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Potsdam Ein Königreich für einen Kitaplatz
Lokales Potsdam Ein Königreich für einen Kitaplatz
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11:31 31.05.2018
Dominik (30) und Ivonne Kurzynski (28) mit Linus und Oskar, die am 1. Februar 2018 geboren wurden, sowie Bulldogge Piwo – für den Hund fanden sie schnell eine Tagesbetreuung. Quelle: Foto: Peter Degener
Golm

Dominik und Ivonne Kurzynski hatten doppeltes Glück und haben dadurch nun doppelte Not. Am 1. Februar wurden die beiden Eltern von Zwillingen. Linus und Oskar heißen die zwei Jungs mit denen sie nun ein kleines Haus in der Golmer Feldmark bewohnen. Die Kinder sind kerngesund, auch Mutter Ivonne (28) hat die Geburt überstanden.

Die Familie rechnet erst im September 201 mit eine Krippenplatz

Papa Dominik (30) hatte direkt nach der Geburt zwei Monate Urlaub genommen. Elternzeit will er nächstes Jahr in Anspruch nehmen, denn die Kurzynskis fürchten, dass sie mindestens sieben Monate überbrücken müssen, bis ihre Zwillinge einen Krippenplatz bekommen werden. „Eigentlich würden wir sie gerne nach dem ersten Geburtstag im Februar in die Krippe geben, aber man hat uns bewusst gemacht, dass es frühestens mit dem Schuljahresbeginn im September 2019 etwas werden wird“, sagt der Papa.

Überall wurde ihnen wenig Hoffnung auf einen Platz gemacht

Dabei waren die Kurzynskis, die beide im öffentlichen Dienst in Berlin und Potsdam arbeiten, nicht untätig. Langfristig haben sie sich um die Versorgung kümmern wollen. Schon während der Schwangerschaft besuchten sie Kitas in der Umgebung, gingen zum Kita-Tipp der Stadtverwaltung und baten um persönliche Beratung. Das Ergebnis ihrer Bemühungen kennen auch viele andere Eltern von Babys und Kleinkindern in Potsdam. Man machte ihnen angesichts des herrschenden Platzmangels überall geringe Hoffnungen.

„In einer Kita ging die interne Warteliste über das Jahr 2019 hinaus. In einer anderen gab es auf sieben Plätze 70 Bewerber“, schildert Dominik Kurzynski die Erfahrungen. Eine Tagesmutter habe ihm gesagt: „Wenn ich ihre Zwillinge nehme, helfe ich ja nur einer Familie.“

„Wir sind überrascht, wie schlecht es hier läuft“

Das Ehepaar stellt klar, dass es weder die Kita-Träger noch die Mitarbeiter beim Kita-Tipp im Rathaus in der Verantwortung sieht. „Wir wissen, wie Verwaltung laufen kann, erleben es in unseren Jobs sehr modern und sind überrascht, wie schlecht es hier läuft. Das ist ein Systemversagen“, klagt Dominik Kurzynski. „Irgendwie kriegen wir schon alle Kinder unter“, so fasst er die Mentalität bei der Versorgung mit Betreuungsplätzen zusammen.

15 weitere Schulen werden in Potsdam benötigt

Überall in Potsdam sind in den vergangenen Jahren neue Kitas errichtet worden, bestehende Einrichtungen mit Umbauten und Ausnahmegenehmigungen erweitert worden, doch die Stadt kommt dem Boom und der hohen Geburtenrate nicht hinterher. Auf die Kitas folgt der Mangel an Grundschulplätzen. Die Stadt rechnet schon heute mit mindestens neun zusätzlichen Grundschulen. Allein zwei sollen in Krampnitz errichtet werden. Außerdem werden stadtweit fünf weiterführende Schulen und eine Förderschule geplant.

Basis der Prognose ist die Ein-Prozent-Regel

Die Zahl der zusätzlichen Standorte ergibt sich aus der Bevölkerungsprognose und folgt der Ein-Prozent-Regel. Die besagt, dass von hundert zusätzlichen Einwohnern jeweils einer für jede Kita- und Schulstufe kalkuliert werden muss. Das sind bei 45 000 zusätzlichen Einwohnern allein 450 Kinder, die dann zusätzlich jedes Jahr in Potsdam eingeschult werden oder zusätzlich 5850 Schulplätze von der 1. bis zur 13. Klasse.

Im Kita-Bereich ergibt die gleiche Regel 2250 Betreuungsplätze, die noch zusätzlich zu den vorhandenen gut 10 000 Krippen- und Kitaplätzen hinzukommen müssen. Ob dies ausreicht will die Verwaltung mit den bisherigen Erfahrungen im Bornstedter Feld und anderen Stadtteilen abgleichen.

Aubel will Mehrfachnutzungen von Schulstandorten

„Wie ermöglichen wir in gemeinsamer Verantwortung die dafür notwendige Standorte?“, fragt Noosha Aubel (parteilos) und meint damit die verschiedenen Interessen innerhalb der Verwaltung für zur Verfügung stehende Flächen. Jede Fläche kann nur einmal bebaut werden, weshalb die Bildungsbeigeordnete für Mehrfachnutzungen plädiert. „Wir müssen gleichzeitig über Jugendzentren nachdenken, wenn wir eine Schule errichten und sehen, ob dort auch eine Kita untergebracht werden kann, um Flächen optimal zu nutzen“, sagt Aubel.

Planungsbüro soll Verfahren beschleunigen

Unter ihrer Federführung wird derzeit das Konzept für ein integriertes Planungsbüro für Kita- und Schulbauten erarbeitet, mit dem die Verwaltung dem Problem Herr werden will. In dem Büro sollen alle Geschäftsbereiche der Verwaltung vertreten sein und sich frühzeitig koordinieren. Damit sollen die Verfahren beschleunigt werden. Und es soll nachhaltig gedacht werden. Neben Mehrfachnutzungen soll schon vor Baubeginn auch eine Nachnutzung in Betracht gezogen werden.

Zwischenlösungen bleiben trotzdem unvermeidbar

„Wir können nicht nur auf die aktuelle Entwicklung schauen. Wir haben Verantwortung dafür zu sorgen, dass sich die Gebäude langfristig auch anders nutzen lassen, wenn die Schülerzahlen wieder zurückgehen sollten, etwa als Bürgerzentren und Begegnungsstätten“, sagt Aubel. Die Ausschreibungen für die Besetzung des Planungsbüros sollen in den nächsten Tagen erfolgen. „Ich möchte im Herbst starten können“, sagt Aubel.

Wenn das Konzept funktioniert, werden die Ergebnisse allerdings erst langfristig sichtbar. Fünf bis sieben Jahre dauert es bislang von der Planung bis zur Eröffnung einer Schule. An Zwischenlösungen mit Containern führe deshalb weiter kein Weg vorbei.

Dominik (30) und Ivonne Kurzynski (28) mit Oskar (bei Mama) und Linus (bei Papa), die am 1. Februar 2018 geboren wurden, sowie Bulldogge Piwo. Quelle: Peter Degener

Kurzynskis wollen notfalls ihren Krippenplatz einklagen

Der Tatendrang der Verwaltung kommt für Linus und Oskar vermutlich zu spät. Die Eltern sind ratlos, wie sie ihre Zwillinge betreuen sollen, wenn Urlaub und Elternzeit aufgebraucht sind. Notfalls wollen sie ihren Rechtsanspruch auf einen Platz einklagen. Die „kreativen Lösungen“, die ihnen angeraten werden, etwa in dem Familie und Großeltern einspringen, funktionieren bei ihnen nicht.

„Kreative“ Betreuungslösungen fallen Zugezogenen schwer

„Ich stamme aus Mecklenburg-Vorpommern, mein Mann aus Leverkusen. Wir haben unsere Eltern nicht hier“, sagt Ivonne Kurzynski. „Aber als Zugezogene ohne Familiennetzwerk sind wir ja auch keine Exoten in Potsdam. Vielen anderen geht es doch genauso.“ Zugleich geben sie zu: „Als Doppelverdiener und als Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst können wir einiges entspannter sehen als Alleinerziehende oder Selbstständige. Das sind die brisanten Fälle wo auch schnell das Geld fehlt.“

Von Peter Degener

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