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Ein Kopfschuss und viele Indizien

Prozessauftakt in Potsdam Ein Kopfschuss und viele Indizien

Er sagt, sie waren dicke Freunde. Doch im Juni 2009 kehrt Hans-Dieter V. ohne seinen Kompagnon von einer Geschäftsreise zurück. Laut Anklage soll er den Glindower Joachim L. in Tschechien aus Habgier erschossen und die Leiche in einem Waldstück versteckt haben. Beim Prozessauftakt am Landgericht Potsdam bestreitet der Angeklagte alle Vorwürfe.

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Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Vor dem Landgericht Potsdam hat am Donnerstag ein Mordprozess gegen den Geschäftsmann Hans-Dieter V. begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 60-jährigen Potsdamer vor, seinen aus Glindow stammenden Kompagnon zunächst um mehrere Hunderttausend Euro betrogen und schließlich aus Habgier mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet zu haben. Die Tat soll sich bereits im Juni 2009 auf einer Geschäftsreise in Tschechien ereignet haben. Wird Hans-Dieter V. des Mordes schuldig gesprochen, muss er lebenslang ins Gefängnis. Mit einem Urteil ist Ende Juli zu rechnen. Die Tochter des Getöteten tritt im Prozess als Nebenklägerin auf.

Über seinen Verteidiger ließ der Angeklagte verlauten, dass er die ihm vorgeworfenen Taten nicht begangen habe. „Es handelt sich um einen reinen Indizienprozess“, betont Hagen Wegewitz. „Es gibt kein Projektil, keine Waffe, kein Blut. Es gibt schlichtweg nichts, was meinen Mandanten mit der Tat in Verbindung bringt – außer der Tatsache, dass er und das Opfer Geschäftspartner waren.“

Eine Leiche – die gibt es aber. Joachim L. war 55 Jahre alt, als er am 10. Juni 2009 starb. Sein lebloser Körper wurde eine Woche später in einem Waldstück zwischen Ostrava und Suchá Rudná gefunden. Bis aber die in Deutschland erstattete Vermisstenmeldung und der namenlose Tote aus dem tschechischen Wald miteinander in Verbindung gebracht wurden, dauerte es ein Jahr. Nach komplizierten Ermittlungen brachte Staatsanwalt Jörg Möbius den Fall Ende 2014 schließlich zur Anklage. Der Wechsel des Vorsitzenden der ersten Großen Strafkammer und der vom Gericht abgelehnte Haftantrag setzten dem Prozess allerdings weiter zu, so dass erst jetzt, acht Jahre nach dem tödlichen Schuss aus dem Hinterhalt, geklärt werden kann, ob Hans-Dieter V. ein Mörder ist – oder unschuldig.

Anklage auf tönernen Füßen

Kein Projektil, keine Waffe, kein Blut – Staatsanwalt Jörg Möbius weiß nur zu gut, dass seine Anklage auf tönernen Füßen steht, ist aber überzeugt davon, ausreichend belastende Indizien zusammengetragen zu haben. Er stützt seine Anklage unter anderem auf V.s zum Tatzeitpunkt prekäre finanzielle Lage und die Tatsache, dass L. damals ein respektables Erbe erhalten hatte. Er verweist auf V.s Vorstrafenregister und auf die Tatsache, dass er Mitglied im Glindower Schützenverein war, Waffen besaß und damit auch umgehen konnte. Höchst verdächtig sei auch V.s Verhalten nach der Tat, so Möbius. So habe V. nur eine Woche nach dem Verschwinden des Geschäftspartners sämtliche Konten der gemeinsamen Firma aufgelöst. Drei Wochen nach der Tat habe er den Kontakt aus dem Handy gelöscht. „Macht man das unter dicken Freunden so?“, fragt Möbius.

Freidreher, Bordellbesuche und Urlaub auf Kuba

Denn als Freundschaft beschreibt Hans-Dieter V. das Verhältnis zu Joachim L. „Achim war ein feiner Kerl“, sagt V. „Es gab kein Misstrauen zwischen uns, wir hatten keinen Streit.“ Ab und an hat’s aber doch gekracht. „Ich will nicht schlecht über ihn reden, aber Achim hat auch ein paar Freidreher gehabt“, sagt V. „Er hatte einen Bedarf an Frauen – das war schlimm.“ Der Kumpel habe Bordells besucht, habe wegen der Frauen acht Wochen Urlaub auf Kuba gemacht und wegen einer Liebschaft längere Zeit in Venezuela verbracht. Auch auf den gemeinsamen Geschäftsreisen, die sie oft durch Osteuropa führten, habe er kaum etwas anderes im Sinn gehabt als Frauen. Einmal sei der Freund vier Wochen in Kasachstan abgetaucht und nicht mal auf dem Handy zu erreichen gewesen. Auch am Tattag habe ihm L. eröffnet, mit jemandem angebandelt zu haben und vorerst nicht mit nach Hause zu kommen. „Ich habe ihn dann zum Busbahnhof gefahren, wo er mit der Frau verabredet war.“

Viel mehr berichtet Hans-Dieter V. über den Tattag nicht. Er gibt aber zweieinhalb Stunden lang bereitwillig Auskunft zu seiner Person, seinem Werdegang und seinen Geschäften, mit denen er sich bereits einige Vorstrafen eingehandelt hat. So hat der gelernte Maschinenbauer und heutige Hartz-4-Empfänger unter anderem wegen Betrugs eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verbüßt: In den 90ern hatte er mit seiner damaligen Frau einen Werkzeughandel betrieben und der Deutschen Bahn falsche Rechnungen gestellt. Die Ehe ist inzwischen geschieden. Zum Bruch sei es gekommen, als seine Frau ihn bezichtigte, die gemeinsamen Kinder sexuell belästigt zu haben.

Im Casino viel Geld verloren

Hans-Dieter V. ist ein umtriebiger Typ. Etliche Deals im In- und Ausland und diverse Firmengründungen ziehen sich durch die vergangenen drei Jahrzehnte, ebenso Kredite und immer wieder neue Konten. „Je erfolgreicher man war, desto höher waren die Ziele und Träume“, sagt V., der einräumt, von 2007 bis 2010 spielsüchtig gewesen zu sein. So habe der Werkzeughandel, den er mit seiner zweiten Frau gegründet hat, den Geschäftsbetrieb einstellen und Insolvenz anmelden müssen, weil er im Casino „viel Geld“ verloren habe. „Ich bin dem Automatenspiel verfallen.“ Wie viel er verzockt hat, könne er nicht sagen. Von einem Bekannten habe er sich zwischenzeitlich aber um die 100 000 Euro geliehen. Auch von Joachim L. soll er laut Anklage Darlehen erhalten haben – mehr als 300 000 Euro. Das bestreitet V.: „Von Achim habe ich kein Geld genommen. Von ihm habe ich kein Geld zum Spielen genutzt. Mir wird hier was angehängt.“

Insgesamt zehn Verhandlungstage sind angesetzt. Der Prozess wird am Dienstag, 20. Juni, fortgesetzt

Auf Mord steht immer lebenslang

Das Strafgesetzbuch unterscheidet zwischen, Mord, Totschlag und fährlässiger Tötung. Zu einem Mord gehören demnach die so genannten Mordmerkmale: Ein Mörder ist folglich, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen einen Menschen tötet, wer dabei heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln vorgeht oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken.

Die Strafe für Mord ist in Deutschland immer lebenslang. Der Freiheitsentzug beträgt dabei mindestens 15 Jahre und kann danach zur Bewährung ausgesetzt werden.

Wie bei jeder Straftat gibt es auch beim Mord Abstufungen in der Schwere. Auf die Strafe hat diese Differenzierung allerdings keinen Einfluss. Stellt das Gericht aber die besonderer Schwere der Schuld fest, ist die vorzeitige Entlassung aus der Haft erschwert. nf

Von Nadine Fabian

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