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„Die Waldstadt wird bunter“

MAZ zu Hause in ... Waldstadt I „Die Waldstadt wird bunter“

Ute Gehrmann ist Direktorin der Waldstadt-Grundschule. Im Interview berichtet sie über den Umgang der Schule mit immer mehr Schülern, über Eltern, die der Schule seit ihrer eigenen Kindheit verbunden sind, über die Veränderung des Stadtteils und seiner Bewohner.

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Ute Gehrmann.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. Die Waldstadt-Grundschule ist genau so alt wie die Waldstadt I: 2013 wurde das 50-jährige Bestehen gefeiert.

MAZ: Sie sind seit acht Jahren Leiterin der Waldstadt-Grundschule. Wie hat sich in dieser Zeit die Schülerzahl entwickelt?

Ute Gehrmann: Wir haben mit 340 Kindern angefangen, und wir werden im nächsten Frühjahr 440 haben. Dabei haben wir vor sechs Jahren freiwillig eine erste Klasse weniger aufgemacht, damit genug Hortplätze zur Verfügung stehen. Damit ist jetzt Schluss. Es gehen zwei sechste Klassen raus und drei erste Klassen kommen rein, so dass wir komplett dreizügig sind. Für das neue Schuljahr haben wir 120 Anmeldungen für die erste Klasse, aber nur 72 Plätze.

Wie lösen Sie das Raumproblem?

Gehrmann: Es ist schon jetzt so, dass wir Räume des Hortes für den Unterricht nutzen. Zum nächsten Schuljahr wird es so sein, dass umgekehrt auch der Hort am Nachmittag Klassenräume nutzt.

Das klingt sinnvoll. Was ist das Problem?

Gehrmann: Die Ausstattung ist anders. Es gibt Kleinräume mit Tischen und Bänken. Anspruch eines Hortes ist ja auch, dass andere Materialien zur Verfügung stehen. Sie haben jetzt eine Kletterwand, Bastelräume, Funktionsräume, die wir dann nicht mehr haben werden.

Die Schule ist genau so alt wie die Waldstadt I. Spürt man das?

Gehrmann: Ein großer Teil der Elternschaft hat eine ziemlich große Verbundenheit mit der Schule. Eltern, Verwandte sagen, dass sie die Schule selbst besucht haben. Sie sagen dann immer, dass Erinnerungen wach werden, wenn sie das Schulgebäude betreten. Das betrifft schon einen ziemlich großen Teil der Eltern. Das sind die Eltern, die dann auch zum Frühjahrsputz da sind, die Kuchenbasare machen, die zu Wandertagen gehen oder Klassenfahrten begleiten. Die sich um schulische Belange kümmern. Das ist ein fester Stamm, ganz traditionsbewusst. Es hat tatsächlich zugenommen.

Hat Ihr Schulgebäude etwas Besonderes im Vergleich zu anderen Schulen?

Gehrmann: Es gibt ja nur zwei Schulgebäude dieses Typs in Potsdam. Das sind Montessori und wir. Manch einer empfindet das als charmant. Ich finde, das könnte Charme haben, wenn eine Sanierung erfolgt ist.

Wie hat sich das Wohngebiet verändert?

Gehrmann: Die Waldstadt wird bunter. Es hat zugenommen, dass die Eltern alleinerziehend sind, es hat zugenommen eine Woche Mama, eine Woche Papa. Die Familien mit Migrationshintergrund aus der ersten Generation haben noch mehr Kinder bekommen. Die Familien, die aus dem Bosnienkrieg hier hergekommen sind. Die Eltern wohnen hier schon seit 20 Jahren und die Kinder sind hier geboren. Und dann haben wir die neuen Flüchtlinge. Es gibt immer mehr Patchworkfamilien, zwei Mamas und ein Papa oder meine Kinder, deine Kinder vielleicht. Zugenommen hat auch die Zahl der Hartz-IV-Empfänger. Ganz neu ist seit Januar das Flüchtlingsheim an den Kopfweiden. Wir haben die ersten Flüchtlinge aus Syrien, die hier Wohnraum gefunden haben. Und es sind auch die ersten Flüchtlinge schon wieder weg, weil sie abgeschoben worden sind.

Wie wird so etwas von den Kindern erlebt?

Gehrmann: Das geht ja ganz schnell. Bisher war es immer so, dass die Kinder kamen und sich verabschiedet haben: Morgen müssen wir weg. Und sie sind dann auch in die Klasse gegangen und haben Tschüs gesagt.

Gibt es dann Tränen?

Gehrmann: Bei den Kindern. Ja.

Wie funktioniert es im Unterricht?

Gehrmann: Es gibt nicht mehr als zwei Flüchtlingskinder in einem Klassenverband mit bis zu 25 Kindern. Wir haben eine DaZ-Lehrerin, Deutsch als Zweitsprache, die hat Gruppen von fünf Kindern und lernt mit ihnen in separaten Unterrichtsblöcken Deutsch. Und wir haben für acht Stunden die Woche eine Bildungsmentorin. Also die Flüchtlingskinder besuchen während des regulären Unterrichts diese Kurse. Sie gehen raus, wissen, wo sie hingehen müssen, sie haben dort ihr Material, das wir besorgt haben. Und die restlichen Stunden bleiben sie im Klassenverband, machen dort Sport, Geschichte und Mathematik mit, so weit sie können. Hier sind sie zum Teil seit Januar, jetzt haben wir April, und es ist schon sehr erstaunlich, wie gut sie Deutsch sprechen gelernt haben.

Zur Person

Ute Gehrmann (57) , seit 37 Jahren Lehrerin, aufgewachsen in Berlin-Pankow, studierte am Institut für Lehrerbildung (IfL) in Potsdam Unterstufenlehrerin mit den Fächern Deutsch, Mathe, Sport und Schulgarten.

Neben der Arbeit als Lehrerin in Fichtenwalde studierte sie von 1991 bis 1995 an der Universität Potsdam Lehramt, leitete danach 13 Jahre die Grundschule Saarmund.

Vor acht Jahren übernahm sie die Leitung der Waldstadt-Grundschule.

Wie funktioniert es auf dem Schulhof?

Gehrmann: Es ist wie bei den deutschen Schülern. Wir haben einen, der haut, boxt, sich nicht an Regeln hält, einen einzigen. Und das gibt es auch bei den deutschen Kindern. Es sind ganz normale Kinder.

Sie haben in den 1970er Jahren am damals völlig neuen Institut für Lehrerbildung (IfL) studiert, der heutigen Fachhochschule am Alten Markt. Wie erleben Sie die Abrissdebatte?

Gehrmann: Am IfL war ich Jugendclubleiterin. Und wir haben uns gefreut über diese tolle Mensa und ich als Sportlehrerin natürlich über die schöne Turnhalle mitten im Gebäude. Das war eine Errungenschaft. Im Interhotel, dem heutigen „Mercure“, haben wir uns als Studenten Geld dazu verdient. Wir haben dort geputzt. Zimmer sauber gemacht. Und einmal, wie das bei Studenten üblich ist, haben wir das verdiente Geld dann oben in der Bar ausgegeben. Meine persönliche Meinung ist: So lange es nicht genug Platz gibt für Kindergärten, Schulen und Horte, würde ich es verwerflich finden, wenn man Geld ausgibt, um so etwas abzureißen. Sonst habe ich auch nichts gegen ein schönes neues Stadtbild.

Von Volker Oelschläger

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