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Potsdam Wachsen in der Stadt des Wissens
Lokales Potsdam Wachsen in der Stadt des Wissens
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11:46 27.06.2018
Unternehmer Christoph Mietke im Reinraum seiner Firma in der Potsdamer Jägervorstadt. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Der Ulanenweg in der Jägervorstadt ist eines der heimlichen Kreativ- und Wirtschaftszentren Potsdams. 1860 für Preußens Garde-Ulanen errichtet, bis 1994 mit dem Abzug der sowjetischen Truppen militärisch genutzt, wurde die Kaserne Anfang der 2000er Jahre saniert. Heute beherbergen die einstigen Reitställe und Waffenkammern am Eingang das Kunsthaus Potsdam, das Druckhaus Rüss und die Christoph Miethke GmbH, eine Firma für Medizintechnik, die mit einem Nischenprodukt den Weltmarkt erobert hat.

Produzierende Firmen sind rar

„Potsdam braucht mehr Firmen wie die Christoph Miethke GmbH“, sagte IHK-Geschäftsführer Mario Tobias bei der Vorstellung der Studie „Wirtschaftsprofil und Gewerbeflächengutachten 2025“ zur Landeshauptstadt. Das Fazit: Potsdam sei mit seiner Hochschul- und Forschungslandschaft eine „Stadt des Wissens“, doch wirtschaftlich mache sich das kaum bemerkbar. 92 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Dienstleistungssektor. Technologieorientierte, produzierende Unternehmen sind selten.

Christoph Miethke (58) hatte Anfang der 1990er Jahre in einem Gründerzentrum in Berlin-Adlershof begonnen, wechselte später in den Europark Kleinmachnow und baute schließlich 2003/04 den südlichen Reitstall am Ulanenweg als Firmensitz aus. Miethke produziert Implantate zur genau dosierten Ableitung von Gehirnwasser für Patienten mit Hydrozephalus, einem Wasserkopf: „Das ist ein so spezielles Produkt, dass es nur Sinn macht, wenn man den ganzen Weltmarkt im Auge hat“, sagt er.

Potsdams Wirtschaft boomt. Die Wirtschaftsleistung wuchs in zehn Jahren um 40 Prozent, so Stefan Frerichs, Chef der Wirtschaftsförderung: „Noch nie seit der Wiedervereinigung standen hier so viele Menschen in Lohn und Brot wie heute.“ 2016 waren es fast 85.000 Beschäftigte – wovon viele außerhalb der Stadt wohnen. Die Anzahl der gemeldeten Gewerbebetriebe wuchs in zehn Jahren bis 2016 um ein Viertel auf mehr als 13.300.

Christoph Miethke ging Mitte der 1990er Jahre mit 18 Mitarbeitern in die Produktion. Heute beschäftigt er 160. Das Unternehmen sei auf seinem Markt der drittgrößte Anbieter weltweit, in Deutschland mit Abstand der größte. „Und wir wachsen nach wie vor sehr stark – in diesem Jahr mit Sicherheit wieder um 20 bis 25 Prozent.“ 2017 habe die Firma einen Jahresumsatz von 14 Millionen Euro gehabt. Mittlerweile produziere sie 30 .000 Implantate pro Jahr. Wie international sein Unternehmen ist, sei ihm erst bei einer Weihnachtsfeier bewusst geworden, als die Glückwünsche plötzlich auf Spanisch, Russisch und Türkisch kamen.

Potsdams Wirtschaft leidet unter dem Wachstum der Stadt. Gefragt nach den größten Problemen, sagt Wirtschaftsförderer Frerichs: „Verkehr, Flächen, Fachkräfte.“ Aktuelle Beispiele für die Flächenkonkurrenz von Wohnen und Gewerbe sind das Brunnenviertel und die Wiese am Kirchsteigfeld. Die Eigentümer dringen auf Freigabe für Wohnungsbau und Sozialeinrichtungen, während die Stadt die Flächen für Gewerbe frei halten will.

Wohnungen fehlen für den Zuzug von Fachkräften. Und wer nicht in Potsdam wohnt, kämpft mit dem Stau, mit überfüllten Bussen und Bahnen. Pro Tag kommen fast 50.000 Menschen zur Arbeit nach Potsdam, fahren fast 35.000 Potsdamer zur Arbeit ins Umland und nach Berlin.

Als Christoph Miethke erweitern musste, sah er sich auch im Umland um. Er erwarb Teile eines stillgelegten Kaltwalzwerks in Oranienburg. „Ich habe gar nicht geglaubt, wie preiswert die Fläche da zu erstehen war.“ Dann wurde ihm eine alte Reithalle in den früheren Roten Kasernen kaum zwei Kilometer vom Hauptsitz angeboten.

Der Unternehmer nahm an, behielt aber auch das „Oranienwerk“, das er mit günstigen Mieten und Berlin-Nähe für Künstler und Gründer öffnete. In der Fritz-von-der-Lancken-Straße steht nun ein gutes Dutzend Präzisionsmaschinen, die rund um die Uhr Katheter aus Kunststoff und Ventile aus Titan herstellen.

Forschung mit Weltruf

Wo Potsdams größte Trümpfe in Sachen Wachstum liegen? Wirtschaftsförderer Frerichs muss nicht lange nachdenken. Er nennt den Telegrafenberg mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem Geoforschungszentrum – Einrichtungen von Weltruf.

Er nennt den Hasso-Plattner-Campus am Griebnitzsee, den SAP-Campus am Jungfernsee, die Medienstadt Babelsberg. Gerade wird in Golm mit dem Gründerzentrum Go.In 2 der Weg gebahnt für 100 neue Firmen. Jüngste Nachricht: der Ausbau der letzten RAW-Halle in Bahnhofsnähe zum Gründerzentrum für Digital-, Medien und Kreativwirtschaft.

Christoph Miethke, der als Gründer in Adlershof begann, kommt aus dem Rheinland, war in einer Familie mit sieben Kindern der „Bastler“. Als 1989 die Mauer fiel, studierte er in Berlin Medizintechnik: Ein Professor habe ihn gefragt, ob er Lust habe, mit ihm zusammen ein Unternehmen zu gründen. „Das war natürlich eine Einladung“.

Das Produkt sei „keine Mondrakete“, sagt er: Titanteile und ein Ventil mit einer Feder. „Mit der Zeit bin ich demütiger geworden. Es ist doch überraschend, dass in vermeintlich einfachen Dingen so viel Komplexität steckt. Aber wir sitzen hier und wir haben etwas draus gemacht.“

Von Volker Oelschläger

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