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Potsdam Die andere Seite der Berliner Mauer
Lokales Potsdam Die andere Seite der Berliner Mauer
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10:21 24.08.2017
Stefan Roloff und Carola Stabe vor ihrer „West Side Gallery“. Quelle: Volker Oelschläger
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Berlin/Potsdam

Ein silbriger Glanz liegt auf den Panzersperren, als wären sie verchromt. Der schwarze Schatten einer Katze streicht übers leere Feld. Der Verkehr rauscht auf der anderen Seite der Mauer in Berlin-Friedrichshain die vierspurige Mühlenstraße entlang. Ein Martinshorn. Trockene Hammerschläge von einer nahen Baustelle, deren Echo vom anderen Ufer der Spree widerhallt. Ein Fahrgastschiff mit dem Schriftzug: „Berlin, du bist so wunderbar!“ Ein Grenzsoldat steht mit dem Fernglas vor den Augen in der Kanzel des Wachturms. Ein Schnellboot mit Gischt vor dem Bug hält direkt auf die Kamera zu.

Fünf kurze Filme hat der West-Berliner Videokünstler Stefan Roloff (63) Anfang der 1980er Jahre vom Alltag im Todesstreifen gedreht. Irgendwann nach dem Mauerfall vom Herbst 1989 hatte er sie noch einmal Freunden gezeigt. Mit mäßiger Resonanz. „Sie sagten, das interessiert keinen mehr. Die Mauer ist doch nun offen.“ Und so verschwanden die Filme in der Schublade.

Hinter den Bildern von Wachtürmen, vom Schnellboot und von Kameras steht die Geschichte des Tom K. in weißer Schrift an der schwarz getünchten Wand, der im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen floh. „Was da vor uns lag, war scheinbar undurchdringbares Dickicht und dahinter Stacheldraht. Es war Ende August. Wer denkt schon in dieser Jahreszeit daran, Handschuhe mitzunehmen?“

Stefan Roloff hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. 30 Jahre lebte er in den Vereinigten Staaten. Für den Musiker Peter Gabriel entwickelte er einen Prototyp zur computergesteuerten Bildbearbeitung, mit dem Videos auf der Basis von Malerei und Fotoanimationen möglich wurden. Für die Installation „Beyond the wall“ auf der dem Westen und der Spree zugewandten Rückseite der berühmten East Side Gallery hat der Künstler das Verfahren umgekehrt. Die winzigen Filmschnipsel vom Todesstreifen hat er am Rechner auf bis zu drei Meter vergrößert und nachkoloriert. Nun hängen sie Bahn neben Bahn als „West Side Gallery“ über 229 Meter Distanz am längsten erhaltenen Abschnitt der Berliner Mauer. Zu Pop-Art-Gemälden erstarrte Zeitgeschichte.

Ein Grenzsoldat in schwarzer Arbeitsmontur harkt Kaninchenspuren aus dem Kies. Postenwechsel mit Maschinenpistole und Aktentasche. Ein Volkspolizist und eine gebückte Frau in Kittelschürze vor gelblichen Wänden drüben, auf der anderen Seite des Stacheldrahts. Hinter der Mauer erheben sich ein Dutzend Kräne. Das Massiv der Arena am Ostbahnhof ist längst von Neubauten eingekeilt. Vorn wirbt Zalando. Weiter hinten dreht sich gemächlich der Stern von Mercedes-Benz. Sonnenlicht bricht sich mit einem Blitzen.

In weißer Schrift auf schwarzem Grund erzählt Mario R. von seiner Verzweiflung: „Als in der Nacht des 9. November die Mauer fiel, habe ich vor Wut geheult. Sie hatte mich vor denen geschützt, die mir das Leben in der DDR zur Hölle gemacht hatten.“ Jahre später als Verkäufer im KaDeWe steht ihm der Stasi-Vernehmer als Kunde gegenüber: „Da war nicht nur der Hass, da war nicht nur die Wut. Da war auch Angst. Es schoss mir durch den Kopf: ,Jetzt haben sie dich gefunden.’“

Installation mit Gartenzwergen zum Tag der deutschen Einheit 2005 im Schaufenster der Fachhochschule Potsdam. Quelle: Christel Köster

Die Idee und das Konzept für die „West Side Gallery“ stammen von Carola Stabe (62), der Potsdamer Bürgerrechtlerin, die immer wieder einmal mit Kunstprojekten für Aufsehen sorgt. Stabe und Roloff hatten, ohne sich direkt zu kennen, den gleichen West-Berliner Bekanntenkreis. 2004 machte sie Werbung für die Premiere seines Dokumentarfilms über „Die Rote Kapelle“ im Arsenal-Kino. Das erste Interview dazu hatte der Filmemacher mit seinem Vater Helmut Roloff geführt, einem Überlebenden dieser Widerstandsgruppe.

2005 zum zentralen Einheitsfest in Potsdam hatten sie ihr erstes gemeinsames Projekt mit „Eins Plus Eins“ im Schaufenster der alten Fachhochschule. Eine Installation mit Mauersequenzen und Gartenzwergen als Sinnbild einer neuen deutsch-deutschen Gemütlichkeit.

Eines Tages erzählte Roloff ihr von seinen Mauerfilmen. „Ich fand das wahnsinnig interessant. Wir haben die Mauer ja nie von dieser Seite gesehen.“ Auch in der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam gibt es eine Installation von Roloff. Interviews mit Zeitzeugen, die in den Videoaufzeichnungen nur als Schatten zu erkennen sind. 60 dieser Interviews hatten sie im Laufe der Jahre geführt. Für das Mauerprojekt haben sie sechs davon nach den Zufallsprinzip davon ausgewählt.

Die Gesprächspartner sind neben den Aufzeichnungen an der Mauer als wandhohe Schatten abgebildet. Der letzte an der langen Wand, Alexander A., berichtet auch von seiner Zeit als Zwangsarbeiter im Gefängnis in Naumburg und der „Hoffnung, dass wir vom Westen freigekauft werden“. Bis ein „Schließer“ ihm sagte: „Guck mal, ihr müsst hier für die im Westen schuften!“, während er auf einen Karton zeigte, auf dem „Ikea“ stand.

Eröffnet wurde die Installation am 13. August zum 56. Jahrestag des Mauerbaus. Im Gegensatz zu den bunt besprühten und mit Stiften bekritzelten Mauersegmenten, Stromkästen und Hinweistafeln ringsum sei die „West Side Gallery“ bisher noch nicht einmal übermalt worden, sagt Carola Stabe. Am 9. November, zum 28. Jahrestag der Maueröffnung, sollen die Tapeten abgenommen und die Wände wieder weiß nachgetüncht werden.

Von Volker Oelschläger

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