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Ein Ächzen im Gebälk

Mehr als 8,8 Millionen Euro kostet die aufwändige Sanierung des Schlosses Cecilienhof / Komplizierte Arbeiten am Fachwerk Ein Ächzen im Gebälk

Besucher, die nicht so genau hinschauen, sehen tatsächlich bloß eine schicke Fassade im Tudorstil mit Erkern, Vordächern und einem Hoteleingang. Und wer sich – wie die täglich bis zu 1000 Touristen aus aller Welt – für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert, wandelt in der benachbarten Gedenkstätte auf purpurnen Teppichen, vorbei an weißen Wänden und hochmodernen Schautafeln.

POTSDAM. nicht so genau hinschauen, sehen tatsächlich bloß eine schicke Fassade im Tudorstil mit Erkern, Vordächern und einem Hoteleingang. Und wer sich – wie die täglich bis zu 1000 Touristen aus aller Welt – für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert, wandelt in der benachbarten Gedenkstätte auf purpurnen Teppichen, vorbei an weißen Wänden und hochmodernen Schautafeln. Alle staunen dann über die schiere Größe und die Noblesse des Konferenzsaales der Siegermächte, in dem einst Josef Stalin, Harry S. Truman, Winston Churchill und später Clement Attlee nach dem Krieg um die Neuordnung Europas rangen. Zuvor war dies die Wohnhalle des Kronprinzenpaares Wilhelm und Cecilie von Preußen gewesen.

Alles in Ordnung im jüngsten Schloss Potsdams sollte man auf den ersten Blick meinen. Doch Olaf Saphörster, leitender Architekt für die Sanierungsmaßnahmen im Rahmen des Masterplans, kann über solch’ Naivität nur lächeln. Eine Führung allein zu den eklatantesten Bruchstellen des 1917 fertig gestellten Riesenhauses mit seinen fünf Innenhöfen und den rund 450 Räumen enthüllt auch dem unkundigen Laien: Cecilienhof braucht eine Generalüberholung. Nicht weniger als 8 874 000 Euro werden die auf drei Jahre angesetzten Baumaßnahmen verschlingen. Saphörster nennt das Schloss deshalb eines der Flaggschiffe des Masterplans.

Im Wesentlichen drei Dinge werden die Handwerker und Restauratoren in Angriff nehmen: die Hülle, das komplette Dach und schließlich vier Innenräume, die neu für eine künftige Ausstellung gewonnen werden sollen.

„Hier sehen Sie“, sagt Saphörster bei einem Rundgang ums Haus und stößt mit bloßem Finger in eine Fuge unterhalb eines Fensters. Widerstandslos bröselt Sand aus dem Spalt – eigentlich sollte dieser Kalkmörtel die Steine zusammenhalten. Gleich um die Ecke, über dem Mecklenburgischen Eingang an der Ostseite wölbt sich das dunkle Fachwerk über der Tür aus dem Rahmen. Und hinter der nächsten Ecke entdeckt man an der Gartenmauer, direkt gegenüber vom Jungfernsee, ein kleines Fiasko. 2011 haben starke Regenfälle die Fugen dermaßen durchspült, dass ein gut drei Quadratmeter großes Stück Mauer einfach herunterpurzelte. Notdürftig stützt man die Mauer jetzt mit Gebälk und Draht.

Die Sanierung der Außenhülle des verwinkelten Schlosses wird einen Gutteil der Gesamtkosten ausmachen. Ein anderer Batzen geht für das Dach drauf. „Das sind Originalziegel des Hauses“, sagt Saphörster und packt zwei tönerne Platten aus. Sie heißen zwar Biberschwänze, ihnen fehlt aber die charakteristische Rundung. Es sind Rechtecke von besonderem Format, verschönert mit fünf Fugen durch einen Nachstrich mit bloßer Hand. Woher die der englischen Baukunst nachempfundenen Ziegel stammen, weiß keiner. „Wir werden das Dach komplett abdecken, die Dachlatten austauschen, die Ziegel reinigen und wieder einsetzen.“ Da man mit einem Verlust von 30 Prozent Ziegel rechnet, verhandelt die Schlösserstiftung derzeit mit Ziegelindustrie und Handwerksbetrieben.

Schon früher wurden schadhafte Stellen des Daches repariert. Man behalf sich damit, Originalziegel aus weniger wichtig erscheinenden Bereichen herauszunehmen und mit ihnen die auffälligeren Stellen auszuputzen. Gut zu erkennen ist dieser „Diebstahl“ rund um den Wirtschaftshof, heute ein Café. Ganze Partien sind viel heller. Die als Ersatz montierten Ziegel haben eine Rundform. Nach der Sanierung werden solche Flächen verschwunden sein. Zum ersten Mal wird sich Cecilienhof wieder im ursprünglichen Stil bedeckt halten. 6300 Quadratmeter zählt die Gesamtfläche. Dafür sind 330 000 einzelne Ziegel im englischen Schnitt nötig. Die Dachsanierung allein schlägt mit 2,2 Millionen Euro zu Buche. Kompliziert wird auch die Sanierung des Fachwerks und der Putzgefache. Einen Eindruck liefert die Musterreparatur an der Nordseite. Manche Balken des Fachwerks wurden komplett ausgetauscht, einige hat man lediglich auf der Rückseite verstärkt. Der Putz wurde erneuert. Nun strahlt er wieder in kräftigem Ocker. Diese Arbeiten werden um das ganze Schloss herum fortgeführt.

Im Prinzenhof schließlich werden rund 20 kunstvoll beschnitte Eiben in die Parkgärtnerei umgesetzt. Erst dann kann die ganze Gartenmauer nebst Bruchstelle saniert werden. Später sollen die Gehölze an den alten Platz zurück. Auch das ist recht aufwändig. Wie eine Kleinigkeit nimmt sich dagegen die Installation im Inneren aus: Hotel und Gedenkstätte bekommen endlich eine getrennte Heizanlage. Künftig soll wirtschaftlicher geheizt werden.

Wie eine Ironie der Sanierungsgeschichte wirkt, dass ausgerechnet der kleine Einsatz von 160 000 Euro für die Renovierung eines Gästeappartements wohl am deutlichsten ins Auge springen wird. Die Stiftung richtet ein Schlaf- und ein Wohnzimmer sowie ein Bad und eine Dienerkammer wieder her und möbliert sie nach erst jüngst entdeckten Originalzeichnungen des Innenarchitekten Paul Ludwig Troost für den Rundgang. Besucher können dann sehen, wie etwa Königin Alexandrine von Dänemark wohnte, wenn sie bei ihrer Schwester Cecilie in Potsdam zu Besuch weilte.

Vielleicht sieht das dann aus wie schon jetzt das Bad des Kronprinzen. Die aquamarinblauen Fliesen (1995 zuletzt saniert) leuchten wie frisch verlegt, das anthrazitfarbene Marmorbecken in einer Nische lädt zum Einsteigen ein. Wilhelm hatte sich nicht lumpen lassen, als er sich das Schloss von Paul Schultze-Naumburg ab 1913 in seinem geliebten englischen Landhausstil nebst modernster Innenausstattung bauen ließ. Diese Anmutung soll das komplette Hohenzollernschloss 2017 – genau 100 Jahre nach seiner Eröffnung – auch wieder vermitteln. (Von Rüdiger Braun)

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