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Ein Junge wie Nick

MAZ-Weihnachtsaktion Ein Junge wie Nick

Nick war zwölf, als er ins Kinderheim Am Stern kam. Heute ist er siebzehn und wohnt immer noch dort. „Ein Mensch kann nicht so viel ertragen, wie das Schicksal ihm zumuten will“, sagt Nick. Aber auch, dass er abgeschlossen hat mit den schwarzen Erinnerungen. Er wolle ein fröhliches Leben führen – und ist mit einem Kopf voller Ideen auf dem besten Weg dahin.

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Nick (17) lebt seit fünf Jahren im Kinderheim am Stern.

Quelle: Friedrich Bungert

Am Stern. Erinnerungen sind wie Monster. Wenn er nicht Acht gibt, reißen sie sich nachts los. „Dann liegst du hier, der Wecker tickt, es wird eins, es wird zwei – dein Gehirn rattert und du kommst nicht zur Ruhe“, sagt Nick. „Ein Mensch kann nicht so viel ertragen, wie das Schicksal ihm zumuten will. Du musst bestimmte Dinge abschließen. Die Erinnerung macht dich sonst nur fertig.“

Nick war zwölf, als er das erste Mal abschließen musste. Nur wenigen hat der heute 17-Jährige anvertraut, was er als Kind erlebt hat und was mit dem Tod der Mutter ein katastrophales Ende fand. Das Entsetzen darüber, die fassungslosen Gesichter, das Mitleid, die gut gemeinten Ratschläge – Nick möchte das alles nicht mehr. „Ich muss ja weiterleben“, sagt er. „Auch wenn ein großer Teil von dir mitgestorben ist, gibt es dich ja noch – und du willst auch ein fröhliches Leben führen. Sonst bist du krass verloren.“

Als einer der Ältesten hat Nick ein Zimmer für sich

Wenn er in seinem Zimmer am Klavier sitzt – er hat sich das Spielen selbst beigebracht –, ist manchmal noch zu hören, wie sehr Nick mit dem ringt, was er hinter sich gelassen hat. Seit fünf Jahren lebt er nun schon im Kinderheim Am Stern, für das die MAZ bei ihrer diesjährigen Weihnachtsaktion Spenden sammelt. Als einer der Ältesten hat er ein Zimmer für sich: Auf dem Schreibtisch liegen Laptop und Kopfhörer, vor dem hohen Kleiderschrank zwei Koffer. Der eine ist für die Wochenenden bei den Großeltern in der Lausitz. Den anderen hatte er sich für die Klassenfahrt zum Abschluss der Montessorischule geborgt. „Irland“, sagt Nick. „Der Wahnsinn!“ Im Regal neben dem Bett stehen Mangas und ein Foto-Kalender, den die kleine Schwester gebastelt hat. Ein Mädchen mit kupferfarbenem Haar, Grübchen und Sommersprossen: am Strand, im Zoo, zu Halloween verkleidet. Nick lächelt, wenn er die Monatsblätter durchgeht. „Sie ist adoptiert worden“, sagt er. „Wir sehen uns eher selten.“ Der Kalender zeigt das Jahr 2015.

Er selbst versucht, alle Menschen gleich zu behandeln

Ins Heim kamen die Geschwister noch gemeinsam. „Ich hab das Haus gesehen und dachte: Verdammt, das sieht ja aus wie mein alter Kindergarten!“, erzählt Nick. „Dann hab ich mir gesagt: Guck, wie’s wird. Was kommt, das kommt.“ Was kam, das waren neue Leute, eine neue Schule, eine neue Stadt und ein Vater, den er kaum kannte. „Das war ein hartes Jahr“, sagt Nick. „Es war schwer, Anschluss zu finden.“ Weil er ein Heimkind ist? „Nein, weil Potsdam ganz anders ist als Berlin! In der Schule hatte niemand ein Problem damit, dass ich im Heim wohne. Wir sind doch alle Menschen – egal, woher wir kommen.“ Er selbst versuche, alle gleich zu behandeln. „Du kannst nicht einfach zu dem einen besser sein als zu dem anderen – das wäre unfair. Wer andere diskriminiert, wird am Ende selbst ausgeschlossen.“

Nick an seinem Digitalpiano

Nick an seinem Digitalpiano. Er hat sich das Klavierspielen selbst beigebracht.

Quelle: Friedrich Bungert

Toleranz ist für Nick wichtig. Und Kreativität. Er hat nicht nur die Musik für sich entdeckt, sondern auch das Zeichnen. „Das kam in der 9./10. Klasse auf mich zu wie eine Wand“, sagt er. „Da hab ich mich darauf fokussiert, was ich wirklich will.“ Auf der Medienschule Babelsberg besucht er nun den Bildungsgang Gestaltungstechnischer Assistent. Die Ausbildung dauert zwei Jahre, Nick möchte ein weiteres dranhängen und Fachabitur machen. Sein großer Traum ist es, an der Filmuni Animation zu studieren.

Zuvor wird Nick aber erst einmal aus dem Heim ausziehen. Bleiben könnte er, bis er 21 ist. „Es gibt Leute, die wollen am liebsten schon mit 16 hier raus“, sagt Nick. „So geht es mir nicht. Ich fühle mich hier wohl. Ich habe hier alles, was ich brauche: Ich habe mein Zimmer und meine Privatsphäre und wenn es mir mal schlecht geht, habe ich hier jemanden, zu dem ich gehen kann. Ich habe es hier warm, ich habe zu essen, ich kann duschen. Ich habe hier ein sicheres Dasein.“ Aber klar, der Tag wird kommen. „Ich habe Schiss davor, zu gehen. Davor, allein zu sein, mich um alles selbst kümmern zu müssen“, sagt Nick. „Ich habe sogar sehr viel Schiss vorm Ausziehen.“

MAZ-Adventsaktion: Die ersten Spenden sind da

Die MAZ bittet um Spenden für das Projekt „Heimatstern“, den Neubau des DRK-Kinderheims Am Stern. Wir möchten den Kindern und Jugendlichen eine Wohnwand mit gepolsterten Höhlen stiften – ein Platz zum Chillen, Lesen, Musikhören, Quatschen.

Gespendet haben bereits: Joerg und Angelika Sommer 50 Euro, Thomas Baecker 30 Euro, Dr. Stephan Gutschow 30 Euro, Tobias Michaelis 5 Euro,

Lisa Neumann 10 Euro, Goeran und Franziska Graeffe 100 Euro und Martin Kreische 50 Euro. Herzlichen Dank!

Das Spendenkonto:

Deutsches Rotes Kreuz

Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: DE46 1002 0500 0003 3597 00

BIC: BFS WDE 33 BER

Verwendungszweck: MAZ-Heimatstern

Haben Sie Anregungen zur MAZ-Weihnachtsaktion oder eine Geschichte zum Thema Kinderheim? Kontaktieren Sie uns: 0331/2 84 02 80 und potsdam-stadt@ MAZ-online.de

Von Nadine Fabian

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