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Ein Flüchtling stürzt sich in die Arbeit

Erstaufnahmelager Potsdam Ein Flüchtling stürzt sich in die Arbeit

In seiner Heimat Aleppo leitete Ali Karakshe ein Modegeschäft. In Potsdam organisiert der syrische Flüchtling seit einer Woche die Kleiderspenden, stellt Regeln auf und kümmert sich um eine gerechte Verteilung. Vor allem aber stürzt er sich in die Arbeit, um das Erlebte zu vergessen.

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In Potsdam kümmert sich der studierte Manager Ali Karakshe jetzt um die Kleiderspenden.

Quelle: Peter Degener

Potsdam. Kaum mehr als fünf Stunden pro Nacht schläft Ali Karakshe derzeit in seiner Unterkunft in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee. In seiner Heimat hatte der 24-jährige Syrer Wirtschaft studiert und ein Modegeschäft in Aleppo geleitet. „Mein Vater besaß dort eine Textilfabrik“, sagt der junge Mann, der immerzu lächelt und ständig von Helfern und Flüchtlingen angesprochen wird. Denn seit seiner Ankunft vor wenigen Tagen kümmert sich der 24-jährige Syrer um die Kleiderspenden. Er ist jetzt wieder Manager und organisiert das Spendenlager in einer Garage auf dem Areal.

Seine Heimatstadt Aleppo ist seit 2012 umkämpft

„Er hat alles strukturiert, Regeln aufgestellt und sorgt für die gerechte Verteilung unter den Geflüchteten“, sagt Peggy Piel, die als Helferin in der neuen Außenstelle des Erstaufnahmelagers für die Spenden zuständig ist. „Er vermittelt zwischen uns, übersetzt und arbeitet ohne Pause“, sagt sie. „Ich vergesse meine Trauer, wenn ich arbeite, ich will mich nicht erinnern“, sagt er selbst.

Vor einem halben Jahr brach der Kontakt zur Familie ab

Ali Karakshes Heimatstadt Aleppo ist seit 2012 schwer umkämpft und heute zu großen Teilen zerstört. Wie viele Bewohner verließ auch Karakshe die Stadt und ging in ein Flüchtlingscamp an die türkische Grenze. Anschließend zog er illegal nach Istanbul weiter, arbeitete schwarz und hoffte darauf, seine Eltern und Geschwister wiederzusehen. Vor einem halben Jahr verlor er den Kontakt zu seiner Familie. „Ich habe später das zerstörte Elternhaus meiner Eltern in den Nachrichten gesehen“, sagt er. Danach hatte er nur ein Ziel – Geld für die Reise nach Deutschland zu verdienen. Er habe nun nichts mehr, wofür er in seine Heimat zurückkehren würde, gibt er zu.

In den Nachrichten hat er das zerstörte Haus seiner Familie gesehen

Am 5. September machte er sich mit anderen Syrern aus Istanbul auf den Weg in die Europäische Union. Etwa 1200 Euro hat er Schleusern für die nur etwa zehn Kilometer lange Überfahrt auf die griechische Insel Lesbos gezahlt. „Wir waren etwa 45 Menschen in dem Schlauchboot und wurden von der türkischen Küstenwache angegriffen. Sie wollten uns fünf Mal abdrängen“ erzählt er. Das GPS seines Smartphones zeigte jedoch an, dass sie bereits über die Grenze hinaus waren, „dann haben sie uns in Ruhe gelassen und sind abgedreht.“

Ali Karakshe (r) auf dem Schleuserboot in Richtung Griechenland

Ali Karakshe (r.) auf dem Schleuserboot in Richtung Griechenland

Quelle: Privat

Nach der Ankunft wurde er in Griechenland registriert und setzte seine elftägige Reise fort, die vor einer Woche in Potsdam endete. Die Flüchtlingsgruppe von Karakshe nahm eine Fähre ans Festland und durchquerte zu Fuß, mit Bussen und Zügen Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich, bevor er in Deutschland ankam. Bis auf einen Ausweis, etwas Geld und die Kleidung an seinem Körper hatte er nichts mehr. Jetzt wohnt er mit sieben Syrern, die er schon aus Istanbul kennt, auf einem Zimmer in der Unterkunft.

Zurückkehren will der Syrer nicht, sondern hier studieren

Wenn er nicht schläft, arbeitet er im Kleiderlager, in der Küche oder als Übersetzer. Nur einen Tag hat er sich bisher freigenommen, um nach Berlin zu fahren: „Ich will dort an der Universität einen Master-Abschluss erwerben.“

Von Peter Degener

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