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„Die alten Farben sind die besten“

Historisches Handwerk „Die alten Farben sind die besten“

Auch das Handwerk wird immer moderner, doch nicht alles ist mit immer ausgefeilteren Methoden zu erreichen. Oft hilft nur der Rückgriff auf überlieferte Techniken und alte Materialien. Malermeister Matthias Boehlke etwa hat viel mit historischen Bauwerken zu tun und schwört: „Die alten Farben sind die besten.“

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Blick in die Bornstedter Kirche.

Quelle: Rainer Schüler

Bornstedt. „Genau so soll sie sein“, sagt Matthias Boehlke. Vor der Kirche Bornstedt steht der Potsdamer Malermeister und erklärt, warum sie seit einiger Zeit wieder so einheitlich sandfarben aussieht. Er hat sie so gestrichen, angenähert an den Idealzustand ihrer Entstehungszeit. Die Basilika ähnelt wieder dem Bild, wie es der architekturverliebte König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) im Sinn gehabt haben dürfte, als er den Eindrücken seiner Italienreise von 1828 eine angemessene Form geben wollte: Nur durch ihre Form nämlich sollte die neoromanische Kirche in der Landschaft wirken, als Element der Landschaft. Die Farbigkeit der gelb bis rötlich gebrannten Ziegel hätte da nur abgelenkt.

Den Bau des Hauptschiffes der Kirche durch Friedrich August Stüler hat der König selbst beauftragt, 1854/55 wurde das Gotteshaus errichtet. Doch 1881/82 und damit 20 Jahre nach des Königs Tod erweiterte Reinhold Persius es durch einen rechteckigen Chor, dessen Mauerwerk anders aussah, als das geschlämmte Hauptschiff. Mit einer sandfarbenen Putzschlämme glich man es dem anderen Teil an.

Damit aber nicht genug. Um das idealisierte Bild zu komplettieren und kleine Unregelmäßigkeiten im Fugenbild der Ziegel zu überdecken, drückte man scharf geschnittene Profilfugen in die frische Schlämme und versah diese noch mit einem schwarzen Konturstrich. Da gerieten Fugen mitunter auch mal mitten auf den Stein.

Matthias Boehlke zeigt die künstlichen Fugen im lasierten Mauerwerk

Matthias Boehlke zeigt die künstlichen Fugen im lasierten Mauerwerk.

Quelle: Rainer Schüler

Um den landschaftlichen Ferneindruck wiederherzustellen und die gealterte Oberfläche zu erhalten, entschied man sich heute, dies durch eine dünne Kalk-Kasein-Lasur, mit Leinöl und Magerquark als Bindemittel, zu bewerkstelligen. Diese wurde wie damals mit Quasten (Streichbürsten) in mehreren dünnen Schichten aufgetragen. Die Witterung wird nach ein bis drei Jahrzehnten die alte Oberfläche wieder freilegen und es der nächsten Generation überlassen, das historische Bild auch weiter erlebbar zu halten.

Weit bunter geht es innerhalb der Kirche zu, die heute in Beige- und Ockertönen strahlt, durchsetzt von hellem und dunklem Blau und tiefem Oxidrot. Vergoldete Sterne glänzen im Himmel des Chores. Das war noch anders vor ein paar Jahren, als ein über die Jahre verschmutztes Einheitsgelb den Bau beherrschte und die meisten Bemalungen der Stüler- und der Persiuszeit verschwunden waren; Staub und Kerzenruß hatte zur Verdunklung beigetragen. Alte Fotos in Schwarz-Weiß jedoch ließen die alte Pracht erahnen, und die beauftragten Restauratoren Dagmar Dammann und Thomas Felsch fanden die passenden Erstanstriche wieder unter den lieblosen Farbschichten des 20. Jahrhunderts. Aber welches Blau genau es einst gewesen war auf den Verzierungen der Pfeiler und über den Fensterbögen, war nur noch an wenigen Stellen in farblosen Abdrücken nachweisbar. Als glücklicher Umstand kann es angesehen werden, dass Andreas Kitschke vom leitendenden Architekturbüro Bernd Redlich in alten Unterlagen einen farbig angelegten Entwurf aus der Bauzeit zu Tage fördern konnte, an dem nun die Ergebnisse der Untersuchung abgeglichen werden konnten.

Die Bornstedter Kirche

Die Kirche wurde 1854/56 nach Ideen König Friedrich Wilhelm IV. nach Entwürfen August Stülers in italienisierenden Formen neu gestaltet und am 13. November 1856 eingeweiht.

Den schlichten Saalbau bekrönen an den Ecken türmchenähnliche Ziborien mit Apostelstatuetten. Im Zuge der Ribbeckstraße ist östlich der Kirche eine Arkadenhalle quer vorgelagert, an deren Nordende sich der einzeln stehende Turm erhebt – die typische Form einer italienischer Basilika. Von Turm erschallen zwei kleine mittelalterliche Glocken.

Anstelle der Ostapsis fügte Reinhold Persius 1882 einen rechteckigen Choranbau hinzu.

Der Orgelprospekt entstammt dem Jahr 1856, die farbige ornamentale Bemalung der Prospektpfeifen wurde 1882 hinzugefügt, das aus zwölf Registern bestehende Orgelwerk hingegen von der Firma Schuke, Potsdam, 1978 erbaut. Eisenkunstgußreliefs aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhundert und drei barocke Epitaphien sind zu sehen, darunter jener des Gelehrten und Hofnarren des Soldatenkönigs, Jakob Paul v. Gundling, der in einem Weinfass bestattet worden sein soll.

MAZ-Autor Rainer Schüler stellt in der Serie „Tradition im Handwerk“ Gewerke vor, die heute noch mit alten Techniken oder sogar mit alten Materialien arbeiten. Erschienen sind bisher „Handwerk wie zu Urgroßvaters Zeiten“ über die Roland Schulze Baudenkmalpflege (13.09.2017), „Neuer Schuh für 1000 Euro“ über die Schuhwa e.G. (18.09.2017) und „Handwerk ist Handarbeit“ über die Fußbodentechnik Kudell (27.09.2017).

Kausalschluss“ nennt Boehlke das Verfahren, mit dem die Farbigkeit der blauen Bänder trotz fehlendem Nachweis abgeleitet werden sollten. Hinweise gaben auch die erhaltenen, blau und rot bemalten Orgelpfeifen und die Wiederkehr der beiden Farben in den Gläsern der Fenster. Nicht zuletzt gelten das Rot und das Blau aus der Kirche auch als die Farben des britischen Commonwealth, zu dem das preußische Königshaus enge familiäre Bindungen hatte. In Abstimmung mit den Farbtönen der Wände, wurden die Farben dann im Gremium aus Architekten, Restauratoren, Denkmalpflegern und Malern beprobt und frei gegeben.

Die blauen und roten Bemalungen der Orgelpfeifen ließen Rückschlüsse auf die Farbigkeit der ZIermalereien in der Kirche zu

Die blauen und roten Bemalungen der Orgelpfeifen ließen Rückschlüsse auf die Farbigkeit der ZIermalereien in der Kirche zu.

Quelle: Christel Köster

Nicht anders verhielt es sich mit allen anderen gefundenen und zeitlich zugeordneten Farben. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte sind sie oft einem Veränderungsprozess unterworfen, was für die Rekonstruktion manchmal einer Interpretation bedarf.

„Man kann sicher sein“, sagt Boehlke, „dass es früher einen stimmigen Zusammenklang der Farben gab, denn mit Farben verhält es sich wie mit der Musik.“ Es bedarf manchmal nur kleiner Veränderungen, um Töne zum Klingen zu bringen, ähnlich wie das Stimmen der Seiten eines Instruments. Einst wie heute verhelfen einem dazu weder Farbblock noch Mischmaschine, sondern ausschließlich die Hand und das Auge des Malers.

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Schon unsere Altvorderen haben getrickst beim Bauen, Fehler kaschiert und Idealbilder geschaffen: Malermeister Matthias Boehlke arbeitet am liebsten mit Farben wie vor 100 oder 200 Jahren und schwört: Die sind einfach besser!

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Exaktheit ist aber auch in Rekonstruktionen Pflicht; freihändig wird kein Strich gezogen. Bogenlineale musste man sich bauen, für jeden Radius der Strichbänder ein anderes. Eckornamente waren verschwunden. Bis auf eines, in der Verkieselung eines Nässebereiches. So konnte es doch noch nachgewiesen und rekonstruiert werden. Die schier endlosen Weinblatt- und Eierstabbordüren auf den Gesimsprofilen malte man mit Hilfe von Schablonen Stück für Stück und mehrfarbig nach, was das flächige Motiv so plastisch wirken lässt, als wäre es aus Stuck. Aber auch hier war die Befundlage oft spärlich und bedurfte aufwändiger Interpretation und Entwurfsarbeit, ehe sich ein stimmiges mit den Fragmenten kompatibles Bild entwickelte.

Die Farben in der Bornstedter Kirche sind wie zur Bauzeit nach alten Rezepten von Hand zusammengerührt, aus Schlämmkreide, Pigmenten und Leim. Das ist aufgrund des hohen Denkmalwertes auch zwingend geboten. Immehin zählt die Kirche zu den Unesco-Welterbeobjekten in Potsdam.

Seit der Betriebsgründung 1988 war Boehlke an und in mehr als 60 Kirchen tätig. In vielen davon mehrfach. Das sind zwei pro Jahr, über die Zeit gerechnet. Daneben viele Objekte in der Stiftung Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg, aber auch außerhalb Potsdams, z.B. das Schloss Meseberg, seit 2007 Gästehaus der Bundesregierung. Hier wie auch an vielen Kirchen und Schlössern in Potsdam wurde der Kalk für den Anstrich noch wie damals im großen Fass von Hand angerührt und farblich abgetönt. So auch an den Communs am Neuen Palais oder an der Bildergalerie und am Palais Lichtenau oder vielen Häuser im holländischen Viertel in Potsdam. Diese Beispiele sind Beweis dafür, sagt Boehlke, dass die wasserdurchlässigen Kalkfarben in ihrer Haltbarkeit den wasserdichten, modernen Farben in nichts nachstehen. Im Gegenteil. In ihrer Lichtreflexion und bauphysikalisch sind sie ihnen in vielen Punkten überlegen.

Einen Kalkanstrich trägt auch die Nikolaikirche Potsdam. „Achten Sie das nächste Mal darauf, wenn sie von der Sonne angestrahlt wird. Es sieht aus, als wenn jemand zusätzlich Licht anschaltet.“ Hier hat Boehlke nicht nur mitgestrichen, sondern die Farbabstufungen für die Kirche insgesamt verantwortet. Oder auch den des Fortunaportals, als es noch ohne das Schloss da stand, am Alten Markt. Ganz besonderen Zündstoff barg aber der Neuanstrich des Nauener Tores in einem Grauton, der dunkler ausfiel als an Bornstedts Kirche, aber denselben Grund hat: Der Bau sollte nur als Form in der Landschaft wirken und zudem aussehen, als habe die Natur wieder Besitz von ihm ergriffen. Die in den Turmzinnen eigens dafür in einen Topf gepflanzte Eberesche sollte das romantische Verfallsbild komplettieren.

Von Rainer Schüler

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