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Die Villa ist sein Gefängnis

Rollstuhlfahrer in Potsdam Die Villa ist sein Gefängnis

Udo Maier wohnt in einer der besten Lagen Potsdams. Vom Balkon aus kann er das Wasser riechen. Doch der Tiefe See ist für ihn unerreichbar. Udo Maiers Welt endet an der Haustür. Seit einer Amputation sitzt er im Rollstuhl – die Eigentümer der Villenkolonie verwehren ihm den barrierefreien Zugang zum Haus.

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Udo Maier am Rande seiner Welt: Mit viel Mühe kann der Rollstuhlfahrer das Hus verlassen. Weit kommt er aber nicht.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Berliner Vorstadt. Udo Maier hat einen Traum: „Immer am Ufer entlang und durch die Glienicker Brücke hindurch – ich ganz allein mit meinem Rollstuhl.“

Vom Balkon aus kann Udo Maier das Wasser riechen. Doch der Tiefe See ist für ihn unerreichbar, auch wenn es bis zum Uferweg nur ein Katzensprung ist: Udo Maiers Welt endet an der Haustür. Die Stufe dahinter mag flach sein – er hat sie all die Jahre, die er hier schon lebt, ja selbst kaum beachtet. Doch nun ist sie für den 75-Jährigen, der seit vier Monaten im Rollstuhl sitzt, ein heikles Hindernis und nur mit Hilfe sicher zu überwinden. Die Mühe lohnt indes kaum, denn nach zwei, drei Handschwüngen lauert der Abgrund: An der Treppe, die vom etwas höher gelegenen Haus auf den Vorplatz hinab führt, ist für Udo Maier endgültig Schluss. Er ist daheim gefangen.

Udo Maier fühlt sich diskriminiert

Seit sechs Jahren wohnen Udo Maier und seine Frau im „Stadtpalais am Tiefen See“, eine der beiden Villensiedlungen auf dem Glienicker Horn. Bis vor ein paar Wochen war Udo Maier hier gern zu Hause. Jetzt aber fühle er sich diskriminiert, denn all sein Bitten um einen barrierefreien Zugang zum Haus wird nicht erhört. „Man hat uns mitgeteilt, dass wir ja ausziehen könnten“, sagt Udo Maier.

Seine Leidensgeschichte beginnt mit einem Sturz. Am 12. März rutscht er in der Wohnung aus und verletzt sich so schwer am Fuß, dass er ins Krankenhaus kommt. Doch was auch immer die Ärzte unternehmen: Die Wunden heilen nicht. Nach Wochen des Herumdokterns und Hoffens entscheiden sich die Mediziner zur Amputation. „Ich habe Rotz und Plotz geheult“, sagt Udo Maier, ein Mann von stattlicher Statur. Neun Operationen liegen inzwischen hinter ihm. Verloren hat er nicht nur den Fuß, sondern auch den Unterschenkel: „Plötzlich behindert – das ist schwer wegzustecken für jemanden, der 75 Jahre auf eigenen Beinen durch die Welt gerannt ist.“

Ganze zwei Mal war er seit Mai draußen

Seit Ende Mai sitzt Udo Maier nun in seiner schönen Wohnung, in der es keine Schwellen gibt und alles eben ist, in der die Türen breit genug sind und die Räume voller Licht. Dass ihm der Blick aufs Wasser und aufs Schloss Babelsberg vor einiger Zeit zugebaut wurde – sei’s drum. Das Viertel ist grün, das Ufer nah – doch Udo Maier kommt nicht hinaus. „Ganze zwei Mal konnte ich seit Mai nach draußen, weil ein starker Mann zu Besuch war, der den Rollstuhl über den Rumpelrasen geschoben hat“, sagt Udo Maier. „Meine Frau schafft das nicht.“

Über den Rumpelrasen könnte Udo Maiers Weg in die Freiheit führen. Er würde dort gerne einen Steig aus Gittersteinen legen lassen, so breit wie sein Rollstuhl und beinahe unsichtbar, wenn nach den Bauarbeiten nur das Gras erst wieder sprießt. 23 Meter sind es bis zu der Stelle, an der er dann über eine kleine Schanze aus eigener Kraft auf den Vorplatz und von dort aus durchs Wohngebiet, ans Wasser, in die Stadt rollen könnte.

Udo Maier, der Mieter einer Eigentumswohnung ist, hat an die Eigentümerversammlung geschrieben, um den Weg gebeten und sich bereit erklärt, die Kosten dafür zu tragen. Auch die Eigentümerin der Wohnung hat sich für ihn eingesetzt. Vergebens. „Die Versammlung hat mehrheitlich abgelehnt.“ Die Begründung kenne er bis heute nicht, das Sitzungsprotokoll werde ihm verwehrt. Sein Schluss: „Man hat hier ganz klar etwas gegen Behinderte und will keinen Rollstuhlfahrer auf dem Grundstück haben.“

Udo Maier, der in den Neunzigern Stadtrat für Soziales und Gesundheit in Charlottenburg war, hat ein dickes Fell – und ist nun in seinem Ruhestandsidyll mit den Nerven am Ende. „Ich würde am liebsten packen und umziehen“, sagt er. „Dann haben die zwar gesiegt, aber ich kann wieder raus. Ich will mein Leben selbst gestalten.“ Für seine Frau kommt eine Kapitulation indes nicht in Frage. Es gehe schließlich um eine Grundsatzfrage: um die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap, um Mütter mit Kinderwagen, um Senioren mit Rollator, um Bewohner der Anlage, aber auch um Gäste und Besucher.

Laut Verwaltung ist eine barrierefreie Umrüstung der Anlage zu teuer

Die Verwaltung der Villensiedlung, die Bayerische Immobilien Management GmbH mit Hauptsitz in München und Geschäftsstellen in Berlin und Dresden, betont, keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Eigentümer – „unserer Kunden“ – zu haben. Im vergangenen Jahr habe es aber eine Prüfung gegeben, wie die Anlage barrierefrei gestaltet werden kann. Ziel war, Bewohnern mit Elektro-Rollstühlen Zugang in die Häuser und Wohnungen zu ermöglichen. „Das Ergebnis der Prüfungen war bedauerlicherweise jedoch nicht positiv“, so Prokurist Daniel Hauck: Einige Maßnahmen wären zwar technisch möglich, aber mit hohen Kosten verbunden. Die Gemeinschaft habe entschieden, die Frage nicht weiter zu verfolgen.

Dem Vernehmen nach soll sich nun ein Mitarbeiter der Immobilienverwaltung auf Einladung des Behindertenbeauftragten der Landeshauptstadt bereit erklärt haben, die Situation im Stadtpalais anschauen. Der Termin ist heute. Udo Maier setzt nun seine ganze Hoffnung auf Christoph Richter. Und wenn auch er nicht vermitteln kann? Udo Maier schweigt einen Augenblick. „Dann weiß ich auch nicht weiter. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass Menschen einen Behinderten so behandeln.“

Wohnen am Glienicker Horn

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Glienicker Brücke und der Villa Kampffmeyer sind auf der Halbinsel Glienicker Horn seit 1995 mehr als 30 Stadtvillen mit über 200 Wohnungen gebaut worden.

Entstanden sind zwei Wohnanlagen: das vom Immobilienunternehmen Bayerische Hausbau errichtete weiße „Stadtpalais am Tiefen See“ und das ockerfarbene „Potsdamer Arkadien“ von der Investorengruppe Groth und Graalfs.

Die hochwertigen Eigentumswohnungen liegen in einer parkähnlichen Landschaft und haben Balkone, Loggien und Dachterrassen.

Beide Wohnanlagen sind umzäunt, wobei die Arkadien-Siedlung als erste Gated Community Deutschlands gilt. Dort überwachen Kameras das Gelände. Wer die Siedlung betreten will, muss sich beim Pförtner anmelden. Die Anlage stand in den ersten Jahren größtenteils leer, damals war von Brandenburgs teuersten Wohnungen die Rede.

Von Anfang an war die Bebauung des Glienicker Horns, das im Weltkulturerbe der Unesco und in der Sichtachse zur Glienicker Brücke liegt, umstritten. Die Aberkennung des Welterbetitels drohte. nf

Von Nadine Fabian

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