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Potsdam „Eifernde Predigt, frei von Fakten“
Lokales Potsdam „Eifernde Predigt, frei von Fakten“
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05:55 23.03.2017
Die Nagelkreuzkapelle am Standort der Garnisonkirche. Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Über politische Predigten, die in der Potsdamer Garnisonkirche gehalten wurden, regen sich die Garnisonkirchen-Gegner gern auf. Christoph Dieckmann hielt nun eine hochpolitische, von Fakten dagegen nahezu unbelastete Predigt in der Französischen Kirche. Tatsachen haben es heutzutage schwer gegen Polemik anzukommen – leider auch in der Kirche! Die Mahnung des Glockenspiels zu (Wahrheits-) Treue und Redlichkeit scheint nötiger denn je.

So gestand Dieckmann, nach anfänglicher Gegnerschaft dann doch die Wiedereinweihung der Dresdener Frauenkirche „als schieres Glück“ erlebt zu haben. Dass gerade diese Kirche in der NS-Zeit als „Dom der Deutschen Christen“ und Amtssitz des sächsischen NS-Landesbischofs und NSDAP-Parteigenossen Friedrich Coch eine zentrale Rolle für nazitreue Christen gespielt hat, blendet er geflissentlich aus. Ebenso ignoriert er, dass die Garnisonkirche (die immer auch eine Zivilgemeinde beherbergte) seit der Weimarer Zeit eben doch Bürgerkirche und vor allem beliebte Konzertstätte der Potsdamer war. Dem grandiosen Propaganda-Trick des Herrn Goebbels, nachträglich den Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler als zentrales Ereignis des „Tages von Potsdam“ darzustellen, geht Dieckmann prompt heute noch auf den Leim. Filmaufnahmen zeigen, dass eine ganze Reihe von Politikern Hindenburg die Hand gaben und es sich nicht um ein zentrales Geschehen handelte!

Die Predigt wurde am Dienstag in der MAZ gedruckt. Quelle: MAZ-EBV

Wegen der NS-Doktrin des Superintendenten an der Nikolaikirche, PG Martin Thom, bewarb sich der dortige Kantor Fritz Werner an der Garnisonkirche und wurde eingestellt. Die Mitbegründer der NS-treuen „Deutschen Christen“ und Parteigenossen im Talar Johann Rump und Joachim Hossenfelder waren ins Pfarramt der Friedenskirche geschleust worden. Gemeindeglieder, die Hitler nicht als Heilsbringer sahen, wichen auf die Erlöserkirche aus. Die Pfarrer Hans Hermenau (Heiligengeistkirche) und Schmidt-Clausing (Neubabelsberg) waren aktiv im „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Diese Herren beschwerten sich im Konsistorium über die „Bekenntnisfrontler“ an der Garnisonkirche! (Die Bekennende Kirche stand in Opposition zu Hitler – d.R.) Das Versagen der Kirchen im NS-Staat gerade an der Garnisonkirche festmachen zu wollen geht an den Fakten vorbei.

„Christlicher Glaube ist wesenhaft pazifistisch; Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Das will man gern unterschreiben, doch die Geschichte zeigt leider ein ganz anderes Bild vom Christentum, das nach Jahrhunderten der Verfolgung selbst zum Verfolger wurde. Die Garnisonkirche als „gotteslästerliche Bude“ zu stilisieren, mag die Zuhörer erheitern, lenkt aber wiederum von den Fakten ab. Dort wurde zu keinem Zeitpunkt eine andere Lehrmeinung verkündet, als in den anderen Kirchen auch, mit dem Unterschied, dass man sich in der Zeit des Dritten Reichs hier mit der Begeisterung für den „Führer“ zurückhielt!

Der „Zeit“-Kolumnist Christoph Dieckmann hielt am Wochenende in Potsdam bei einer Konferenz von evangelischen Christen, die sich gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche positionieren, eine Predigt.

Die MAZ druckte die kontroverse Predigt in ihrer Dienstagausgabe auszugsweise ab.

Andreas Kitschke ist 1955 in Potsdam geboren und als Diplomingenieur für Hochbau seit 1976 in der Bauerhaltung, Denkmalpflege und Bauforschung tätig.

Im Nebenberuf betreibt er genealogische, organologische und bauhistorische Forschungen und hat zahlreiche Vorträge zu diesen Themenkomplexen gehalten.

Als Fachberater war er bei der Restaurierung von Kirchen und anderen historischen Gebäuden in und um Potsdam tätig. Zudem ist er regionaler Orgelsachverständiger für die Evangelische Kirche.

2004
ist Kitschke mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für ehrenamtliches Engagement auf dem Gebiet der Denkmalpflege, der baugeschichtlichen Forschung und Wissensvermittlung ausgezeichnet worden.

Am Dienstag, 11. April, wird im Alten Rathaus sein neues Buch „Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft“ vorgestellt. Darin finden sich auch einige Passagen zur NS-Zeit in den Potsdamer Kirchen.

Der Generalangriff Dieckmanns auf die Befürworter des Wiederaufbaues gipfelt in dem Satz: „Erstehen soll der Kriegstempel der Hohenzollern, zwecks neomilitaristischer Erneuerung Preußens.“ Der „Kriegstempel“ war von 1950 bis zur gewaltsamen Schließung 1966 Heimstatt einer sehr friedliebenden evangelischen Gemeinde, und wer den Internetauftritt der Stiftung Garnisonkirche oder die bereits jetzt in der temporären Nagelkreuzkapelle stattfindenden Veranstaltungen verfolgt, weiß, dass die hier unterstellte Motivik eine glatte Lüge ist. Soviel zur Redlichkeit.

Andreas Kitschke Quelle: bebra-Verlag

Die eifernde Predigt des Herrn Dieckmann ist der beste Beweis dafür, dass kein anderes Gebäude als die in historischer Gestalt wiederaufgebaute, aber mit neuem Geist gefüllte Garnisonkirche geeigneter ist, Menschen für Diskurse über Widerstand und Mitläufertum, über verantwortliches christliches Handeln in der Gesellschaft zu interessieren. Ein Versöhnungszentrum ohne diesen „Stachel im Fleisch“ würde dagegen niemand beachten. Vielen Dank für diesen Rückenwind, Herr Dieckmann!

Von Andreas Kitschke

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