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„Ein Karfreitag für die ganze Stadt“

Nikolaikantor Bjrön O. Wiede zur „Nacht von Potsdam“ „Ein Karfreitag für die ganze Stadt“

Am 14. April 1945 wurden große Teile Potsdams bei einem Bombenangriff der Alliierten zerstört, mehr als 1500 Menschen kamen ums Leben. Im MAZ-Interview sagt Nikolaikantor Björn O. Wiede, warum Gedenken so wichtig ist und warum sich die Dresden damit leichter tut als Potsdam.

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Von Bomben der Alliierten getroffen: das zerstörte Potsdamer Stadtschloss.

Quelle: Foto: Potsdam- Museum

Potsdam.   Mit mehreren Veranstaltungen wird heute in Potsdam der Bombardierung der Stadt vor 71 Jahren gedacht. Nikolaikantor Björn O. Wiede (54) engagiert sich mit Musik für die Aufarbeitung der „Nacht von Potsdam“.

Bei der Gedenkveranstaltung heute Abend in der Nikolaikirche wird „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms gespielt. Warum haben Sie das Werk ausgewählt?

Björn O. Wiede: Das Brahmsrequiem ist etwas Besonders. Es war der erste Requiemtext, der nicht in Latein verfasst wurde. Neben der Größe der Musik bietet das Requiem eine Projektionsfläche für alle – die Menschen können in ihren Gedanken über den Tod und darüber, was er für unser Leben bedeutet, zusammenfinden.

Zum 70. Jahrestag der Bombennacht von Potsdam im Vorjahr wurde Ihr eigens komponiertes „Potsdam Requiem“ uraufgeführt. Wie kamen Sie darauf, ein eigenes Requiem zu dem Thema zu komponieren?

Wiede: Ich muss vorweg schicken, dass mir das Thema Gedenken an die Zerstörung sehr am Herzen liegt. Ich stamme aus Dresden, habe in Hamburg und Ulm gelebt und seit 1995 bin ich in Potsdam. Alles Städte, die im Zweiten Weltkrieg extrem zerstört wurden. Wir müssen uns daran erinnern, was geschehen ist und weshalb und wie weit das unser Leben und auch unsere aktuellen städtebaulichen Prozesse beeinflusst. Um an den anderen 364 Tagen gut leben zu können, müssen wir auch den 14. April im Herzen tragen.

Und das wollen Sie in Ihrem Requiem zum Ausdruck bringen?

Wiede: Ja, genau. Mein Requiem ist eine Collage aus biblischen Texten, Zeitzeugenberichten und dichterischem Wort. Sprechgesang und Sprechtexte ergeben einen Klangteppich, dann folgen wieder reine Instrumentalstücke.

Wann kann man es wieder hören?

Wiede: Im kommenden Jahr, wenn der Jahrestag auf den Karfreitag fällt, soll es wieder aufgeführt werden.

War Ihre Familie selbst von Bombardierung betroffen?

Wiede: Ja, mein Vater in Dresden ist ausgebombt worden, aber ich halte das Gedenken auch ohne diesen persönlichen Bezug für essenziell. In Dresden – und das ist der Unterschied zu Potsdam – gehört die Zerstörung der Stadt 1945 zum Heimatverständnis für alle Schichten, für Junge und Alte.

Und das erleben Sie in Potsdam nicht?

Wiede: Nein, das ist hier anders. In Potsdam gibt es eine starke Trennung zwischen politischer und gesellschaftlicher Debatte. Natürlich gibt es auch in Potsdam Gedenken und Erinnerung, aber in Dresden ist der Jahrestag der Bombardierung ein Karfreitag für die ganze Stadt. Und dann wurde zu DDR-Zeiten ja auch vermittelt: Das böse Preußentum wurde hier bombardiert und zerstört.

Begrüßen Sie es, dass der Alte Markt nun wiederbelebt wird?

Wiede: Ja, ganz klar. Wichtig ist, dass der Alte Markt wieder eine Form bekommt. Man muss dabei aber auch im Hinterkopf haben, dass in Potsdam vor nicht allzu langer Zeit absichtlich radiert wurde, was noch vorhanden war. Eine Disneyisierung Potsdams sehe ich aber nicht. In den neuen Restaurants am Alten Markt sitzen auch Menschen aus den Plattenbaugebieten und freuen sich darüber, dass es dort wieder Leben gibt. Die Belebung der historischen, einst zerstörten Mitte hat einen Wert für alle Potsdamer. Potsdam muss vielmehr aufpassen, dass es sich nicht billig verkauft. An vielen Stellen hat man diesen Eindruck.

Zum Beispiel?

Wiede: Die Bauten am Kreisverkehr in der Babelsberger Straße oder das Bahnhofs-Shopping-Ungetüm sind solche Beispiele.

Geht es heutzutage, wenn man von der Bombardierung spricht, vielleicht nicht zu viel um Gebäude und weniger um die Opfer?

Wiede: Erstens: Steine sind unschuldig. Davon abgesehen nein, ich finde nicht, dass zu wenig an die Opfer gedacht wird. Bei unserer Veranstaltung heute stehen die Opfer im Mittelpunkt. Sicher werden auch einige Zeitzeugen anwesend sein. Ich habe Menschen gesprochen, die 1945 als Kinder in Potsdam lebten. Für sie ist das Gedenken sehr wichtig. Sie sagen mir, dass nun im öffentlichen Raum das Prägende und Traumatisierende ihrer Kindheit einen Ausdruck findet. Nach 1945 war keine Zeit, sich damit zu beschäftigen und danach hatten Bombenopfer politisch kein starkes Feld. Die Opferrolle war über Jahrzehnte tabu.

Und wissen die Jungen um das, was 1945 geschah?

Wiede: Die Kinder und Jugendlichen, die ich im Chor erlebe, sicherlich. Ich habe aber meine Zweifel, ob die Wissensvermittlung in der Schule über das Thema überall so gut ist.

Glauben Sie, dass viele Potsdamer Flüchtlingen so offen und hilfsbereit begegnen, weil die Stadt selbst vom Krieg schwer getroffen war?

Wiede: Das mag eine Rolle spielen, aber wirklich beantworten kann ich das nicht.

Interview: Marion Kaufmann

 

Von Marion Kaufmann

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Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

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