Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
Ein Potsdamer Bild im Museum Barberini

DDR-Kunstschau „Hinter der Maske“ Ein Potsdamer Bild im Museum Barberini

Das unter den Namen „Potsdamer Maler“ oder „Geburtstagsrunde“ bekannte Gruppenbild von Karl Raetsch (1939-2004) ist der einzige Potsdamer Beitrag in der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“, die am 29. Oktober eröffnet wird. Entstanden in den Jahren 1976 bis 1980, zeigt es den Freundes- und Kollegenkreis des Künstlers.

Voriger Artikel
Galgenfrist fürs Rechenzentrum
Nächster Artikel
Thalia organisiert Kinoprogrammpreis

Karl Raetsch: „Potsdamer Maler“ oder „Geburtstagsrunde“, 1976-80, Öl auf Jute, mit (v.l.n.r.) Peter Rohn, Ute Samtleben, Wolfgang Wegener, Christian Heinze, Barbara Raetsch, Waltraud Wegener, Gottfried Höfer, Karl Raetsch, Gundula Rohn.

Quelle: Potsdam Museum–Forum für Kunst und Geschichte, Copyright VG Bild Kunst, Bonn 2017

Potsdam. Eine seltsame, fast schon komische Melancholie liegt auf dem Ölbild „Potsdamer Maler“ von Karl Raetsch (1939-2004). „Geburtstagsrunde“ ist der zweite Titel dieser Arbeit, doch sie schauen aneinandergedrängt unter einem im Dämmerlicht hängenden Frauenakt gerade so freudlos drein, als sei nun wirklich alles gesagt. Peter Rohn erhoben mit dem Weinglas in der Hand, Wolfgang Wegener die Hände auf dem Tisch, Christian Heinze den Blick zur Nachbarin, Gottfried Höfer mit müdem Lächeln, versonnen und mürrisch in einem Karl Raetsch. Dazwischen die Künstlerfrauen. Ute Samtleben, Barbara Raetsch, Waltraud Wegener und Gundula Rohn. Auf der in verzerrter Perspektive übergroßen Tischplatte ein spartanisches, in manchen Details sehr liebevoll ausgeführtes Stillleben: ein magerer Blumenstraße in einer Flasche, grüne Äpfel in der Schale, eine Kerze mit senkrechter Flamme auf langem Docht. Alles hier ist Zeit, die langsam atmet.

Entstanden ab 1976, könnte man das Bild in der Rückschau mit einer politischen Botschaft verbinden. Mit einem Kreis von DDR-Intellektuellen im Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns vielleicht. Doch die Künstlerwitwe Barbara Raetsch verneint. Es war ein Freundeskreis, sagt sie: „Wir waren befreundet, haben uns gegenseitig besucht, unsere Bilder angesehen und uns ehrlich die Meinung gesagt.“ Die Lesart von Anna Havemann, Kunsthistorikerin am Potsdam-Museum, hingegen bestätigt sie: Alle Künstler in der Runde hatten einen biografischen Bezug zu Dresden. Und sie waren die Jüngeren. Das Bild manifestiert die Abgrenzung zur gestandenen Generation in der damaligen Bezirksstadt.

„Potsdamer Maler“ ist das einzige Werk eines Künstlers aus Potsdam, das ab dem 29. Oktober in der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Museum Barberini zu sehen ist. Gezeigt wird es als Leihgabe des Potsdam-Museums in der Abteilung „Gemeinschaftsbilder – Gruppen und Kollektive“ mit Arbeiten etwa von Harald Metzkes, der sich 1957 in seinem Triptychon „Die Freunde“ gemeinsam mit Künstlerkollegen wie Manfred Böttcher, Ernst Schroeder und Werner Stötzer porträtierte, oder Peter Herrmann, der 1976 in „Meine Freunde“ Strawalde, Peter Graf und Eberhard Göschel als Gemeinschaft verewigte.

Karl Raetsch sei in die Auswahl gekommen, weil sein Werk auch in seiner Verortung als „sinnvolle Ergänzung erschien“, sagt Valerie Hortolani, die Kuratorin der DDR-Kunstschau im Barberini. Anna Havemann, die 2014 die DDR-Kunstausstellung „Stadt Kunst Raum“ im benachbarten Potsdam-Museum kuratierte, bedauert, dass im Barberini nicht noch weitere Potsdamer zu sehen sind. Doch Hortolani entgegnet, dass eine Auswahl getroffen werden musste: „Wir hätten hunderte weitere Künstler hinzufügen können.“

Wolfgang Wegener (l), Barbara und Karl Raetsch 1976 vor dem Bild „Geburtstagsrunde“

Wolfgang Wegener (l.), Barbara und Karl Raetsch 1976 vor dem Bild „Geburtstagsrunde“.

Quelle: Privat

Die spezielle Atmosphäre der „Geburtstagsrunde“ von Karl Raetsch fand schon früh eine besondere Beachtung. „Häufiger war zu vernehmen, so richtig lustig, wie sich das für eine Geburtstagsgesellschaft gehört, wären die ja gar nicht“, sagte Wolfgang Wegener (1933-2002) ein Jahr nach der Fertigstellung des Bildes im Frühjahr 1981 in einer Laudatio: Er sprach von einem „Angebot“: „Den Kollegen sehen, wie er ist; anders als man selbst und trotzdem – Zusammengehörigkeit in den wichtigen Dingen.“

Entstanden ist das 114 mal 163 Zentimeter große Werk im Atelier von Karl Raetsch Am Kanal 71, das er nach dem Umzug in die Kapelle auf Hermannswerder um 1980 seiner Frau überließ. Die Anordnung der Personen und der Raum seien frei komponiert, vermutet Barbara Raetsch. Sie könne sich nicht erinnern, dass die Gruppe für dieses Bild einmal gemeinsam Modell gesessen habe. Die Porträts jedoch seien in sorgfältigen Studien vorbereitet worden. Das Gemälde schließlich sei „schon im Fluss, aus einem Guss gemalt, das merkt man auch“, sagt sie. Kraftvoll, manchmal fast grob und eigenwillig war die Handschrift von Karl Raetsch. Wegener spöttelte 1981 in seiner Laudatio respektvoll: „Der gelegentlich erteilte wohlmeinende Ratschlag, vielleicht einen etwas spitzeren Pinsel zu nehmen, um wenigstens in dieser Hinsicht mehr auf die Höhe der Zeit zu kommen, geht am Wesen künstlerischer Arbeit vorbei.“

Gruppenbilder gebe es nur sehr wenige von ihm, sagt Barbara Raetsch. Sie erwähnt „Die Brückenbauer“ (1978), entstanden beim Bau der Humboldtbrücke, mit fünf Männern in einem Boot, ein Motiv, von dem es drei Fassungen gibt. Von dem Kollegenbild, das laut Wegener „sowohl inhaltlich als auch künstlerisch ein Schlüsselbild für ihn“ war, malte er nur diese eine Version. 1983 wurde das Werk für die Sammlung Galerie sozialistische Kunst des Potsdam-Museums angekauft. Zuletzt war es 2005 in einer großen Retrospektive zur Erinnerung an Karl Raetsch zu sehen. Eine Widmung gibt es nicht, doch Barbara Raetsch vermutet, dass auf dem Bild ihr Geburtstag gefeiert wird. 1976 wurde sie 40: „Vielleicht hat er es mir zu Ehren gemalt, aber ich kann ihn nicht mehr fragen.“

DDR-Kunst im Museum Barberini

Die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Museum Barberini widmet sich der Inszenierung des Künstlerindividuums von 1945 bis 1989. Das Thema wird durch vier Generationen in Gemälden, Fotografie, Grafik, Collage, Skulptur und Aktionen vorgestellt. Die Ausstellung soll zeigen, dass Kunst nicht in ideologischen Zuschreibungen aufgeht.

Mit dieser Ausstellung, die vom 29. Oktober bis zum 4. Februar zu sehen ist, beginnt das Museum Barberini die Erforschung seiner Sammlung zur Kunst in der DDR, die in der Kunstgeschichte immer noch wenig beachtet ist. Ausgehend vom eigenen Bestand versammelt sie über 100 Werke von 80 Künstlerinnen und Künstlern.

Im Begleitprogramm gibt es am 16. November erstmals eine Kooperationsveranstaltung des Barberini mit dem Potsdam- Museum. Nach einem geführten Rundgang durch die Sonderschau spricht Jutta Götzmann, Direktorin des Potsdam-Museums, zum Thema „Harald Metzkes – Ich verfasse mich selbst“. Erstmals präsentiert werden zwei Gemälde, die Metzkes dem Potsdam-Museum schenkt.

Von Volker Oelschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
dfdbc0d4-af48-11e7-b225-97bf4e5da6db
Potsdam – damals und heute

Zeitreise durch Potsdam: Anhand von historischen und aktuellen Aufnahmen zeigt die MAZ, wie sich die Stadt Potsdam verändert hat – und was wieder aufgebaut wurde. Besuchen Sie mit Klick durch die Galerie Potsdams markante Ecken – damals und heute.

Die Karikaturen von Jörg Hafemeister aus 2018

Jörg Hafemeister karikiert seit Jahren die Potsdamer Lokalpolitik. Nun hat er immer mittwochs seinen festen Platz im Potsdamer Stadtkurier. Wir zeigen an dieser Stelle alle Karikaturen aus dem Jahr 2018.

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg