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Ein Ort mit magischer Anziehungskraft

MAZ zu Hause ... Am Stern Ein Ort mit magischer Anziehungskraft

Das in den 1970er Jahren errichtete Viertel Am Stern ist in jeder Hinsicht das größte der zehn DDR-Neubaugebiete in Potsdam. Mit André Kubiczeks Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ fand es jetzt auch Eingang in die Literatur. Ein zentraler Ort der Handlung ist die in den 1980er Jahren weit über das Wohngebiet hinaus beliebte Discothek im „Orion“.

 

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Zoom mit dem Teleobjektiv aus einem Hochhaus Am Stern auf einen Wohnblock der Pro Potsdam in der Newtonstraße; im Hintergrund der Brauhausberg mit dem „Kreml“.

Quelle: Foto: Gartenschläger

Potsdam/Am Stern. Zweimal die Woche bekam das „Orion“ im jungen Wohngebiet Am Stern in den 1980er Jahren eine magische Anziehungskraft. „Jeden Sonntag aber und jeden Mittwoch“, so erzählt es André Kubiczek in seinem gerade erschienenen Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“, „reisten die Mädchen und Jungs aus der gesamten Stadt mit Bussen und Straßenbahnen in unser Wohngebiet, um sich in jenem Saal zu treffen.“

Als Helga Hefti (77) mit ihrer Familie in die Galileistraße zog, war von der Kombination aus Schulkantine, Wohngebietsgaststätte und Discothek noch nichts zu sehen. Ringsum Bagger und Kräne. Das „Orion“, auf das sie später aus ihrem Küchenfenster blickte, „ist später gebaut worden. Damals war da Sand und Wüste“.

So begann die Geschichte des Stern

Der zwischen 1971 und 1979 errichtete Stern ist das fünfte von insgesamt zehn DDR-Neubaugebieten in Potsdam – und mit fast 8000 Wohnungen für mehr als 14 000 Menschen das größte. Weder am Kiewitt, noch in der Waldstadt II, am Schlaatz, im Zentrum Süd oder im Zentrum Ost gibt es mehr sechs-, elf- oder 15-geschossige Wohnhäuser als hier. Dabei fällt das Viertel an den Rändern lieblich ab: mit dem Musikerviertel im Norden, mit der Parforceheide im Osten, mit der Siedlung und dem Baggersee im Westen.

Aufnahme vom September 1985 mit Blick über die Ecke Neuendorfer-/Galileistraße zum „Orion“

Aufnahme vom September 1985 mit Blick über die Ecke Neuendorfer-/Galileistraße zum „Orion“.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Streng genommen beginnt die Geschichte des Stern, als Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) ein großes Revier nahe Berlin für die Treibjagd herrichten ließ. Sieben Kilometer vom Potsdamer Stadtschloss entfernt ließ er einen Platz mit sternförmig auseinander führenden, schnurgeraden Schneisen anlegen. Um das 1730 an diesem Punkt errichtete Jagdschloss Stern bemüht sich heute ein Förderverein; das Kastellanhaus gleich nebenan war bis Anfang der 1990er Jahre ein beliebtes Ausflugsrestaurant.

Schlagzeilen in der Nachwendezeit

Für Schlagzeilen sorgte in der Nachwendezeit das Industriegebiet auf der anderen Seite der Nutheschnellstraße. Die 1988 eröffnete Großbäckerei und der 1989 eröffnete Milchhof gingen an Schlüter und Schöller und machten dicht. Legendär ist die Zwischennutzung der leeren Brotfabrik Mitte der 1990er Jahre als Ersatzspielstätte des Babelsberger Lindenparks, der damals eine gründliche Schallschutzisolierung bekam.

Wie in den 1980er Jahren ins „Orion“, so strömte das Publikum von weit her nun zu Konzerten von Bands wie H-Blockx, Selig und Keimzeit, zu Auftritten der Brandenburgischen Philharmonie, zu Techno-Partys mit DJs wie Westbam und Marusha zwischen Rührmaschinen und nacktem Beton.

5000 Menschen fasste die Brotfabrik, so die damalige Chefin des Lindenparks, Monika Keilholz. Erst mit Eröffnung der Metropolishalle des Filmparks Babelsberg im Herbst 2008 sollte Potsdam wieder einen so großen Saal bekommen.

Eine zweite Stadtmitte am Rande der Stadt

Im Herbst 1996 eröffnete gleich nebenan das Stern-Center, mit heute 85 Shops und fast 25 000 Kunden täglich Potsdams größtes Einkaufszentrum, eine zweite Stadtmitte am Rande der Stadt. Die Brache der Brotfabrik galt lange als Baustelle für Potsdams künftiges Freizeitbad, später scheiterten Versuche, einen Hornbach-Baumarkt mit angeschlossener Fußball-Halle zu errichten. Im August 2008 schließlich eröffnete dort das Porta-Möbelhaus, das ebenso wie das Stern-Center zur Erfolgsgeschichte werden sollte.

Die zehn DDR-Neubaugebiete in Potsdam

In den 1960er Jahren entstanden die Waldstadt I (1960-1964) mit 2575 Wohnungen für rund 4300 Einwohner, das Zentrum Süd (1960-1965) mit rund 1000 Wohnungen und – von 1966 bis 1973 – Auf dem Kiewitt mit ebenfalls rund 1000 Wohnungen.

In den 1970er Jahren entstanden Potsdam-West (1971-1975) mit rund 1660 Wohnungen, Am Stern (1971-1979) mit rund 7800 Wohnungen, Zentrum Ost (1972-1975) mit rund 2800 Wohnungen.

Begonnen wurden in den 1970er Jahren die Neustädter Havelbucht/Wilhelm-Külz-Straße (1976-1983) mit rund 1500 Wohnungen und Waldstadt II (1977-1986) mit fast 9500 Wohnungen.

Aus den 1980er Jahren stammen außerdem der Schlaatz (1980-1987) mit rund 5500 Wohnungen und Drewitz (1986-1991) mit rund 3000 Wohnungen.

Die Dokumente, die Helga Hefti zum Stern sammelte, können Ordner füllen. Eine Fotografie von 1976 zeigt die Schulen auf der anderen Seite der Galileistraße im Bau. Daneben eine Zeitungsmeldung vom Oktober 1982: „Mit der Straßenbahn ins neue Viertel. 20 Minuten vom ,Stern’ bis zum Stadtzentrum Potsdams.“ Schließlich ein Bild aus der MAZ vom Juni 2004 mit der Unterzeile „Glücksmoment für Helga Hefti: Die Orion-Grundsteinlegung“.

Grundsteinlegung für das neue „Orion“ mit Hans-Jürgen Biet, Treuand-Liegenschaftsgesellschaft  (l), Helga Hefti und Oberbürgermeister Jann

Grundsteinlegung für das neue „Orion“ mit Hans-Jürgen Biet, Treuand-Liegenschaftsgesellschaft (l.), Helga Hefti und Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) im Juni 2004.

Quelle: Joachim Liebe

Das alte „Orion“ war kurz nach dem Mauerfall geschlossen worden. Der stetige Niedergang der ungenutzten Immobilie am Keplerplatz, dem zentralen Ort des Wohngebietes, war der eigentliche Anstoß für die Gründung der Bürgerinitiative Stern, die 1996 mit Hefti als Sprecherin im damaligen Musik-Café erstmals zusammenkam.

„Frau Hefti, die hat das damals mit ihrem Mann sehr konsequent betrieben“, sagt Kathrin Feldmann, die Stadtteilmanagerin für den Stern beim Sanierungsträger Stadtkontor. „Das war schon eine echte Bürgerinitiative, nicht nur eine, die gegen etwas ist, sondern eine die sagte: Wir wollen was für den Stadtteil.“

Millionen sind in den Stern geflossen

Im April 2005 eröffnete das neue „Orion“ – ohne Gastronomie, dafür mit einem Supermarkt. 300 Leute warteten vor der Tür.

8,2 Millionen Euro flossen seit 1999 allein über das Programm Soziale Stadt in den Stern. Zu den Vorzeigeprojekten zählt der Schulcampus mit dem Leibniz-Gymnasium, der Pappelhain-Grundschule und einer Filiale der städtischen Musikschule im aufwendig sanierten Gebäude der früheren Grundschule „Wilhelm Busch“.

Heute wäre diese Lösung nicht mehr denkbar, sagt Kathrin Feldmann. Bei sprunghaft wachsenden Schülerzahlen werden zusätzliche Klassenräume gebracht. Am Ort der Pierre-de-Coubertin-Oberschule mit ihren heute 740 Schülern soll deshalb bis 2018 ein zweiter Schulcampus mit dann 1160 Plätzen entstehen.

Anwohner sind zufrieden in ihrem Viertel

Die Investitionen im Viertel werden von den Bewohnern honoriert. 1995 bekundeten im Kerngebiet rings um den Keplerplatz weit mehr als die Hälfte in einer Fragebogenaktion der Stadt „Unzufriedenheit“ mit Wohnung und Wohnumfeld. 2014 gaben mehr als 80 Prozent bei einer Befragung des Stadtkontors zu Protokoll, dass sie am Stern „sehr zufrieden“ oder „eher zufrieden“ sind.

Ein Drittel der Befragten lebte bereits 30 Jahre und länger dort. Wie Helga Hefti, für die in dieser Woche ein Jubiläum ansteht: „Am 12. August wohne ich 40 Jahre hier.“

Zahlen & Fakten

16.179 Menschen lebten Ende 2014 mit Hauptwohnung Am Stern, weitere 481 Einwohner hatten hier zu der Zeit eine Nebenwohnung. Im eigentlichen Neubaugebiet Am Stern leben rund 13.500 Potsdamer.

Der Stadtteil hat eine Gesamtfläche von 5,1 Quadratkilometer. Das Kerngebiet mit dem zwischen 1971 und 1979 errichteten Neubauviertel umfasst eine Fläche von 114,3 Hektar.

Die durchschnittliche Wohndauer im Stadtteil lag 2014 bei 13,5 Jahren. Das Durchschnittsalter betrug 46,6 Jahre. Der Kinderanteil an der Gesamtbevölkerung lag bei 9,5 Prozent, der Anteil der Jugendlichen bei 4,0 Prozent.

62,7 Prozent der Bewohner zwischen 15 und 65 Jahren waren 2014 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, der Arbeitslosenanteil lag bei 6,9 Prozent. 11,9 Prozent der Einwohner bekamen Leistungen nach dem Hartz-IV-Gesetz.

Zur Oberbürgermeisterwahl 2010 unterlag Jann Jakobs (SPD) Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke) in der Stichwahl Am Stern mit 44 zu 56 Prozent.

Zur Kommunalwahl 2014 lag die Linke Am Stern mit 40,7 Prozent vor der SPD (21,3 Prozent), gefolgt von CDU/ANW (13,9 Prozent), AfD (7,3 Prozent) und Grünen (6,8 Prozent).

Von Volker Oelschläger

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