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Potsdam „Die erste Leiche ist ein SED-Funktionär“
Lokales Potsdam „Die erste Leiche ist ein SED-Funktionär“
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20:25 06.04.2016
Krimi-Autor Raimon Weber aus Westfalen ist ein Potsdam-Fan. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Gut einen Monat ist es her, dass MAZ-Leser aufgerufen waren, Raimon Weber bei der Recherche für seinen Potsdam-Thriller zu helfen. Zwei von ihnen werden ihre Erinnerungen an die Volkspolizei und an ein Leben im Schatten der Mauer im Krimi wohl wieder erkennen.

Herr Weber, wir sitzen hier in einer Potsdamer Institution, im Café Heider, das auch in Ihrem neuen Krimi ein Schauplatz sein wird. Was würde Martin Keil bestellen?

Raimon Weber: Auf keinen Fall Alkohol. Ich glaube, er würde Pfefferminztee wählen – nichts, das ihn aufregt. Wir haben es bei ihm nicht mit dem Klischee des trinkenden Polizisten zu tun. Nicht, dass er abstinent leben würde, er fällt aber auch nicht vom Stuhl. Er vertritt den Grundsatz, dass er, wenn er in der Öffentlichkeit als Polizist auftritt, Vorbild zu sein hat. Das nimmt er wirklich ernst.

Welche Rolle spielt das Café Heider im Roman?

Weber: Es taucht auf, weil am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, die Polizei genau hier massiv mit dem Schlagstock gegen Demonstranten vorging und über hundert Personen festnahm. Der Roman spielt zwar kurz nach dem Mauerfall. Aber der Ort strahlt noch immer die Gewalt gegen die Demonstranten aus. Damit war Martin Keil nicht einverstanden. Aber es lag außerhalb seiner Macht, etwas dagegen zu unternehmen. Daraus resultiert, dass er bei gewissen Bürgern eine Antipathie spürt, was wiederum seine Ermittlungen nicht gerade erleichtert.

Wie weit sind Sie mit dem Buch?

Weber: 50 Prozent sind geschafft, vielleicht auch mehr. Ich arbeite manchmal rückwärts, wenn ich zum Beispiel merke „Moment – hier passt etwas nicht zusammen!“ Und bis zum heutigen Tage bekomme ich ja auch noch immer neue Informationen.

Die MAZ-Leser waren aufgerufen, ihre Erinnerungen an die Volkspolizei und das Leben im Schatten der Mauer mit Ihnen zu teilen. Welche Impulse konnten sie Ihnen geben?

Weber: Sehr wichtig war ein ehemaliger Leutnant der Kriminalpolizei, der viele interessante Sachen berichten konnte. Neu war für mich zum Beispiel, dass Computer bei der Volkspolizei keine Rolle spielten. Die Erfassung von Personen konnte da sehr lange dauern. Ich habe bei dem Leutnant einen halben Tag verbracht. Es ist immer besser, mit Augenzeugen zu reden, als sich sein Wissen aus Büchern oder Filmen zusammenzuklauben. Gerade eben habe ich mich noch mit einer einstigen Anwohnerin des Grenzgebiets am Griebnitzsee unterhalten. Ihre Erinnerungen sind besonders wichtig für mich, weil die erste Leiche – ein hochrangiges SED-Mitglied auf Bezirksebene – an einem See gefunden wird.

Werden die Schilderungen der MAZ-Leser in den Roman einfließen?

Weber: Oh ja!

Der Autor

Raimon Weber (55) stammt aus Unna und lebt mit seiner Familie aus Überzeugung in der westfälischen Provinz.

Seit 1998 veröffentlicht er unter seinem Namen und unter Pseudonymen Kriminalromane, Thriller und Hörspiele.

Potsdam war in Webers „Morgenstern“-Reihe bereits einige Male Krimi-Schauplatz.

Zuletzt erschienen sind „Die geheimen Akten des Sir Arthur Conan Doyle“, eine Serie, in der der weltberühmte „Sherlock Holmes“-Autor selbst zum Ermittler wird. Unser Lesetipp: „Kuckucksmörder“. nf

Inwiefern haben die Gespräche mit Zeitzeugen Ihr DDR-Bild verändert?

Weber: Ich beschäftige mich ja nicht erst seit zwei Monaten mit der DDR. Ich war vor dem Mauerfall zu Besuch und habe auch sehr lebhafte Erinnerungen an Reisen auf der Transitstrecke. Ich bin nicht daran interessiert, den Wessi rauszukehren oder die Leute bloßzustellen. Für das Buch interessiert mich vor allem die Zeit des Umbruchs – eine unglaublich spannende Zeit. Ein kurzer Moment der absoluten Freiheit, in dem alles möglich war. In dem die Autorität des Staates verpuffte. Es gab teilweise keine klaren Befehle mehr, weil die staatliche Befehlskette durchbrochen, aber noch nichts Neues an ihre Stelle getreten war. Das hat mir auch der Leutnant bestätigt. Es kamen keine Ansagen mehr von oben – für wenige Wochen war man mehr oder weniger sich selbst überlassen. Der Roman funktioniert nur in diesem ganz engen Zeitfenster – schon der Sommer 1990 wäre zu spät.

Was nehmen Sie aus den Recherchen hier vor Ort in Potsdam für sich persönlich mit?

Weber: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Schmorgurken gegessen. Die kommen auf jeden Fall in meinem Roman vor – Schmorgurken mit Buletten. Eben hab ich mir auch ein Glas Letscho gekauft. Noch so ein Gericht, das es bei uns in Westfalen nicht gibt.

Wenn Sie Krimis lesen oder im Fernsehen anschauen...

Weber: ...weiß ich häufig sehr schnell, wer der Täter ist. Es gibt gewisse Methoden einen Mörder einzuführen. Man lässt ihn zum Beispiel ganz nebenbei auftreten, aber so dass er dennoch beim Leser haften bleibt.

Krimis müssen Sie doch inzwischen zu Tode langweilen!

Weber: Zum Glück überraschen mich einige Autoren immer wieder, denn nicht alles funktioniert nach Schema F. Ein gutes Beispiel ist „Kommissarin Lund“. Es gibt Plots, die sind so verblüffend, dass man wirklich nicht auf die Lösung kommt.

Da dürfen wir aber gespannt auf Ihren Plot sein.

Weber: Es ist kein reines Im-Blut-Waten, aber es ist auch nicht ab 12. Ich steige tief ein in die Psyche des Ermittlers und des Täters. Die Recherche ist nun im Großen und Ganzen abgeschlossen. Ich schließe mich jetzt vier Wochen mit Martin Keil ins Kämmerlein ein.

Was trinken Sie da eigentlich?

Weber: Tee – Pfefferminztee. Ich muss doch Fühlung zu meiner Hauptfigur aufnehmen – und vielleicht sogar ein bisschen Martin Keil werden.


Interview: Nadine Fabian

Von Nadine Fabian

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