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Potsdam Die ständige Angst vor der Abschiebung
Lokales Potsdam Die ständige Angst vor der Abschiebung
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17:10 29.02.2016
Zahirat Juseinov gemeinsam mit seiner Familie in seiner Wohnung in Potsdam.   Quelle: dpa-Zentralbild
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Potsdam

 Die Wanduhr in seiner Wohnung in Potsdam tickt leise, aber konstant vor sich hin. Zahirat Juseinov scheint bei jedem Klick-Klack förmlich zusammenzuzucken. Die Nerven liegen bei ihm und seiner Familie blank. In wenigen Stunden muss der Co-Trainer des Potsdamer Vorzeige-Flüchtlingsprojekts „Welcome United“ in der Ausländerbehörde erscheinen. Am Dienstag geht es dabei um die sofortige Ausweisung seiner mazedonischen Familie aus Deutschland.

„Mir geht es wirklich schlecht. Ich habe seit Tagen nicht geschlafen“, gesteht der 35-Jährige, den alle nur Hassan rufen. Nur der Fußball und der Zuspruch seines Clubs, SV Babelsberg 03, halten ihn über Wasser. „Ansonsten habe ich wirkliche, echte Angst.“

Hassan hat „wirkliche, echte Angst“ vor der Zukunft. Quelle: dpa-Zentralbild

Seine Freundin Emel und er gehören der Volksgruppe der Roma an. „Wir Sinti und Roma sind in Mazedonien und auf dem ganzen Balkan rechtlos und müssen dort - von der Bevölkerung verachtet - unter dem Existenzminimum leben“, berichtete der Trainer. „Ich verstehe nicht, warum Mazedonien für uns Sinti und Roma ein sicheres Herkunftsland sein soll.“

In Potsdam Fuß gefasst

2010 flüchtete er mit seiner Freundin und seinen damals drei Kindern nach Potsdam. Die damals jüngste Tochter war noch ein Kleinkind, wenige Wochen alt. Die Familie wollte ein besseres Leben für ihre Kinder. Gemeinsam lebten sie in Mazedonien in einem kleinen Haus. Es bestand aus einem Flur und einem Zimmer. Doch die Siedlung wurde nach und nach geräumt. Viele von ihren ehemaligen Nachbarn leben heute in Parks, weil sie nicht wissen, wohin. „Es ist mir egal, ob ich hungern muss oder ob man mir das Haus wegnimmt. Aber nicht meinen Kindern! Denen muss es besser gehen, die können doch nichts dafür“, sagte Emel Juseinov damals, 2014, in dem Potsdamer Lokalmagazin Friedrich.

Heute ist die Familie zu sechst und lebt mit Baby Ayschegün, das vor drei Monaten hier zur Welt kam, in einer eigenen Wohnung. Über den Fußball hat Hassan schnell in Potsdam Fuß gefasst. „Damals kam jemand von Babelsberg ins Flüchtlingsheim und hat uns zum Fußballspielen mitgenommen. Seitdem bin ich hier vollintegriert“, berichtet er.

Die Familie hat es sich gemütlich in ihrer Wohnung eingerichtet. Sie fühlen sich Zuhause. Quelle: dpa-Zentralbild

Als später Babelsberg-Anhänger zusammen mit dem Verein eine eigene Flüchtlings-Fußballmannschaft ins Leben riefen, war er sofort dabei. „Ich spreche sechs Sprachen, habe mich sofort um die Jungs gekümmert, die aus aller Herren Länder nach Potsdam gekommen sind.“ Hassan kennt die Probleme der Flüchtlinge nur zu gut. „Man lebt in ständiger Angst, abgeschoben zu werden, weil man sich von Duldung zu Duldung hangeln muss.“ Aber es hilft nichts. „Man muss immer den Kopf oben behalten und Deutsch lernen.“

Voll integriert

Er und seine Freundin sprechen inzwischen akzentfrei die Sprache ihres Gastlandes. Für die Kinder ist Deutsch ihre Muttersprache. Hassan und Emel verfügen sogar über eine Arbeitserlaubnis. „Ich bin bei einer Straßenreinigungsfirma eingestellt“, erzählt Hassan. „Besser integriert können wir gar nicht sein. Daher verstehen wir nicht, warum wir des Landes verwiesen werden sollen.“ Schon damals machte er deutlich: Egal, welche Arbeit es gibt, er nehme alle an. „Ich will doch nicht vom Staat leben! Damit bin ich meinen Kindern kein gutes Vorbild“, sagte er gegenüber dem Magazin Friedrich.

Muss die Familie nun zurückkehren, könnte sie in Mazedonien große Probleme bekommen, möglicherweise droht sogar eine Haftstrafe. Damals ging bei der Flucht alles ganz schnell. „Wir haben uns nicht abgemeldet. Das wird denen nicht gefallen haben. Ich habe große Angst“, sagte die junge Mutter Emel.

Gepostet von Zahirat Juseinov am Freitag, 12. Juni 2015

Die Geschichte rührt sogar Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Er hat die drohende Abschiebung der Familie bereits „widersinning“ genannt. Auch Schauspieler Til Schweiger äußerte eine klare Meinung: „Das wäre ein fatales Beispiel.“

Landeshauptstadt prüft Möglichkeiten

Im Potsdamer Rathaus scheinen die Zeichen der Zeit erkannt zu sein. In einem Beratungsgespräch sei der Fall Juseinov am Montag noch einmal besprochen worden, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. Eine weitere Duldung könne aus rechtlichen Gründen wohl nicht ausgesprochen werden. Es gebe aber noch andere Möglichkeiten, zum Beispiel, die Härtefallkommission des Landes anzurufen. „Wir werden alle Optionen mit der Familie am Dienstagnachmittag besprechen.“

Tausende Unterstützer

Unterstützer hatten unterdessen eine Onlinepetition für ein Bleiberecht für den Fußballtrainer gestartet. Den Aufruf „Hassan bleibt“ hatten bis zum Montagmittag über 2.300 Menschen unterzeichnet.

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