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Drei Rotkäppchen und kein Wolf

MAZ-Serie: Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Potsdam Drei Rotkäppchen und kein Wolf

Gleich drei Mal steht die Märchenfigur Rotkäppchen auf dem Campus der juristischen Fakultät der Uni Potsdam am Griebnitzsee. Rotkäppchen hebt mahnend den Finger, doch der Wolf fehlt. Was hat das alles zu bedeuten?

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Das Rotkäppchen am Eingang des Präsidial-Gebäudes des DRK (1940-45) soll auf die NS-Zeit verweisen.

Babelsberg. Selten hat ein harmloses Märchenfigur-Trio für so viel Aufregung gesorgt wie die bunt bemalten überlebensgroße Rotkäppchen auf dem Campus der juristischen Fakultät der Uni Potsdam am Griebnitzsee. Seit einigen Jahren stehen die drei baugleichen Märchenstars der Brüder Grimm auf dem Uni-Areal und heben drohend ihre Zeigefinger als wollten sie uns warnen. Allen dreien wurde von ihren Schöpfern, den Mitgliedern der Künstlergruppe mit dem rätselhaften Namen „Inges Idee“, absichtlich der böse Wolf amputiert. Wer sich die Mühe macht und Rotkäppchen aus der Nähe betrachtet, sieht noch die Ausbeulung des Rocks und direkt darunter die Abdrücke von vier Pfoten. Aber solche Details entgehen den meisten Betrachtern und so regen die Mädchenfiguren mit ihren roten Kappen und Röckchen nur maßlos auf. Auf die Rotkäppchen angesprochen reagieren viele gereizt oder verweigern jeglichen Kommentar. „Was soll das?“ „Befremdlich!“ „Mir sagt das nichts!“, ist zu hören.

Rotkäppchen auf dem Campus

Rotkäppchen auf dem Campus.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Reihen der Ablehnungsfront scheinen geschlossen seit die Skulpturen 2011 aufgestellt wurden. Eine Potsdamer Zeitung fragte gar süffisant: „Eine Rotkäppchenverschwörung oder tatsächlich Kunst am Bau?“. Diese despektierliche Tonlage war insofern mutig, als die vier Künstler, Hans Hemmert, Axel Lieber, Georg Zey und Thomas A. Schmidt, die sich „Inges Idee“ nennen, auf globale Reputation verweisen können.

Seit 1995 erregen sie immer wieder Aufsehen mit künstlerischen Eingriffen in den öffentlichen Raum. Dutzende Wettbewerbe wurden von ihnen gewonnen und so sorgen ihre oft ironischen Arbeiten inzwischen nicht nur in Potsdam, Berlin, Mainz, Worms, Düsseldorf und München, sondern auch in Stockholm, Vancouver, Tokyo, Singapur, Paris, Kopenhagen, Toronto und Edmonton für Begeisterung und Staunen.

Rotkäppchen im Gehölz

Rotkäppchen im Gehölz.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam ist gleich dreifach gesegnet, denn auch die 17 riesigen pickenden Elstern vor der Landeszentralbank in der Berliner Vorstadt und das perfekt dem hügeligen Gelände angepasste, sanft wellende Basketballfeld im Volkspark verdanken wir „Inges Idee“.

Typisch für deren Arbeiten ist ein Kriterium, das in der Kunst unstrittig eine herausragende Bedeutung besitzt und vereinfacht so lauten könnte: „Kunst soll überraschen“. Die Oberhausener wurden von „Inges Idee“ mit einem aus der Reihe der Oberleitungsmaste herausgetretenen separaten Mast überrascht. Der 35 Meter hohe Stahlkoloss von „Inges Idee“ tänzelt scheinbar. Er schwingt seine ausgestreckten Gerüstarme wie eine menschliche Figur und wellt dabei einem Bauchtänzer gleich seinen mehrfach gebogenen eisernen Körper. Ein Bild wie eine Fata-Morgana.

Das Potsdamer Rotkäppchen hat es da deutlich schwerer, denn die von den Künstlern durch das Fehlen des Wolfs provozierte Fragenlawine will auf dem Campus in Griebnitzsee einfach nicht losrollen. Keiner der fragt: „Wo ist der böse Wölf? Wo ist das Böse? Wer ist heute böse?“ und nur wenige wissen, dass das alte Gebäude auch Tatort zweier Diktaturen war.

Kaum ein Betrachter bemerkt die stilistische Verwandtschaft des Rotkäppchens (Sie ist die Vergrößerung eines Porzellan-Rotkäppchens nebst Wolf aus den 1930er Jahren), mit dem Altbau aus der Nazi-Zeit. So bleibt vorerst viel Ablehnung und bei den wenigen Rotkäppchen-Fans der häufig zu hörende Wunsch nach Aufklärung durch eine Hinweistafel.

Eine Märchenfigur auf dem Campus

Die drei identischen Skulpturen „Rotkäppchen und …“ der Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“ sind die Realisierung des Siegerentwurfs eines 2008/2009 durchgeführten Kunstwettbewerbs des Landes Brandenburg.

Teilnehmer dieses zweistufigen Wettbewerbs waren 21 renommierte Künstler aus Berlin, Köln, Potsdam, Leipzig, Bonn, München, Hannover und anderen Orten.

Die drei Rotkäppchen-Plastiken sind die vergrößerten Rotkäppchen einer Porzellangruppe „Rotkäppchen mit Wolf“ aus den 1930er Jahren. Sie wechseln durch die drei unterschiedlichen Standorte jeweils den Assoziation-Spielraum.

4.Das Rotkäppchen am Eingang des Präsidial-Gebäudes des DRK (1940-45) soll auf die NS-Zeit verweisen. Die zweite Figur im Wäldchen zwischen Alt- und Neubau steht für das Rotkäppchen im Märchen und die dritte Skulptur bezieht sich auf die Gegenwart.

MAZ-Autor Lothar Krone stellt in seiner Serie „Bewegende Standbilder“ die Kunst im öffentlichen Raum Potsdams vor. Erschienen sind bisher „Skulpturen auf dem Sims“ (29.11.), „Tanzpaar im Grünen“ (3.1.), „Das doppelte Marmorrätsel“ (16.1.), „Flugschiffs stürmische Reisen (20.1.), „Ein außergewöhnlicher Künstler“ (27.1.), „Der Stein des Anstoßes“ (8.3.) und „Adam, Eva und die Weide“ (16.3.).

Von Lothar Krone

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