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Edlef Köppen widerstand Goebbels

Literaturforschung in Potsdam Edlef Köppen widerstand Goebbels

Mit seinem Weltkriegsroman „Heeresbericht“ schrieb sich der Potsdamer Autor Edlef Köppen in eine Reihe mit Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“) und Ernst Jünger („In Stahlgewittern“). Trotzdem geriet er über Jahrzehnte in Vergessenheit. Die Erforschung seines in Potsdam und Genthin aufbewahrten Nachlasses brachte Sensationelles zu Tage.

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Edlef Köppen, 1914.

Quelle: Stadt- und Kreisbibliothek „Edlef Köppen“, Genthin

Potsdam/Genthin. Bis heute ist nicht restlos geklärt, wie die sechs Kartons mit einem beträchtlichen Teil des Nachlasses von Edlef Köppen (1893-1939) zum Potsdam-Museum kamen. Ein Fahrer des Museums soll sie Ende der 1960er Jahre aus Wilhelmshorst von einer Familie mitgebracht haben, die sie für die 1958 in die Bundesrepublik geflohene Witwe des Literaten und Rundfunkpioniers verwahrt hatte.

Möglicherweise handelte es sich dabei um die Grottkes, zu deren Familienbegräbnis Köppens Grabstein umgesetzt wurde, nachdem die Laufzeit seiner eigenen Grabstätte abgelaufen war. Das vermutet der Kulturhistoriker Wilhelm Ziehr, der die in Potsdam und Genthin (Sachsen-Anhalt) aufbewahrten Teile des Köppen-Nachlasses aufbereitet hat und dabei zu dem Ergebnis kam, dass „man von einer Sensation sprechen“ könne.

Die Bedeutung des 1930 erschienen Weltkriegsromans „Heeresbericht“ als Hauptwerk Köppens habe er „schon länger erkannt“, so Ziehr, der das Buch in eine Reihe stellt mit den kommerziell weit erfolgreicheren Romanen „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque und „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger.

Doch erst jetzt lasse sich ermessen, welche Rolle Köppen, geboren in Genthin, lange wohnhaft in Potsdam, im Literaturbetrieb der 1920er und beginnenden 1930er Jahre tatsächlich einnahm. Als freier Mitarbeiter der Funk-Stunde Berlin und ab 1929 als Leiter der literarischen Abteilung habe Köppen „alle bekannten Schriftsteller dieser goldenen zwanziger Jahre in seinen Sendungen vorgestellt“, so Ziehr.

Im Nachlass fand sich ein Brief vom 5. Juli 1932 an Köppen mit einer Gratulation zur Beförderung zum Leiter der Hörspielabteilung: „Endlich ein Fall, wo das Verdienst belohnt wird, das intellektuelle wie das moralische Deutschland erwacht. Gestern war A-Sitzung und es wurde viel von Ihnen gesprochen.“

Dieser Brief belegt nach Ansicht Ziehrs bestens die damalige Reputation Köppens: Absender war Gottfried Benn, einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Mit A-Sitzung war die Zusammenkunft der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gemeint, zu der etwa Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin und Oskar Loerke gehörten.

Der Brief bezeichne „den Höhepunkt der allgemeinen Anerkennung Köppens durch die angesehene Dichterakademie“, so der Kulturhistoriker: „Köppen ist also kein Genthiner oder Potsdamer Ereignis, Köppens Wirken strahlte von Berlin aus weit in die deutschen Länder“ und darüber hinaus.

Jutta Götzmann (Potsdam-Museum), Edlef-Köppen-Experte Ulrich Ziehr und die Genthiner Bibliotheksleiterin Gabriele Herrmann (vlnr) mit Köppen-D

Jutta Götzmann (Potsdam-Museum), Edlef-Köppen-Experte Ulrich Ziehr und die Genthiner Bibliotheksleiterin Gabriele Herrmann (v.l.n.r.) mit Köppen-Dokumenten.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Im Nachlass fanden sich Briefe Köppens von der Front an die Eltern, in denen er erstmals von seinem Projekt eines Antikriegsromans schrieb und davon, „Obacht geben“ zu müssen, um damit „als Offizier nicht in Schwierigkeiten“ zu geraten.

Von den Nazis wurde der Pazifist Köppen als Leiter der Funk-Stunde abgesetzt, sein „Heeresbericht“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Erst im Nachlass hat Ziehr entdeckt, dass Propagandaminister Goebbels sich um Köppen bemühte. Allein das Ende, die Einweisung des Protagonisten Reisiger in die Irrenanstalt, habe dem am „Heeresbericht“ nicht gefallen. Der Autor sollte das Ende umschreiben: „Goebbels wollte einen heroischen Abschluss, aber da hat sich Köppen strikt verweigert.“

In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete Köppen für den Film, etwa als Chefdramaturg für die Tobis Europa Film Berlin. In den Kartons fanden sich Drehbuchentwürfe, Filmszenen, Typoskripte, die die Forschung laut Ziehr vor neue Aufgaben stellen: „Bislang gibt es keine Darstellung zu Köppens Beiträgen zur Filmgeschichte.“

Dass Köppen zeitweise „fast vollkommen in Vergessenheit geraten war“, sei „sicher auch auf die Stigmatisierung durch die Nazis zurückzuführen“, sagte am Montag die Direktorin des Potsdam-Museums, Jutta Götzmann. Die Aufbereitung der 3500 in Potsdam aufbewahrten Einzelblätter aus dem Köppen-Nachlass begann mit der Vorbereitung der Ausstellung „Zu Hause im Krieg – Im Krieg zu Hause“ im Sommer 2014 zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Finanziert vom Förderverein Jerichower Land, wurde der in Genthin und Potsdam aufbewahrte Nachlass nun komplett digitalisiert. Zum Jahresende sollen alle Dokumente am Computer in Genthin abrufbar sein. Mittelfristig soll es auch in Potsdam diese Möglichkeit geben. Ein Beitrag des Köppen-Experten Wilhelm Ziehr ist von Götzmann mit der Wiederaufnahme der Schriftenreihe „Museumsfenster“ angekündigt, die in den nächsten Wochen erscheinen soll.

Edlef Köppen und sein Nachlass

Edlef Köppen, geboren 1893 in Genthin, besuchte von 1907 bis 1913 das Victoria-Gymnasium (heute Helmholtz) in Potsdam. Er zog 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg und kehrte 1918 als Pazifist zurück.

Nach dem Studium arbeitete Köppen ab 1921 im Kiepenheuerverlag Potsdam, versuchte sich 1923 erfolglos als Gründer eines eigenen Verlages, arbeitete ab 1925 für die Funk-Stunde Berlin.

1932
z og er von Potsdam nach Wilhelmshorst, den Bau seines Hauses am Friedensplatz 6-9 verarbeitete er in dem Buch „Vier Mauern und ein Dach“. Er starb 1939 an den Folgen seiner Kriegsverletzung.

Ein Teilnachlass gelangte über die Witwe Hete Köppen nach Konstanz (Baden-Württemberg) und konnte 2002 durch die Bibliothek in Köppens Geburtsstadt Genthin erworben werden.

Gemeinsam mit dem in Potsdam verwahrten Teilnachlass liegt nach Einschätzung des Köppen-Experten Wilhelm Ziehr „ein Fundus für die Forschung vor, wie er nur für wenige tonangebende Schriftsteller der Weimarer Republik existiert“.

Von Volker Oelschläger

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