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Digitaler Spaziergang durch die Wendezeit

Potsdam/Kleinmachnow Digitaler Spaziergang durch die Wendezeit

Vor 28 Jahren am 10. November 1989 ist die deutsch-deutsche Grenze auf der Glienicker Brücke in Potsdam geöffnet worden. Der Kleinmachnower Fotograf Bernd Blumrich und seine Frau Birgit waren in der Wendezeit mit der Kamera unterwegs. Rund 2500 Fotos liegen jetzt in einem digitalen Bildarchiv vor.

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Auf der Mitte der alten Autobahnbrücke über den Teltowkanal verlief die Grenze zwischen West-Berlin und DDR. Die Brücke steht noch – die Trennmauer ist verschwunden.

Quelle: Bernd Blumrich

Potsdam/Kleinmachnow. Ein Mann steigt am 14. Juli 1989 in Budapest auf eine Leiter. Er streicht mit dickem Filzstift den Namen „Münnich-Ferenc-Utca“ durch – den auf einem Metallschild an einer Hauswand angebrachten Namen der Straße. Darunter befestigt er ein neues Schild: „Nador Utca“ soll die Straße von nun an wieder heißen. Eine Menschenmenge beobachtet den Vorgang, Köpfe recken sich nach oben. Auch an anderen Stellen wird der Name des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Münnich getilgt. Der kommunistische Politiker passt als Namensgeber nicht mehr in die neue Zeit. „Nador Utca“, Palatin Straße, erinnert an die habsburgischen Statthalter in Ungarn, also an die Monarchie des 19. Jahrhunderts. Radikaler konnte die Abkehr der Ungarn von der kommunistischen Herrschaft nicht dokumentiert werden.

Bernd Blumrich in seinem Kleinmachnower Fotostudio

Bernd Blumrich in seinem Kleinmachnower Fotostudio.

Quelle: Birgit Blumrich

Dass die Straßenszene aus dem Jahr 1989, die sich abseits der internationalen Fernsehkameras abspielte, überliefert ist, haben wir Bernd Blumrich zu verdanken. Der Fotograf aus Kleinmachnow hielt am selben Tag in der ungarischen Hauptstadt aber nicht nur diesen improvisierten Namenswechsel fest, er eilte auch zu den offiziellen Trauerfeierlichkeiten für Janos Kadar, des ein Jahr zuvor entmachteten Chefs der kommunistischen Partei. Die Fotos, die dort entstanden, zeigen einerseits den sozialistischen Pomp einer Funktionärsbeerdigung, gleichzeitig sind sie Sinnbild des Abgangs der alten Machtelite.

„Was ich in diesen Tagen in Ungarn erlebte und fotografierte, hat mir die Augen endgültig auch für das geöffnet, was zu Hause, also in Potsdam und Kleinmachnow, zu erwarten war“, erinnert sich Blumrich. Schon am 10. Juni 1989 war der Kleinmachnower einer der wenigen Fotografen, die das erste Pfingstbergfest am Belvedere in Potsdam dokumentierten. 3000 Menschen waren dem Aufruf einer „Arbeitsgemeinschaft“ gefolgt, die das historische Ensemble retten wollte.

Bernd Blumrich, der freie, parteiunabhängige Fotograf, war dort gern gesehen, wo sich Widerstand gegen die SED-Herrschaft rührte. Er wurde zum Archivar der Wendezeit in Potsdam, Kleinmachnow und Teltow. Er dokumentierte Protestzüge und Versammlungen, Polizeiaufmärsche und ratlose SED-Funktionäre, schließlich die Grenzöffnung mit all ihren emotionalen, teils skurrilen Begleiterscheinungen.

Vor 28 Jahren am 10

Vor 28 Jahren am 10. November 1989 öffnete sich der Schlagbaum auf der Glienicker Brücke in Potsdam.

Quelle: Birgit Blumrich

Heute, 28 Jahre nach den Ereignissen, blickt Bernd Blumrich zurück. „Ich bin jetzt mit der neuen Technik in der Lage, das ganze Material zu ordnen und zu betexten.“ Rund 50 000 Fotos hat er in seinem Kleinmachnower Studio inzwischen digitalisiert. Ein kleiner Teil davon, etwa 2500 Bilder, stehen ab sofort in einem „Bildarchiv“ Nutzern zur Verfügung. „Ich habe mich dabei auf die Wende als Kernthema konzentriert“, erklärt Blumrich die Auswahl der Fotos. Grund sei die enorme Nachfrage nach Bildern aus der Zeit rund um 1989. Und die wird zunehmen, denn in zwei Jahren jährt sich die Öffnung der Mauer zum 30. Mal.

Dokumentalist im GRW

Bernd Blumrich wurde 1950 in Wilhelmshorst geboren. Ab 1964 ging er in Werder zur Schule und machte dort 1969 Abitur mit dem Facharbeiterbrief im Gartenbau.

An der Fachschule für wissenschaftliche Information und Dokumentation nahm Blumrich 1971 sein Studium auf, ab 1974 arbeitete er als Dokumentalist im GRW-Teltow.

1977 erhielt er die Gewerbeerlaubnis zur „Herstellung fotografischer Bromsilbererzeugnisse für den Handel“. 1980 folgten der Meisterbrief und die Eröffnung eines Fotoateliers in Kleinmachnow, das bis heute besteht.

Das Bildarchiv ist zu finden unter www.foto-blumrich.de. Dort kann gestöbert und bei Interesse an einzelnen Fotos Kontakt zu Bernd Blumrich aufgenommen werden.

Blumrichs digitales „Bildarchiv“ ist aber so konzipiert, dass sowohl die Ursachen, als auch die Folgen der Maueröffnung deutlich werden. „Ich habe auch Fotos aus den 60er, 70er und frühen 80er Jahren aufgenommen, zum Beispiel Eindrücke aus dem verfallenen Holländischen Viertel und der Gutenbergstraße in Potsdam oder eine HO-Eröffnung in Kleinmachnow.“

Im Archiv ihren Platz haben aber auch Nach-Wende-Bilder, die zum Teil drastisch zeigen, dass die anfängliche Euphorie schnell verflogen war. Die Demonstration in Kleinmachnow am 8. April 1990 ist dafür ein Beispiel: Damals blockierten Einwohner den „Grenzübergang“ und protestierten gegen ihre „Vertreibung“ aus Häusern, die von Westdeutschen zurückgefordert wurden.

Die Hartnäckigkeit und Akribie, mit der Bernd Blumrich all die Jahre als Fotograf gearbeitet hat, zahlt sich jetzt aus. Sein „Bildarchiv“ umfasst neben weiteren Bildern aus Potsdam und Kleinmachnow auch den Bereich „Persönlichkeiten“, also Fotos von wichtigen Menschen, die er im Laufe der Zeit getroffen hat.

Vier Jahre hat der 1950 in Wilhelmshorst geborene Fotograf am Digitalisierungsprojekt gearbeitet. „Regionalgeschichte“ und „Identifikation“ sind die Stichworte, die sein Schaffen markieren. Für 2018 sind Ausstellungen in Bremen, Berlin, Prag/Pilsen und Budapest geplant. 50 großformatige Bilder will Blumrich zeigen, die unter dem Titel „Die Brücke“ zu subsumieren sind. Ein Buch ist in Vorbereitung.

Wer sein digitales „Bildarchiv“ nutzen will, kann direkt bei ihm anfragen. „Die Nutzungsrechte für Fotos können erworben werden, ich will aber genau wissen, wo und wie die Bilder verwendet werden.“ Blumrich kann sich aber auch vorstellen, mit seinen Dokumenten Projekte in Schulen zu illustrieren, damit junge Menschen von den authentischen Erfahrungen profitieren, die der Fotograf zeit seines Lebens mit der Kamera in der Hand gesammelt hat.

Von Jürgen Stich

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