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Potsdam Wie geht es den Potsdamer Freilernern?
Lokales Potsdam Wie geht es den Potsdamer Freilernern?
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00:23 01.02.2019
Angela Schickhoff mit ihren vier Kindern: (v.l.) Anni (20), Betty (18), Dori (10) und Cajetan (12). Quelle: Jacqueline Schulz
Potsdam

Dass es Ende der Woche Halbjahreszeugnisse gibt, ist zwei Kindern in Potsdam völlig egal: Cajetan (12) und Dorothea (10) sind Freilerner. Ihre Eltern lehnen die Schulpflicht ab – sie sagen, dass ihre Kinder selbstbestimmt lernen sollen. Das ist rechtlich höchst umstritten. Vor einem Jahr hat die MAZ die Familie vorgestellt. Im Interview berichtet Angela Schickhoff (48), was seither passiert ist.

Vehemente Schulgegner aus Hessen, die sich gegen den Entzug ihres Sorgerechts gewehrt haben, haben vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gerade eine Niederlage erlitten. Was bedeutet dieses Urteil für Ihre Familie?

Angela Schickhoff: Wir haben den Fall der Familie nur oberflächlich verfolgt. Schade ist, dass das Urteil in den Medien unter dem Tenor „Kindesentzug wegen Schulabstinenz ist laut EGH richtig“ verbreitet wird. Tatsächlich gab es wohl Äußerungen des Vaters, in denen die Ämter letztlich Gefahr im Verzug sahen und eingriffen. Bestätigt wurde, soweit ich weiß, dieses Vorgehen, nicht die Schulverweigerung. Ich befürchte aber, dass die Entscheidung dennoch das Vorgehen der Ämter – auch in Fällen wie unserem – verschärfen könnte.

Ein Jahr ist es her, dass die MAZ über Sie als Freilerner-Familie berichtet hat – wie geht es Ihnen heute?

Uns geht es gut. Wir haben Stress und erleben schöne Dinge – so wie alle anderen Familien auch.

Sie hatten damals überlegt, die Ranzen der zwei Jüngsten zu verkaufen...

Wir haben die Mappen noch, obwohl Dori und Caje seit zweieinhalb Jahren nicht mehr zur Schule gehen – was sie aber jederzeit können, wenn sie es wollen. Falls es soweit sein sollte, möchten sie inzwischen wohl lieber andere Mappen. Auf Cajes Ranzen sind Dinosaurier, auf Doris Pferde – da sind sie drüber.

Fangen wir bei der Kleinsten an: Was macht Dori so?

Im Sommer hatte sie den Wunsch, auf die neu gegründete Demokratische Schule in Werder zu gehen. Wir waren beim Tag der offenen Tür und es war wirklich sehr schön. Dori war nicht abgeneigt, aber auch nicht begeistert. Vor allem als klar war, dass sie jeden Tag dorthin müsste, ist ihr Interesse verflogen. Wir haben den Verantwortlichen der Schule direkt und ehrlich gesagt, dass Dori wohl nicht immer kommen wird, irgendwann vielleicht gar nicht mehr. So eine junge freie Schule steht stark im Fokus und muss sich bewähren – wir möchten keinen Ärger machen.

Hat Doris Interesse Caje angesteckt?

Nein, überhaupt nicht. Caje will nicht zur Schule und hat das auch ganz klar gesagt.

Was – wie – lernen die Kinder gerade?

Caje beschäftigt sich nach wie vor viel mit Fantasy und Science Fiction – das ist einfach das Ding in seinem Alter. Unsere Kinder nutzen verschiedene Medien: das Handy, den Computer, sie schauen Filme, Dokus, Youtube-Videos. Bücher sind für Caje noch immer nicht interessant – er kann lesen, aber er liest nur, was ihn interessiert. Das finden wir beide schade – wir sind Büchermenschen, haben viele Bücher zu Hause, gehen in die Bibliothek. Caje könnte sich einfach bedienen, hat aber keine Lust und wir zwingen ihn nicht. Das Interesse der Kinder ist immer zweckgebunden. Beispiel Mathematik: Da geht es für sie ums Geld beim Bezahlen oder ums Teilen einer Pizza. Die Kinder erschließen sich vieles allein. Wenn wir anfangen, etwas zu erklären, was über ihre Frage hinausgeht, wollen sie das nicht. Diese Informationen rufen sie erst ab, wenn sie sie brauchen. Mathematik ist für sie nur ein Mittel, kein Selbstzweck.

Als Freilerner bewegen Sie sich hart an der Grenze der Legalität – wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Mir macht der Druck Angst. Es besteht immer die Gefahr, dass die Behörden unsere Entscheidung als Kindeswohlgefährdung werten und uns das Sorgerecht entziehen und die Kinder wegnehmen. Das Schulamt hat uns eine Reihe Zwangsgelder auferlegt. Weil wir nicht zahlen können, sollte gepfändet werden und wir mussten unser Vermögen offenlegen. Inzwischen wird uns Haft angedroht. Das alles beeinträchtigt natürlich unser Leben. Wir vertrauen auf das Einsehen der entscheidungstragenden Menschen in Gerichten und Ämtern, dass es letztlich um die Menschenrechte – vor allem um Selbstbestimmung – geht.

Das Schulamt verlangt auch, einen Test mit den Kindern zu machen...

Caje und Dori sollen in Mathe und in Deutsch getestet werden, um ihren Wissensstand zu erheben. Das haben wir abgelehnt – und auch die Kinder wollen das nicht. Sie würden bei diesem Test nicht versagen, aber sie wären allein durch die Form, wie ihr Wissen abgefragt wird, benachteiligt. Sie würden zum Beispiel bestimmte Fragestellungen, die in der Schule über Jahre hinweg antrainiert werden, nicht verstehen. Sie können auch keine antrainierten Lösungswege verfolgen. Sie haben ihre eigenen, für Außenstehende vielleicht verqueren Wege, ans Ziel zu kommen – aber sie kommen ans Ziel. So ein Test bildet nicht die Bildung unserer oder auch anderer Kinder ab – in so einem Test kommt nicht zum Ausdruck, was sie wirklich wissen und können.

Was können Ihre Kinder denn?

Sie kommen im Leben klar, sie finden sich in der Welt zurecht – das ist es, worauf es ankommt.

Was macht Betty?

Sie ist im vergangenen Jahr geradezu explodiert in Aktionismus und Engagement. Sie ist sozial involviert und gut vernetzt. Sie ist im Organisationsteam von „Fridays for Future“, sie arbeitet im Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ mit und lernt viele Leute überall in Europa kennen. Betty hat die Schule Anfang der 10. Klasse auf eigenen Wunsch verlassen – sie hat sich seither richtig gut entwickelt. In der Schule sind ihr Fremdsprachen schwer gefallen. Jetzt ist sie davon fasziniert. Sie hat Italienisch und Spanisch im Selbststudium gelernt. Nachdem sie letztes Jahr in Italien war, möchte sie nun nach Spanien. Gerade ist sie in London. Wir sind uns sicher, dass sie nie so geworden wäre, wenn sie in der Schule geblieben wäre. Sie will gern studieren.

Das möchte Anni, Ihre Älteste, auch. Dazu braucht man in Deutschland das Abitur – wie weit ist Anni damit?

Auch Anni hat sich gut entwickelt – sie hat ja das Asperger-Syndrom, was vieles nicht gerade leichter für sie macht. Das Abi, das sie im Selbststudium machen wollte, hat sie nicht geschafft. Sie hatte Panik, etwas nicht zu können – das hat sie beim Lernen gehemmt. Wir haben intensiv mit ihr geredet, ob sie es noch einmal allein versuchen möchte, aber sie will nicht. Wir haben nun Kontakt zur neuen Montessorischule aufgenommen. Vielleicht ist das ein Weg. Sie würde mit oder ohne Abi genauso gut studieren – wir wünschten, es wäre kein Muss.

Von Nadine Fabian

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