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Die stillen Filmstars

Zu Besuch im Requisitenfundus des Studio Babelsberg Die stillen Filmstars

Vom Armlehnstuhl bis zum Zahnstocker: Mehr als eine Million Requisiten lagern im traditionsreichen Studio Babelsberg. Von dort werden Filmproduktionen in ganz Europa beliefert, aktuell die Mauerfall-Tragikomödie „Bornholmer Straße“.

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Willkommen im Haus 8a von Studio Babelsberg: Hinter diesen Mauern ist ein Teil des Requisitenfundus untergebracht.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Babelsberg. Man stelle sich vor: In einem Weltkriegsdrama steht ein Nierentisch aus den 1950ern in der Ecke. Ein furchtbarer Ausstattungsfehler. Dass ein Film für die Zuschauer stimmig wirkt, hängt eben immer auch von den richtigen Requisiten ab. Im Requisitenfundus des mehr als einhundert Jahre alten Studio Babelsberg findet das Filmausstatterherz alles, was es begehrt. Aschenbecher, Duschköpfe, Grabkreuze, Korbwaren, Musikboxen, Särge, Toilettenpapierhalter, Zigarettenautomaten. Preisbeispiele? Der DDR-Küchenstuhl geht zum Tagesmietpreis von sechs Euro raus. Ein Armlehnstuhl im Renaissance-Stil: zwölf Euro. Ein Konzertflügel aus den 1920ern: 45 Euro. Bis auf Fahrzeuge (Spezialgebiet anderer Anbieter) und neueste zivilisatorische Errungenschaften wie Smartphones oder Tablet-Computer gibt es im Fundus fast alles „von der Steinzeit bis zum Ende der DDR“, erzählt Fundus-Leiter Eckhard Wolf der MAZ. Mehr als eine Million Einzelstücke hat der 63-Jährige im Repertoire und es damit schon 1991 ins „Guiness-Buch der Rekorde“ geschafft, bis heute uneingeholt.

Starker Typ: Fundus-Leiter EckhardWolf.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Laufend bestücken Wolf und seine zehn ausgesprochen kompetenten, stets hilfsbereiten und beratend tätigen Mitarbeiter Filme. Aktuell gingen Requisiten ans neue Actionabenteuer „The Man from U.N.C.L.E.“ von Madonnas Ex-Mann Guy Ritchie, ans Drama „Child 44“ mit Gary Oldman oder an die Mauerfall-Tragikomödie „Bornholmer Straße“ von Regisseur Christian Schwochow. Die Liste ließe sich fortsetzen. „Wir beliefern europaweit Produktionen“, so Wolf, der selbst viele Fernsehproduktionen der DDR ausgestattet hat und nach der Wende zum Fundus kam. Ladenhüter kennt er fast nicht. „Wir sind ja keine Aufbewahrungsanstalt.“ Bis etwa 1990 reicht das Angebot der über die Jahrzehnte gehorteten Requisiten: „In unserem Fundus steht und liegt pure Geschichte“, so Wolf. Einige Stücke waren schon in Ufa-Filmen zu sehen, etliche in Defa-Klassikern, in „Spur der Steine“ (1966) oder „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), und in internationalen Produktionen jüngeren Datums. Der Schwerpunkt liegt auf Stücken aus der Gründer- und Kaiserzeit, auf den 1930er und 1940er Jahren sowie auf DDR-Requisiten. Vor einigen Monaten hat der Fundus ein weiteres Gebäude auf dem Studiogelände bezogen. Haus 8a, in dem einst das Kopierwerk Babelsberg saß, das vor einigen Jahren Insolvenz anmelden musste. Das Gebäude stand leer.

Nazirequisiten sind gefragt: Eine Filmszene aus "The Monuments Men" mit George Clooney.

Quelle: Smokehouse Pictures

Das Studio investierte 750.000 Euro, ließ es entkernen und brachte dort Requisiten unter, die aus Platzmangel bislang ein Schattendasein in dunklen Kellern führten. Fundus-Mitarbeiter Michael Koegel hütet beispielsweise hunderte Bilder: Landschaftsmotive, Stillleben, Porträts – darunter etliche von NS-Diktator Adolf Hitler und Propagandaminister Joseph Goebbels. Bedarf an Nazi- und Militärrequisiten besteht oft in Babelsberg. Man erinnere sich nur an Quentin Tarantinos Nazi-Jäger-Satire „Inglourious Basterds“ (2009) oder die Weltkriegsdramen „The Monuments Men“ von und mit George Clooney sowie „Die Bücherdiebin“, die in jüngster Vergangenheit in den Studios entstanden.

Munitionskisten, Benzinfässer und andere Kriegsutensilien „gehen pro Jahr mindestens zehnmal aus dem Fundus raus und rein“, erzählt Wolf und nimmt plötzlich eine massiv wirkende Truhe locker auf die Schulter. „Ist doch nur aus Schaumstoff“, verrät er und lacht verschmitzt. Die „Truhe“ wurde im vergangenen Jahr für den Dreh der französisch-deutschen Koproduktion „Die Schöne und das Biest“ angefertigt.

Hieb- und stichfest: Auch Kampfgerät lagert im Fundus.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Ein ausgesprochenes Lieblingsteil unter einer Million Requisiten hat Wolf nicht: „Ich mag alles“, meint der Chef, überlegt kurz und geht dann zu einem antiken Möbel: „Hier, an dem Loriot-Schrank hänge ich sehr, weil ich Loriot verehre.“ Der Fassadenschrank aus dem 19. Jahrhundert mit den Säulchen auf der Tür kam in Vicco von Bülows zauberhafter Komödie „Pappa ante Portas“ (1991) zum Einsatz. Man erinnert sich nur zu gern: Darin stellt Loriot sein Haus einem Filmteam zur Verfügung, das alles auf den Kopf stellt. Auch besagter Schrank muss umgeräumt werden.

Fast alle Requisiten dürfen auch für filmferne Zwecke wie Firmenjubiläen, Hochzeiten und andere Partys gemietet werden. Ausnahmen sind verständlicherweise Waffen (an dieser Stelle greift ohnehin das Waffengesetz), historische Folterinstrumente oder das an der Funduswand hängende „Das Beil von Wandsbek“ aus der gleichnamigen Literaturverfilmung von 1951 (übrigens das erste Defa-Drama mit Aufführungsverbot).

Wer aber seiner Geburtstagsfeier eine orientalische Note geben möchte – kein Problem dank Thron, güldener Kissen und flacher Tischchen, die vom Set des in Babelsberg gedrehten Kinderfilms „Hexe Lilli – Die Reise nach Mandolan“ (2011) stammen. Zu den Stammkunden des Fundus’ gehört das Edelkaufhaus KaDeWe, das für die aufwändigen Schaufensterdekorationen nicht nur zu Weihnachten sich im Fundus „bedient“. Auch die Modemesse „Bread & Butter“ bestückt gern ihre Ausstellungsecken mit Filmdevotionalien. Regelmäßig werden Wolf vermeintlich tolle Requisiten angeboten, Erbstücke der verstorbenen Großtante etwa. Wolf schüttelt den Kopf: „Ist meistens nicht zu gebrauchen.“ Vor kurzem wollte ihm jemand ein pompöses Ami-Schlafzimmer aus den 1960ern andrehen. Wolf winkt ab: „Hochglanzlackiert, mit Spiegelflächen, da hätte sich jeder Schauspieler drin gesehen. Zum Drehen absolut ungeeignet.“

Von Ricarda Nowak

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