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Potsdam Die Welt retten mit Direktkandidaten
Lokales Potsdam Die Welt retten mit Direktkandidaten
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18:05 18.11.2016
An den Wahlurnen wird’s am Ende entschieden. Quelle: DPA
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Potsdam

Es ist eine kleine, bunte Truppe, außer den beiden Organisatorinnen gerade zehn Frauen und Männer, die sich am Donnerstagabend im Restaurant El Puerto am Hafen der Weissen Flotte trifft, um die Demokratie vom Kopf auf die Füße zu stellen. Man duzt sich gleich, obwohl von 20-Jährigen bis Rentnern jede Altersgruppe erschienen ist. Die Musik ist zu laut, man versteht sich nicht wirklich, akustisch wie inhaltlich. Kirsten Heidler ergreift das Wort, sie ist 29, Studentin, und zusammen mit Angela Schickhoff die Moderatorin für diesen Abend.

Das Ziel ist nichts geringeres als die „freundliche Übernahme des Bundestages“. Die Initiative geht von einer 70-jährigen Musiklehrerin in Lüdenscheid aus, die seit Jahren engagiert gegen die Handelsabkommen Ceta und TTIP kämpft. Ihre Idee: Wenn es 299 Wahlkreise in Deutschland gibt und in jedem ein unabhängiger Direktkandidat gewählt wird, hat die etablierte Politik mit ihrem Parteiensystem und Fraktionszwang keine Mehrheit mehr. Vier der Anwesenden haben sich auch schon als mögliche Direktkandidaten im Internet beworben, wo auf der Seite www.direktkandidaten.info für das Projekt getrommelt wird.

Darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten an diesem Abend dann aber im Wesentlichen. War die Grundstimmung zunächst eher links, so verrutschen einige Mundwinkel, als sich gleich zwei Teilnehmer „durchaus als rechts“ bezeichnen, auch die Anwesenheit der (eingeladenen!) „Mainstreampresse“ ist vielen unerwünscht, denn die würde ja jede Kritik als rechts missverstehen und denunzieren, auch wenn man nur keine Flüchtlinge wolle. Immerhin sagt niemand „Lügenpresse“. Viele, so ist der Vorstellungsrunde zu entnehmen, sind aus purer Neugier gekommen, allen gemein ist ein tiefes Misstrauen gegen „die da oben“, etablierte Parteien („alles von Lobbyismus unterwandert“), Wirtschaft („Rentier-Kapitalismus“) und Presse („manipuliert uns wie zu DDR-Zeiten).

„Die Weltpolitik ängstigt mich“, sagt jemand und findet damit vermutlich den kleinsten gemeinsamen Nenner, während andere „starke Führer“ wie Donald Trump und Wladimir Putin loben („die greifen wenigstens mal durch“). Es riecht nach Tapas und der Ohnmacht der „Normalsterblichen“, chilenischem Wein und Angst vor der Globalisierung.

Dann geht’s wild durcheinander: „Die Alliierten definieren noch immer die deutsche Geschichte, und keiner traut sich, was dagegen zu tun.“ Zwei Damen streiten leidenschaftlich darüber, was schlimmer war – in der DDR zu leben (Stasi) oder im Westen (Turbokapitalismus). Kirsten Heidler versucht immer wieder, zum Thema zurückzufinden, aber mit wenig Erfolg. Wie man denn einen Direktkandidaten bewerben wolle? „Über Facebook, Twitter und die Presse“. Da wendet sich eine Dame zum Gehen. Mit diesem Teufelszeug an Datenkraken wolle sie nichts zu tun haben. „Dann dürfen Sie aber auch nicht fliegen“, frotzelt ihre Sitznachbarin. „Sie werden lachen, das tue ich auch nicht“, bekommt sie zur Antwort.

Kirstin Heidler setzt neu an: Wir sind nicht die AfD, wir sind für Integration, Multikulti und den Verbleib in der EU. Wieder hängende Mundwinkel bei einigen Teilnehmern. Und schon geht’s munter weiter: Über Fraktionszwang im Parlament („per Grundgesetz verboten“), über „Geld regiert die Welt“, über Versuche an Demenzkranken, Lobbyismus, Medien und die Frage, ob es in der DDR Korruption gab.

Ob man denn jetzt ein Bürgerkomitee gründen wolle, dass einen Direktkandidaten wählt, will Kirsten Heidler wissen, ein paar sind dafür, wollen aber nicht aktiv mitarbeiten, die Stimmauszählung geht zweimal schief, zumal jemand am Tisch sitzt, der nicht im Wahlkreis Potsdam wohnt. Nach langer Debatte darf er zwar mitreden und helfen, aber nicht abstimmen, was ihm sichtlich missfällt.

Ein paar Stimmen der Vernunft werden laut: „Wie sollen wir paar Hanseln denn einen Direktkandidaten aufstellen?“, „Nur unzufrieden sein ist zu wenig als Programm“, „Ich glaube nicht, dass wir die Spielregeln ändern können.“, „Was, wenn unser Kandidat auf vom System korrumpiert wird, von Lobbyisten gekauft oder anderer Meinung ist als wir?“. Es wird laut, erste Restaurantgäste suchen sich Tische, die weiter entfernt liegen. Es ist erst eine Stunde vergangen, aber die Runde ist bereits heillos zerstritten. Schließlich sollen alle noch in Arbeitsgruppen über künftige Schritte sprechen und sie dann vorstellen. Keiner rührt sich.

Von Jan Bosschaart

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