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Potsdam So erlebte Potsdam den Jahrhundertwinter vor 40 Jahren
Lokales Potsdam So erlebte Potsdam den Jahrhundertwinter vor 40 Jahren
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00:21 19.01.2019
Rund um die Uhre sind die Kollegen der Potsdamer Stadtdirektion Straßenwesen im Einsatz (Winterdienst). Quelle: MAZ/Christel Köster
Potsdam

Der Fußballtrainer Bernd Schröder war als studierter Ingenieur 1978 Abteilungsleiter bei der Energieversorgung Potsdam. In der Silvesternacht stürzte die DDR unerwartet in ein Rekordwinterereignis. Schröder erlebte als Mitverantwortlicher eine schicksalhafte Woche.

Herr Schröder, wenn Sie jetzt die Bilder von den verschneiten Alpen sehen, erinnert Sie das an damals?

Bernd Schröder: Natürlich, aber es ist schwer vergleichbar. Die dort unten haben trotz allem noch Wärme, Strom, Handyempfang und Informationen. Bei uns dagegen war damals gar nichts mehr: Wir hatten keinen Strom, keine Wärme und konnten uns nicht informieren, weil die Netze kaputt waren. Es war ein richtiger Katastrophenfall.

Wie sah Potsdam damals aus? Und wie sah das historische Potsdam aus, als es schneebedeckt war? Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie.

200000 Soldaten helfen im Tagebau

Wenn sie die Situation in einem Bild beschreiben müssten, was fällt Ihnen da ein?

Die Großtagebaue, die die notwendige Kohle liefern mussten. Es war Chaos, es war praktisch wie im Krieg. Als wir noch die ganzen Soldaten von der Nationalen Volksarmee, etwa 200 000 Leute da hatten, um die Versorgung mit Kohle zu sichern, dachtest du bei dem Anblick, die Welt bricht zusammen. Man muss sich das vorstellen: Plus neun Grad noch am 28. Dezember und dann plötzlich minus 20 Grad, das ist eine außergewöhnliche Situation. Und da rede ich noch nicht einmal davon, dass Rügen völlig eingeschneit und isoliert war. Es war einfach so, dass wir trotz aller Notfallpläne auf so ein Ereignis nicht vorbereitet waren.

Wann schlug das zu?

Es war in der Silvesternacht. Wir mussten den Einsatzstab und alle verfügbaren Leute einberufen. Es waren mindestens 3000 Leute in der Fläche. In Potsdam selbst hatten wir aber kein eigenes Heizkraftwerk. Die Versorgung in der DDR lief zentral über Großkraftwerke, die wiederum von der Kohle abhängig waren. Wir haben uns später sogar ein paar Presslufthämmer aus West-Berlin holen lassen müssen, um bei den Kraftwerken die eingefrorene Kohle aus den Waggons zu holen.

Wie konnten Sie der Kälte letztlich Herr werden?

Es traten sofort die Einsatzpläne in Kraft. Das Problem war aber, dass der Kälteeinbruch die ganze Republik betraf. In Berlin war die Hauptlastverteilung. Von dort gingen die Befehle aus. Es gab dann die ersten Notabschaltungen von Strom. In Potsdam mussten wir zum Beispiel in der Berliner Straße und Am Kiewitt Hochhäuser abschalten, wo dann auch nicht mehr die Aufzüge gingen. Ein großes Problem war, dass wir im Bezirk auch Elektrostahlwerke hatten. Wenn Sie dort nur 20 Prozent des Stroms haben, müssen Sie aufpassen, dass Ihnen der Stahl nicht aushärtet.

In kalten Ställen sterben die Tiere

Was empfanden Sie als das schwerste Situation?

Das schwerste Problem war, dass wir in den landwirtschaftlichen Betrieben Massensterben von Schweinen, Hühnern und Küken hatten, weil die Wärme nicht da war. Wir hatten eben teilweise nur noch 20 Prozent der gesamten Leistung zur Verfügung.

Wie ging man mit so einem Mangel um?

Sie haben an einer Stelle abgeschaltet und mussten das nach ein paar Stunden wieder zuschalten, weil sie den entsprechenden Teil gar nicht mehr wieder ans Netz gekriegt hätten, weil die Batterien zur Einschaltung dann schon heruntergefahren wären. Zum Glück musste ich selbst solche Entscheidungen nicht treffen. Für die Verantwortlichen war das nicht immer einfach. Man musste natürlich die Krankenhäuser versorgen, trotzdem fühlten sich andere dann ungerecht behandelt.

Wann war die Situation insgesamt am kritischsten?

Tatsächlich in der Silvesternacht, wo man das Gefühl hatte, die ganze DDR bricht zusammen. Wir mussten in der Fläche Strom abschalten. Da hatte man wirklich das Gefühl: Wenn wir jetzt nicht klug handeln, bricht das ganze Netz zusammen und wir können es nicht mehr aufbauen. Es war auch nicht absehbar, wann die Situation zu Ende gehen würde. Andererseits hat die Regierung auch das ganze Ausmaß der Situation nicht erkannt.

Die Leute wussten nicht, was geschah

Wo hat Ihnen das Herz am meisten geblutet?

Als wir in den Städten Strom abschalten mussten – und die Leute darauf überhaupt nicht vorbereitet waren. Aus politischen Gründen hat keiner den Leuten gesagt, wie es um die Energieversorgung stand. Die Leute haben einfach oft nicht verstanden, warum es plötzlich kalt und dunkel wurde. Es gab auch überhaupt keine Information mehr, weil Telefonleitungen zusammenbrachen.

Kam jemand zu Schaden?

Wir haben auch im Bezirk Potsdam Tote gehabt. Noch heute streitet man sich darum, wie viel in der DDR damals erfroren sind. Das ist damals nicht so ans Tageslicht gekommen. Hinzu kam ein volkswirtschaftlicher Schaden von ungefähr 140 Millionen DDR-Mark.

Hatte dieses Geschehen auch etwas Gutes?

Es war klar, dass wir in der Konsequenz feststellen mussten, dass wir mit der Braunkohle, die zu 75 Prozent aus Wasser besteht, auf die Dauer extreme Winter nicht bewältigen kann. Deswegen ist ja auch kurz nach der Wende die Entscheidung getroffen worden, dass wir die Kohlekraftwerke im Bezirk Potsdam stilllegen und auf Gas umstellen.

Was würden Sie heute den Leuten im Süden sagen?

Wie schon gesagt: Die Infrastruktur funktioniert und die Verantwortlichen haben schnell reagiert. Außerdem ist die Situation in ihrem Ausmaß überschaubar. Außerdem handelt es sich um Skigebiete, wo man doch Erfahrung im Umgang mit Schnee hat. Und schließlich ist es nicht so kalt. Die Situation ist natürlich nicht einfach, aber bei den Ressourcen, die wir heute haben, viel einfacher zu lösen als damals in der DDR.

Liebe Leser, wie haben Sie den Winter 1978/79 in Erinnerung? Schreiben Sie uns und schicken Sie gerne auch Fotos an leserbriefe@maz-online.de oder per Post: Märkische Allgemeine, Kennwort: Leserpost, Postfach 60 11 53, 14 411 Potsdam

Von  Rüdiger Braun

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