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Dorgerloh: Jakobs’ Ton ist inakzeptabel

Streit um Pfingstberg-Park in Potsdam eskaliert Dorgerloh: Jakobs’ Ton ist inakzeptabel

Es geht um freien Zugang auf dem Potsdamer Pfingstberg: OB Jann Jakobs (SPD) wirft der Schlösserstiftung vor, beim Vertragsabschluss mit Springer-Chef Mathias Döpfner zum Park der Villa Schlieffen schlampig gearbeitet zu haben. Stiftungs-Chef Hartmut Dorgerloh lässt das nicht auf sich sitzen und reagiert im MAZ-Interview mit scharfen Worten.

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Hartmut Dorgerloh, Chef der Schlösserstiftung.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Der Streit um den Park am Pfingstberg eskaliert. Den Vorwürfen von OB Jann Jakobs gegen die Schlösserstiftung tritt deren Chef, Hartmut Dorgerloh, energisch entgegen.

MAZ: Am heutigen Mittwoch werden die Stadtverordneten einen Vor-Ort-Termin auf dem Areal der Villa Henckel am Pfingstberg wahrnehmen. Werden Sie mit dabei sein?
Hartmut Dorgerloh: Der Stiftung und mir liegt bis heute keine Einladung zu diesem Termin vor. Gleichwohl begrüße ich diese Initiative der Stadtverordneten und hoffe sehr, dass diese Vor-Ort-Begehung zur Versachlichung der Diskussion beiträgt.
 

Am vergangenen Mittwoch haben die Stadtverordneten beschlossen, dass der Bauzaun um den Park möglichst schnell verschwinden soll. Wie realistisch ist das?
Dorgerloh: Entgegen anderslautenden Behauptungen steht der Bauzaun sowohl hinsichtlich des Verlaufs als auch der Höhe korrekt und durfte bauantragsfrei errichtet werden. Das ca. 6 Hektar große Areal musste aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht und zur Gefahrenabwehr eingefriedet werden. Und das ist absolut kein vorgeschobenes Argument, wie jeder vor Ort sehen kann. Bei einem Rückbau des Zauns bzw. der Herstellung der öffentlichen Zugänglichkeit durch entsprechende Tore müsste zwingend für die Verkehrssicherung Sorge getragen werden. Allerdings wären in diesem Fall noch nicht die Auflagen erfüllt, mit denen das Grundstück – in zwei Etappen – 1997 vom Bund und 2000 vom Land Brandenburg in das Eigentum der SPSG übertragen worden ist. Und dieser Auftrag lautet wörtlich: „Wiederherstellung der Parkanlage und historischen Gebäude“. Übrigens hatte die Stadt 2003 beim Verkauf der Villa Henckel und eines Teils des Parks an Herrn Dr. Döpfner hohe denkmalpflegerische Auflagen für die Sanierung und Nutzung erteilt. Es ist also nur konsequent, wenn diese hohen Ansprüche an den Denkmalschutz auch für den öffentlichen Teil des Areals gelten.
 

In der Debatte hat sich der Ton zusehends verschärft. Auch Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) nimmt längst kein höfliches Blatt mehr vor der Mund, wenn er Ihnen vorwirft, Sie hätten in dieser Sache „Mist gebaut“. Wie sieht die Gesprächsbasis auf so einer Grundlage aus?
Dorgerloh: Dieser Ton ist inakzeptabel und der Sache nicht angemessen. Er lässt mich sehr daran zweifeln, dass der Herr Oberbürgermeister an einer sachlichen Debatte und einer konstruktiven Lösung überhaupt interessiert ist. Wir jedenfalls sind es und bleiben gesprächsbereit. Denn nur im Falle einer Lösung könnten der Park der Villa Henckel und die Villa Schlieffen binnen 72 Monaten vollständig denkmalgerecht saniert und zwei Drittel des Parks und die Villa Schlieffen als Kunsthaus für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ich halte das für eine gute Nachricht für die Potsdamer.

Zuletzt hat der OB der Schlösserstiftung auch schwere Versäumnisse und mangelnde Sorgfaltspflicht beim Vertragsabschluss mit Springer-Vorstand vorgeworfen. Man habe verabsäumt zu klären, wie die öffentliche – laut B-Plan zu gewährleistende – Zugänglichkeit geregelt werden soll. Damit legt der Oberbürgermeister doch den Finger in die Wunde dieses Vertrags, oder?
Dorgerloh: Im Vertrag ist klar formuliert, dass dieses Areal „als öffentliche Parkanlage festgesetzt“ ist und folglich öffentlich zugänglich bleiben muss. Herr Döpfner hat das mit der Unterzeichnung des Vertrags anerkannt und dies zuletzt in einem Interview am 21.05.2015 wiederholt ausdrücklich zugesichert. Heute wünschte ich mir allerdings, dass wir die Potsdamer früher und umfassender über dieses Vorhaben informiert hätten.

Warum gelingt es der Schlösserstiftung nicht, ihre Anliegen der Potsdamer Bevölkerung besser zu vermitteln? In diesem konkreten Fall bleibt bei vielen Bürgern nur das Gefühl zurück: der Döpfner ist reich, der bekommt eine Extrawurst und darf sich öffentliches Parkland unter den Nagel reißen. Was ist da schief gelaufen?
Dorgerloh: Ich habe nicht den Eindruck, dass etwa die Pfingstberg-Initiative Potsdam für die gesamte Potsdamer Bevölkerung spricht. Richtig ist, dass es – wie immer bei solchen Projekten –Befürworter, aber auch Kritiker gibt und die Debatte emotional geführt wird. Noch einmal: Herr Döpfner reißt sich hier nichts unter den Nagel. Ich möchte deshalb mit Nachdruck darauf hinweisen, dass hier in Zeiten klammer öffentlicher Kassen mit privaten Mitteln eine zum UNESCO-Welterbe gehörende historische Parkanlage, die seit Jahrzehnten nur in ihren Rudimenten als solche zu erkennen ist, und die Villa Schlieffen überhaupt erst denkmalgerecht wiederhergestellt und öffentlich zugänglich gemacht werden sollen. Für den gesamten Park und die Villa Schlieffen werden immerhin eine Mindestinvestitionssumme von 1,8 Millionen Euro sowie anschließend Pflege- und Betriebskosten von jährlich ca. 140.000 Euro fällig – und zwar für einen Zeitraum von 40 Jahren. Diese Kosten trägt alleine der Nießbrauchnehmer und nicht der Steuerzahler. Auch in diesen 40 Jahren bleibt die SPSG und damit die öffentliche Hand Eigentümerin. Mit der für die Villa Schlieffen vorgesehenen Nutzung zur Präsentation einer renommierten Kunstsammlung wird im Übrigen die im B-Plan geforderte kulturell-wissenschaftliche Nutzung für die Villa realisiert und diese erstmals in ihrer Geschichte öffentlich zugänglich sein. Unter einer Extrawurst verstehe ich und – glaube ich – auch viele Potsdamer etwas anderes.

Inwieweit hat die Schlösserstiftung bei den Verhandlungen über den Park der Villa Henckel überhaupt noch etwas zu melden? Da das sogenannte Nießbrauchsrecht für Döpfner bereits im Grundbuch eingetragen ist, ist der Besitz bereits mit allen Rechten und Pflichten auf den Springer-Vorstand übergegangen.
Dorgerloh: Die SPSG ist in einem gültigen Vertragsverhältnis mit dem Nießbrauchnehmer und als Eigentümerin nach wie vor in der Verantwortung. Sie bleibt als Untere Denkmalschutzbehörde zuständig. Diese Verantwortung werden wir weder abgeben noch von den mit Herrn Döpfner vereinbarten hohen denkmalpflegerischen Anforderungen abrücken.

Kritiker fragen sich, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, jemanden wie Springer-Vorstand Döpfner – einen Menschen mit einem unbestreitbar hohen Sicherheitsrisiko – in eine öffentliche Grünanlage zu „verpflanzen“? Wie wollen Sie diesen Zielkonflikt lösen?
Dorgerloh: Ich sehe hier keinen Zielkonflikt. Zunächst einmal möchte ich daran erinnern, dass die Villa Henckel nebst einem Teil des Parks von der Stadt Potsdam an Herrn Döpfner verkauft wurde, ohne dass die SPSG einbezogen war. Die Sicherheitsfrage war also von jeher relevant. Diese willkürliche Grundstücksteilung, die sich an in DDR-Zeiten gezogenen Grundstücksgrenzen orientierte, zerstörte jedoch die historische Einheit der Anlage. Für uns als Denkmalpfleger sollte aber wieder zusammenwachsen, was zusammengehörte. Zudem hatten wir mit der denkmalgerechten Sanierung der Villa Schlieffen weiter ein ungelöstes Problem. Das Haus war über Jahre ausgeschrieben Es fanden sich jedoch keine Interessenten, die der B-Plan-Auflage einer kulturell-wissenschaftlichen Nutzung entsprechen wollten, wie uns das bei den Villen Quandt und Lepsius gelungen war. Und aus eigener Kraft konnte und kann die SPSG Park und Villa nicht wiederherstellen. Deshalb sind wir dankbar, dass sich Herr Döpfner dazu bereit erklärt hat, die Wiederherstellung des Parks und die Sanierung der Villa aus privaten Mitteln zu finanzieren und darüber hinaus über einen Zeitraum von 40 Jahren etwa zwei Drittel des Parks und die Villa Schlieffen für die Öffentlichkeit auf eigene Kosten zu pflegen und zu betreiben.

Wie bewerten Sie die Arbeit der Expertengruppe, die nach den Protesten von Pfingstberg-Anwohnern und anderen Potsdamern gebildet wurde, um eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten?
Dorgerloh: Gut und konstruktiv. Gemeinsam wurde ein Kompromissvorschlag erarbeitet, der den öffentlichen Forderungen ebenso gerecht wird wie den privaten Belangen von Herrn Döpfner. Leider wurden die Argumente für diesen Kompromiss im Hauptausschuss gar nicht vorgetragen, so dass die Stadtverordneten nicht die Möglichkeit hatten, Für und Wider sachlich abzuwägen. Im Kern geht es ja um eine sinnvolle Trennung zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Die Expertengruppe hat dafür einen Zaunverlauf am Fuß eines steilen Hangs vorgeschlagen.

Stimmt es, dass von Seiten der Stadt bei dieser Expertenrunde über lange Strecken signalisiert wurde, dass eine Lösung durchaus auch ohne Änderung des B-Plans machbar sein könnte?
Dorgerloh: Es wurde seitens der Verwaltung immer darauf geachtet, dass für den gefundenen Kompromiss keine B-Plan-Änderung erforderlich wird. Insofern waren wir schon irritiert, als der Kompromissvorschlag von der Stadtspitze als nicht B-Plan-konform vom Tisch gewischt wurde.

Der B-Plan für den Park der Villa Henckel wird von Experten Ihres Hauses als teilweise fehlerhaft eingestuft. Warum?
Dorgerloh: Als der B-Plan 1999 – zweifellos nach bestem Wissen und Gewissen – beschlossen wurde, war vieles einfach noch nicht bekannt. Das erklärt etwa die problematische Trennung von öffentlichem und privatem Raum. Diese entspricht nicht den Grundstücksgrenzen. Der B-Plan sieht z. B. vor, dass Teile des im Eigentum der SPSG befindlichen Grundstücks ausschließlich privat genutzt werden dürfen. Auch werden in der B-Plan-Begründung „der Wasserfall und der Teich“ als im öffentlichen Raum „wahrnehmbare Attraktionen“ eingestuft. Tatsächlich befinden sich der Wasserfall und erhebliche Teile des Wasserlaufs bereits jetzt im privaten Bereich der Villa Henckel. Ebenso sieht der B-Plan die Errichtung eines Spielplatzes im Park der Villa Henckel vor, der sich auf einem städtischen Grundstück gegenüber der Großen Weinmeisterstraße 28 befinden soll. Das Grundstück war jedoch zu keinem Zeitpunkt in städtischem Eigentum, sondern immer in ungeteilter Eigentümerschaft der SPSG. Kurzum, eine Neuinterpretation des rein privaten und des öffentlich nutzbaren Bereichs muss ohnehin erfolgen.

Ist Potsdam durch den eskalierenden Streit um den Pfingstberg ein Image-Schaden entstanden, der sich möglicherweise auch negativ auf die Spendenbereitschaft von Mäzenen auswirken könnte?
Dorgerloh: Für die Stadt Potsdam kann ich nicht sprechen.

Wäre es in Anbetracht der verfahrenen Lage nicht besser, das Projekt einer Sanierung des Parks der Villa Henckel und der Villa Schlieffen vorerst einmal auf Eis zu legen?
Dorgerloh: Damit wäre niemandem geholfen. Wertvolle Denkmalsubstanz ginge verloren. Die Villa Schlieffen ist seit Jahren ein teurer und anspruchsvoller Sanierungsfall. Und auch wir wollen, dass der Park wieder öffentlich zugänglich wird.
 

Wie könnte eine Kompromisslösung aussehen, mit der sowohl die Stadt als auch Herr Döpfner und die Stiftung leben können?
Dorgerloh: Zunächst verdient der vorliegende Vorschlag der Expertengruppe eine sachliche Prüfung und Würdigung. Der Austausch darüber würde uns gewiss weiterbringen.

Interview: Ildiko Röd

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So schön könnte der Pfingstbergpark wieder aussehen, von der Villa Henckel Döpfners bis runter an die Große Weinmeisterstraße.

Bislang zeichnet sich in Potsdam eine Stadtverordneten-Mehrheit für die Idee von Oberbürgermeister Jann Jakobs ab, dem Kulturmäzen und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner die Sanierung des Pfingstberges wieder aus der Hand zu nehmen und den Park in städtischer Regie herzurichten. Doch in seiner eigenen Koalition erhebt sich Protest.

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