Öffentlichen, sie feiert den shared space, den von allen geteilten Raum, und verbarrikadiert sich zugleich in einem Hyperindividualismus. Mal fordert sie einem auf, in die Wälder zu ziehen und diese kahl zu schlagen, dann sollen wir Kissenschlachten auf öffentlichen Plätzen veranstalten, mal sollen wir die Stadt zerstören, dann wieder Häuser aus alten Waschmaschinen bauen. Und stets ist die Stadt „intelligent und vernetzt“.

Was die Schauspieler Eddie Irle, Florian Schmidtke, Nina Gummich, Frédéric Brossier und Moritz von Treuenfels vom Hans Otto Theaters zur Eröffnung der Reihe „Stadt der Zukunft“ mit dem „Vernetzt und intelligent“-Refrain am Mittwochabend gefühlte 15 Minuten lang über die Zuschauer nieder prasseln lassen, dürfte die Quintessenz dessen sein, was künftig etwa alle 14 Tage in dem eigens dafür konzipierten „Forum“ der Reithalle gedacht, gesungen und gesponnen wird. „Kunst, Diskurs, Begegnungen“ versprechen die Schöpfer der Reihe, zu denen unter anderem die Dramaturgen Christopher Hanf und Helge Hübner gehören. Letzterer ist auch Leiter des neuen Formats.

Vor Beginn der Spielzeit stand das HOT-Ensemble vor der Frage, was denn nun auf die Reihe „Nachtboulevard“ folgen sollte. Eine „Polarisierung“ habe die Runde in Potsdam damals wahrgenommen, erinnert sich Pressesprecherin Stefanie Eue. Wie gehen wir mit zum Beispiel mit Flüchtlingen um? Und wie soll man in Potsdam überhaupt noch leben können, wenn auch hier die Mieten ständig steigen? Warum also, so Intendant Tobias Wellemeyer, nicht am HOT einen Ort, ein „Forum“, schaffen, wo all das besprochen und durchgespielt wird? Und den hat Bühnenbilder Matthias Müller mit einer ovalen Arena inklusive Symbolbild und blauer Leuchtschrift nun tatsächlich recht originell in die Reithalle geklotzt.

Geborgen fühlt man sich schon in diesem Forum, aber auch ein bisschen eng ist es – und man fragt sich heimlich, welche Vorstellung von Integration und öffentlicher Debatte das HOT eigentlich hat, wenn man die recht begrenzten Stuhlreihen zählt. Die waren jedenfalls voll besetzt, als am Mittwoch auf den schauspielerischen Textcollagen-Spaß der Ernst der bürgerlichen Debatte folgte. „Ein bisschen betreten“ fühlte sich der Architekt Benjamin Foerster-Baldenius von dem Wortgewitter der Schauspieler, schließlich sei hier ein wenig „vergackeiert“ worden, was er in der alternativen Architektenvereinigung „raumlaborberlin“ mit tiefem Ernst betreibe: die Neuerfindung der Stadt. Das hinderte ihn aber nicht, auf die Frage der beiden moderierenden Dramaturgen zu antworten, was er denn anstellen würde, wenn ihm drei Millionen Euro für Projekte zur Verfügung stünden.

„Fünfzig Prozent der Parkplätze abschaffen!“, sagt Foerster-Baldenius ohne langes Zögern. Und das Geld würde dann denen zur Verfügung gestellt, die Ideen entwickelten, was mit dem dann freien Raum geschehen kann. Ganz so radikal ist die Historikerin Marion Detjen vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam nicht. „Geflüchtete in Ausbildung bringen“ würde sie. Auch die „Refugees“ sollten Deutungsmacht in Deutschland bekommen und am Diskurs mitschreiben. Die Publizistin Adrienne Goehler, als frühere Kultursenatorin Berlins in stadtpolitischen Dingen nicht ganz unbewandert, will „ganz ernsthaft über Arbeit und Leben nachdenken“ und bringt gleich ein Stichwort ins Spiel, auf das sie immer wieder zurückkommen wird: bedingungsloses Grundeinkommen.

Existenzängste, so die These der studierten Psychologin, seien das größte Hindernis für Menschen, sich zu beteiligen und etwas zu geben. Seien die erst mal genommen, wachse die Beteiligung am Öffentlichen. Den Parlamentarismus sieht Goehler am Ende, jetzt müssten die Kräfte des Lokalen ernst genommen werden, so wie in Berlin, wo sich die Bewohner Tempelhof als Freifläche erstritten hätten. Ja, meint der Architekt Benjamin, der öffentliche Raum müsse wieder als Ort der Verhandlung kultiviert werden. Außerdem sieht er in der Wasserlage Potsdams eine große Chance. Potsdam als Modell für den ressourcensparenden Stadtumbau: „In 20 Jahren soll alle Welt auf Potsdam gucken“, so sein Traum. Die Historiker Detjen will aber erst einmal die auch in Potsdam voranschreitende „Privatisierung des Raumes zurückfahren“. Die Stadt soll nicht nur für bestimmte Leute, sondern für alle bezahlbar sein.

Einig waren sich alle, dass das Theater ein Ort solcher Verhandlungen sein könnte und gleichsam die „DNA der Stadt“ bilden müsse. Was das bedeutet, exerzierten die HOT-Schauspieler Eddie Irle, Florian Schmidtke, Moritz von Treuenfels und der hinzugekommene Performancer Nils Brzoska durch. Die Armen hatten in ihrem improvisierten Hochleistungs-Rap etwa 50 in der Diskussion gefallene Stichworte möglichst auch noch in Reimen unterzubringen und gaben hüpfend, schreiend, singend, klavierspielend und lautmalend dem Begriff „Kulturarbeit“ eine sehr wörtliche Bedeutung. Dass die auch ganz nonchalant Inspirationen für Stadt- und Raumpolitik liefern kann, bewiesen zuletzt Kurzfilme der Filmuniversität Babelsberg. In der 11-minütigen Doku „Behind The Walls“ nimmt die kleine Habi den Betrachter mit in ihr Wohnviertel. Ein harmloses Fußballspiel der Altergenossen auf einem tristen Platz bringt das Mädchen dazu, sehr klug über Öffentlichkeit und ihre eigene soziale Lage nachzudenken.

Von Rüdiger Braun

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